02.08.2019 - 11:45 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Der Konjunktiv im Bairischen: „Da Begger wà daou.“

Der Mundartsprecher nimmt den Konjunktiv auch für Tatsachen, wofür andere den Indikativ verwenden.

„Da Begger wà daou.“ Diese Ankündigung erfolgt im Dialekt jede Woche konsequent mit dem Konjunktiv II.
von Autor SLUProfil

Neben dem Indikativ und dem Imperativ ist der Konjunktiv im Deutschen eine von drei Aussageweisen des Tätigkeitsworts. Man unterscheidet den Konjunktiv I, der vornehmlich in der indirekten Rede verwendet wird, und den Konjunktiv II. Dieser wird auch als Irrealis bezeichnet und kommt unter anderem in Bedingungssätzen zum Einsatz, etwa in dem Beispiel „Wenn der Bäcker jetzt käme, könnte ich Brotzeit machen.“ Sollte es in diesem Augenblick tatsächlich an der Haustüre läuten, würde die besagte Person über die Sprechanlage folgenden Satz verlauten lassen: „Der Bäcker ist da.“ Mit der Verbform „ist“ wird bestätigt, dass sich der Erwartete vor dem Haus befindet.

Im (Nord-)Bairischen klingt dieser Satz, unabhängig von der unterschiedlichen Lautung, in einem wesentlichen Punkt gänzlich anders, und zwar: „Da Begger wà daou.“ Im Unterschied zum Standarddeutschen wird hier nämlich die Konjunktivform „wà“ (= wäre) für denselben Sachverhalt gebraucht. Damit wird implizit höflich zum Ausdruck gebracht, dass der Sprecher zur Verfügung stünde, wenn es dem Angesprochenen passen würde.

Noch expliziter spiegelt sich dies in der folgenden Situation wider: Hans Müller hat einen Termin beim Friseur und wendet sich nach dem Betreten des Geschäfts mit den Worten „I wàr ejtz daou.“ (= Ich wäre jetzt da.) an denselben. Wiederum bleibt der zweite Teil der Aussage unausgesprochen: „... wenns da bàssad.“ (= ... wenn es dir passen würde.).

In manchen Fällen kann man mit dem Konjunktiv II im Bairischen auch etwas Unterschwelliges mitschwingen lassen, wenn sich zum Beispiel ein Ehepaar anschickt, für einen Theaterbesuch aufzubrechen. Während der Mann geschniegelt und gebügelt bereits vor dem Haus bei seinem Auto wartet, ist seine Gattin im Bad noch mit den letzten „kosmetischen Korrekturen“ beschäftigt. Nach fünf Minuten kehrt der Wartende in das Haus zurück und bedeutet seiner besseren Hälfte: „I wà fẽi so weid.“ (Ich wäre so weit.) Ohne dass er artikuliert würde, ist der Vorwurf an die Frau, dass sie sich wieder einmal nicht an die vereinbarte Zeit hält, offenkundig. Unterstrichen wird dies durch „fẽi“, das in der Standardsprache keine Entsprechung hat.

So harmlos die Wörter „I wà so weid“ daherkommen, so sehr deuten sie die folgende (einer Internetseite entnommene) Interpretation an: „Ich bin längst abreisefertig, und Du, mein Schatz, Du stehst schon seit zweieinhalb Stunden vor dem Spiegel und wirst nicht fertig. Wir müssen aber schleunigst weg, denn sonst ist das Theater vorbei, ehe wir überhaupt dort angekommen sind. Im Übrigen verliere ich schön langsam meine Nerven, wenn Du nicht endlich aus dem Bad kommst.“

Neben den beschriebenen Fällen, die auf einer gemeinsamen Ebene angesiedelt sind, ist der Gebrauch des Konjunktivs II des Verbs „sein“ im Dialekt noch in einem anderen Bereich beziehungsweise in einer anderen Redewendung interessant, die einen Euphemismus darstellt. Und zwar handelt es sich um den Satz „Wenn amal wos wà.“ (Wenn einmal etwas wäre.). Damit wird von der betreffenden Sprecherin auf ihre Todesstunde angespielt. Kolportiert wird diese Aussage in Bezug auf ein altes Mütterchen, das sich in ihrem hohen Alter noch ein neues schwarzes Kostüm zulegt. Auf die Frage des Grundes erfolgt die Antwort „Wenn amal wos wà.“, das heißt im Sarg und vor ihrem Herrgott wille die betreffende Person schicklich gekleidet sein.

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