22.05.2019 - 10:47 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Das Kreuz mit und für Europa

Der Bauernverband fordert seine Mitglieder auf, zur Europawahl zu gehen, aber sich vorher mit den Programmen der etablierten Parteien auseinanderzusetzen.

Kreisbäuerin Sabine Schindler, Kreisobmann Josef Irlbacher und BBV-Geschäftsführer Josef Wittmann (von links) sind von der EU überzeugt, haben aber einige Hausaufgaben für sie. Die Verbesserungsvorschläge betreffen nicht nur die Landwirtschaft.
von Irma Held Kontakt Profil

(ihl) Im Gegenteil: Die führenden Köpfe des Bayerischen Bauernverbandes (BBV) im Landkreis - Kreisbäuerin Sabine Schindler, BBV-Kreisobmann Josef Irlbacher und -Geschäftsführer - sehen die europäische Einigung als Garant für Frieden, Freiheit und Wohlstand alternativlos. Sie treten für ein demokratischeres Europa und Reformen ein. Die Drei wollen mehr Macht für das Parlament. "Wir brauchen Brückenbauer. Wir brauchen verbindende Diplomaten, keine Polterer," sagt Josef Wittmann.

Er selbst zählt ebenso wenig zu Letztgenannten wie Sabine Schindler oder Josef Irlbacher. Deshalb schimpfen oder zetern beim Gespräch mit Oberpfalz-Medien zur Europawahl die Bauernvertreter nicht über die EU, was das Zeug hält, scheuen sich aber auch nicht Finger in die Wunden zu legen.

Weil das Grundsätzliche in Europa entschieden werde, hätten die Landwirte schon das Kreuz mit der EU, sagt Wittmann. Als jüngstes Beispiel nennt er die Vorschriften für die Betäubungszange beim Schlachten. "Manche Vorschriften sind bis ins Kleinste geregelt." Dieser Klimbim fuchst Wittmann, die Hygiene-Verordnung ebenfalls beim Schlachten etwa. "Die EU-Vorgaben werden bei uns stringent umgesetzt," nennt er ein deutsches Charakteristikum. Das impliziert, dass andere Länder nicht ganz so rigide seien. "Unter EU-Standard arbeiten wir eh nicht", stellt die Kreisbäuerin klar.

Regulierung bis ins Detail, das ist das, was den Geschäftsführer stört, nicht das große Ganze. Das ist das eine. Reichlich Verunsicherung herrscht Josef Irlbacher zufolge bei Landwirten wegen der Vorgaben nach dem erfolgreichen Volksbegehren zur Artenvielfalt. "Was verpflichtend kommt, möchte man fördern," sagt dazu Wittmann, aber Bayern habe die Rechnung noch nicht mit der EU gemacht. Er wage nicht zu prognostizieren, wie die Europäische Union entscheide. In keinem anderen Wirtschaftszweig redet Brüssel so stark mit wie in der Landwirtschaft. Das ist allerdings historisch begründet. Die Vergemeinschaftung der Agrarpolitik ist für Wittmann und Irlbacher eine Folge des Zweiten Weltkriegs. Es ging um Ernährungssicherheit, das heißt Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln. "Es war eine Riesennotwendigkeit diese gemeinschaftlich zu regeln." Überproduktion und Preisverfall seien durch die Marktordnung aufgefangen worden. Jetzt greife die EU in den Markt nicht mehr so ein wie früher, sondern rücke Tierwohl und Umweltschutz in den Mittelpunkt. Was heißt, dass die Landwirtschaft dem Weltmarkt ausgesetzt ist und die hiesigen Bauern auch in einem internationalen Wettbewerb stehen, "aber wir sind nur ein kleiner Teil vom Weltmarkt", bemerkt der Kreisobmann. Manche Produkte kämen zum Ärger der Landwirte in die EU, obwohl sie deren Standards nicht erfüllen.

