Schwandorf
03.12.2018 - 15:43 Uhr

Vom Leiden der Heizer

Nicht nur Eisenbahn-Romantiker schwärmen für Dampfloks. Diese Stahlkolosse waren eng mit der Eisenbahn-Stadt Schwandorf verbunden. Aber auch hier gilt: Der Nahblick lässt nicht viel Romantik übrig. Vor allem die Heizer litten.

Das Motivblatt für den August im Jahreskalender 2019 "Mit der Eisenbahn durch Land und Zeit" stammt von Fotografen Günter Haslbeck. Den Kalender hat der frühere Neunburger Johannes Wiemann zusammengestellt. Bild: exb
Das Motivblatt für den August im Jahreskalender 2019 "Mit der Eisenbahn durch Land und Zeit" stammt von Fotografen Günter Haslbeck. Den Kalender hat der frühere Neunburger Johannes Wiemann zusammengestellt.

Welcher Junge wollte früher nicht Lokführer werden? Die Züge mit ihren schwarzen Dampflokomotiven und den vielen Waggons wirkten auf junge und nicht mehr ganz so junge Männer äußerst anziehend. Heute wäre die Bahn froh, wenn dieses Image noch greifen würde, Nachwuchsprobleme quälen auch den einstigen Staatskonzern und seine vielen Ableger.

Schwandorf hat eine lange Eisenbahn-Geschichte. Bereits am 12. Dezember 1859 wurde die komplette Ostbahn von Nürnberg über Amberg, Schwandorf und Regensburg nach München dem Verkehr übergeben. Schwandorf war kaum zur "Eisenbahnerstadt" geworden, als die Entwicklung bereits weiter ging in Richtung "Eisenbahnkreuz Schwandorf". Schon im Jahr 1860 konnte die Strecke nach Cham befahren werden, und 1863 wurde Schwandorf-Weiden-Bayreuth in Betrieb genommen. Mit der Weiterführung der Bahnstrecke 1865 nach Eger nahm die Zahl der Badereisenden zu, die nun eine bequeme Verbindung in die böhmischen Bäder Marienbad, Franzensbad und Teplitz bekamen. Großen Einfluss auf die Entwicklung des Oberpfälzer Eisenbahnwesens hatte der Oberpfälzer Gustav von Schlör. Er war Eisenbahnreferent im Landtag und brachte es bis zum Betriebsdirektor der Ostbahn.

Mehr Arbeitsplätze

Für Schwandorf selbst hatte die Eisenbahn enorme Auswirkungen. Die Geschäftigkeit der Stadt verlagerte sich vom Marktplatz weg in Richtung Bahnhof. Die Zahl der Arbeitsplätze stieg gewaltig an und Schwandorf wurde zur Verkehrsdrehscheibe. Seine Stellung als Verkehrsknoten von europäischen Rang hat Schwandorf allerdings mit dem Lückenschluss der Magistrale Nürnberg-Prag im Jahr 1883 wieder verloren. Jedoch waren unter anderem die Errichtung eines Landgericht-Sitzes und der Bau der Tonwarenfabrik der zentralen Lage Schwandorfs zu verdanken.

Für Freunde der Eisenbahn-Nostalgie ist wieder ein Jahreskalender erschienen, dessen Blatt für August 2019 einen Blick von der Adenauerbrücke in Schwandorf auf das Bahnhofsgelände mit seiner Gleisanlage bietet. Ein Güterzug, an dessen Spitze sich eine Dampflok müht, fährt gerade in Richtung Osten ab, ein roter Triebwagen kommt nach Schwandorf herein. Das Bild ist genau 45 Jahre als, stammt also aus dem Jahr 1973.

Der frühere Schwandorfer Josef Winkler ist vom Fach und wenn er das Foto betrachtet, kommen nicht nur gute Erinnerungen hoch. "Ich hab die Zeit als junger Lokführer mitgemacht. Von Schwandorf nach Nürnberg brauchte eine Dampflok 1,5 Tonnen Kohle und 15 Kubikmeter Wasser. Diese Kohle musste erst mal verschürt werden, weshalb auch viele Heizer Bandscheibenleiden hatten", weiß er noch. Nach 400 Kilometer mussten überdies alle Gleitlager der Lok geschmiert werden: "Eine Drecksarbeit, die vor allem der Heizer unter der Lok ausführen musste. Danach sah er aus, als ob er in Öl gebadet hätte." Dagegen hatte es der Lokführer "schön". Wenn überhaupt, schmierte er laut Winkler die Antriebsstangen, an die man gut hinkam. "Meistens, gingen vor allem die alten Lokführer, wir nannten sie die 'Herrenlokführer', die nur Dampflok fahren konnten, in die Kantine und ließen den Heizer die Lok alleine schmieren. Für manche mag das Nostalgie sein, wer aber einmal damit zu tun hatte, ist froh, dass diese Zeit vorbei ist."

Unangenehme Dämpfe

Winkler gruselt sich auch bei anderen Aspekten des Berufs: "Im Winter war es eiskalt und im Sommer sehr heiß auf der Lok! Dazu kam der Lärm und der Staub." Nach jeder Fahrt musste die Schlacke aus der Brennkammer entfernt werden. Dafür fuhr man über einen mit Wasser gefüllten Behälter. "Die Schlacke war natürlich noch sehr heiß, und wenn sie ins Wasser fiel, entstanden Dämpfe. Ob die giftig waren, kann ich jetzt nicht sagen, aber unangenehm war es immer. Auch das war die Arbeit des Heizers."

Der Lokführer war der absolute Chef auf der Lok - und das ließen manche den Heizer auch spüren, sagt Winkler. "Wir hatten einen alten Lokführer, der machte mit Kreide in der Mitte des Führerstand einen Strich und den Strich durfte der Heizer nicht übertreten. Das ist kein Schmarrn, es ist die Wahrheit. Aber die meisten Lokführer kamen mit dem Heizer gut aus, vor allem die jungen!"

 
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