"Die EU möchte von zentralistischen Vorgaben abrücken." Doch bei einer Rückkehr zu mehr nationalen Kontrollen ist Wittmann skeptisch, ob der Wettbewerb fair bleibe, denn die Deutschen seien oft überkorrekt. "Das Musterknabentum tut uns schon weh." Der hohe Agrarhaushalt der EU sei der Vergemeinschaftung geschuldet, kommt Wittmann auf einen anderen Punkt zu sprechen und die Agraretats der Mitgliedstaaten seien demzufolge vergleichsweise niedrig. Viel Geld fließe deshalb aus Brüssel in die Landwirtschaft, aber als Ausgleich für Auflagen. für das, was die Bauern laut Sabine Schindler eh schon machen. Werde den Landwirten jetzt durch den Artenschutz nach dem Volksbegehren mehr drauf gepackt, müssten sie finanziell entschädigt werden. Durch die extensive Bewirtschaftung der Gewässerrandstreifen gehe Fläche zur Produktion und damit Einkommen verloren, erklärt Josef Irlbacher, "Man kann nicht Wirtschaftszweige belasten und sagen, das macht ihr schon", ist Wittmanns Fazit und er schielt dabei nicht nur auf Brüssel.

Gut finden alle Drei, die Einheit in Vielfalt. Konkret den Schutz für regionale Besonderheiten, wie den Zoigl beispielsweise. Freier Warenaustausch über offene Grenzen hinweg sei dem gemeinsamen Haus Europa geschuldet. Die Landwirtschaft profitiere außerdem von der Arbeitnehmerfreizügigkeit. Ohne sie gäbe es hier keinen Spargel oder Gurken. Wittmann spielt auf die Erntehelfer und Saisonarbeiter aus Osteuropa an. "Oder der Spargel wäre erheblich teurer", merkt Sabine Schindler an.

Der BBV-Geschäftsführer nennt unter anderem noch zwei Erwartungen an die EU - neben einer modernen Agrartechnik auch einen modernen Pflanzenschutz sowie einen starken Binnenmarkt. Herausforderungen wie der Klimawandel seien nur europäisch anzugehen genauso wie es eine europäische Außenpolitik brauche. Ebenso wünsche der Bauernverband ein klares Bekenntnis zu den bäuerlichen Familienbetrieben als wirtschaftliche und gesellschaftliche Säulen in den ländlichen Räumen Europas. Landwirte würden es auch sehr zu schätzen wissen, wenn sich Brüsseler Reglungen auf übergeordnete Themen beschränkten.

Die örtlichen Bauern-Vertreter sähen gern mal die Köpfe hinter all den Brüsseler Verordnungen. Nicht die politischen, sondern die der Beamten. Sie sollten rausgehen und sich der Diskussion stellen. Bisher werde Europa hauptsächlich als gesichtslose Bürokratie erlebt.

Josef Irlbacher
Sabine Schindler
Europawahl :

Vier Fragen zu Europa

Josef Wittmann:

Bei Europa denke ich trotz der vielen Herausforderungen an ein gelungenes Miteinander der Völker in Frieden, Einheit und Freiheit. Die offenen Grenzen haben den Handel gefördert und Arbeitsplätze gesichert.

An der europäischen Einigung finde ich gut, dass es gemeinsame Werte gibt, auf die wir uns berufen können und daran orientieren müssen.

Verbesserungswürdig sind die Abläufe in der EU, die schwierigen und langatmigen Entscheidungsprozesse sowie die komplexen Strukturen. Eine Verschlankung und Vereinfachung, insbesondere ein Bürokratieabbau würden der EU gut tun.

Von der EU erwarte ich mir, dass sie sich weniger mit dem "Klein-klein" kümmert, sondern das große Ganze im Blick hält. Wir brauchen ein starkes Europa, das geschlossen nach Außen auftritt.

Sabine Schindler:

Bei Europa denke ich an eine bunte Gemeinschaft.

An der europäischen Einigung finde ich gut, den Austausch auf allen Ebenen.

Verbesserungswürdig ist vieles, vor allem die sperrige Struktur. Es braucht mehr Demkratie und weniger Bürokratismus.

Von der EU erwarte ich mir,

ehr Wertschätzung für den Bauernstand.

Josef Irlbacher:

Bei Europa denke ich an offene Grenzen.

An der europäischen Einigung finde ich gut, dass ein Interessensausgleich stattfindet.

Verbesserungswürdig sind die langen Wege bei Entscheidungen.

Von der EU erwarte ich mir, mehr Gesicht vor Ort.

Josef Wittmann
Brexit:

Nettozahler weniger

"Der Brexit macht uns Heidenangst", betont BBV-Geschäftsführer Josef Wittmann. England als großer Nettozahler falle weg bei gleichbleibenden oder mehr Auflagen. Vorboten des Brexit seien schon jetzt in den Lebensmittelläden zu spüren. Irische Ware dränge bereits verstärkt auf den Markt. Die Grüne INsel ist von der Milch geprägt, so wie wir hier auch."

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