05.02.2020 - 08:50 Uhr
SchwandorfOberpfalz

"Menschen nicht alleine lassen"

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Heidi Gentzwein (60) hat in den vergangenen 24 Jahren viel Herzzerreißendes mitgemacht. Als Notfallseelsorgerin erlebt sie Angehörige im Ausnahmezustand. Und versucht zu helfen. "Wunder kann ich aber nicht vollbringen."

Notfallseelsorger werden von der Leitstelle alarmiert, so wie andere Hilfskräfte auch. Am häufigsten haben die Seelsorger aber nicht mit Unfallopfern zu tun, sondern werden zu häuslichen Todesfällen gerufen. Oder sie unterstützen die Polizei beim Überbringen von Todesnachrichten.
von Thomas Dobler, M.A. Kontakt Profil

Die evangelische Pfarrerin von Schwarzenfeld hat kürzlich nach einem knappen Vierteljahrhundert die gelbe Notfall-Jacke an den Nagel gehängt. Gut 250 Mal ist sie in dieser langen Zeit zu Unfällen und zu häuslichen Krisen gerufen worden. "Ich war ja von ganz am Anfang mit dabei, seit den 1990er Jahren; damals war ich noch Krankenhauspfarrerin," erinnert sie sich an den Beginn ihrer aufreibenden Aufgabe. Zu den Notfallseelsorgern gehörten zu jener Zeit zwölf Pfarrer beider Konfessionen. "Ich war die einzige Frau."

Dass sie den Dienst jetzt aufgegeben hat, hat nicht nur mit dem Alter zu tun. "Ich werde jetzt 61 und muss die Vertretung für die Vakanz in den Kirchengemeinden Nabburg und Pfreimd übernehmen. Und es ist ja auch belastend."

Oft zu häuslichen Todesfällen

Im Landkreis Schwandorf ist es so organisiert, dass in der Regel zuerst die Notfallseelsorge NFS alarmiert wird. "Es gibt aber schon genug Feuerwehrler oder Rettungsdienstler vor Ort, die gleich das Kriseninterventionsteam KIT holen." Das sind kirchlich gesehen Laien, die alle einen normalen Beruf haben. Das KIT wird im Landkreis von den Johannitern getragen. KIT und NFS sind zwei verschiedene System, aber man trifft sich monatlich bei den Johannitern in der Dienststelle in Schwarzenfeld und macht miteinander Nachbesprechung von den Einsätzen. "Das ist sehr wichtig, denn mit wem soll man sonst darüber reden?" Alle zwei, drei Monate kommt außerdem als Supervisor ein Psychologe dazu.

Die Dienstbereitschaft wurde vor zwei Jahren auf einen Tag in der Woche verkürzt, "denn eine ganze Woche Dienst am Stück ist schon sehr belastend, wenn man Tag und Nacht auf dem Sprung ist". Der größte Anteil der Einsätze sind häusliche Todesfälle. "Die Leute rufen dabei nicht ihren Ortspfarrer an, den kennen sie oft gar nicht mehr." Stattdessen werde über den Notarzt die Notfallseelsorge alarmiert. "Wenn das nachts ist und ich bin wach, dann fahr ich natürlich, da muss der Ortspfarrer nicht auch noch aufstehen."

"Sich beistehen und trösten"

"Es ist die Dringlichkeit der menschlichen Not," begründet Gentzwein ihr Engagement, "ich denke mir, du kannst doch die Menschen hier nicht einfach alleine lassen, die brauchen jemand, der die Wogen glättet und die ersten Schritte einleitet - und dass sie einfach nicht alleine sind." Das sei für sie "eine Sache von Mensch zu Mensch, da muss ich jetzt nicht gar nichts besonderes machen, nur da sein und das aushalten". Ihr ist klar, dass sie keine Wunder vollbringen könne. "Aber das ist das Schöne an dieser schweren Arbeit, dass man sich einfach so nahe kommt, sich beisteht und sich tröstet und wildfremde Menschen umarmen kann, weil es in diesem Moment so richtig ist."

An einer Unfallstelle sei sie schon länger nicht mehr gewesen. Aber die Pfarrerin weiß noch, wie sie sich dort immer mit der Polizei, mit der Feuerwehr hingestellt und einen Segen gesprochen hat für den Toten. Die Seelsorgerin nennt das "Erste Hilfe für die Seele".

Das sei aber nicht unumstritten: "Mir hat einmal ein Feuerwehrler gesagt, dann wird es erst schlimm für ihn, wenn ich da stehe und bete, denn dann ist das Unfallopfer nicht mehr so anonym, sondern rückt ihm näher." Sie ist aber trotzdem der Meinung, dass so etwas auch zur Menschenwürde dazugehöre, dass man eine Kerze hinstelle, den Toten zudecke und für ihn noch bete - noch dazu, wenn man vielleicht eine Stunde auf den Staatsanwalt warten müsse. "Auch für die Angehörigen ist es wichtig zu wissen, dass er noch als Mensch wahrgenommen wurde, auch wenn er vor dem Recht nur noch eine Sache ist", betont sie. Genauso erzähle sie das auch bei ihrem Unterricht bei der Bereitschaftspolizei.

Normalerweise fahre sie nachts alleine los. Die Wege sind manchmal weit. "Was bin ich auf den Dörfer früher herumgeirrt, ohne Navi. Da kann passieren, dass man eine Stunde unterwegs ist." Wenn sie beispielsweise wisse, "das ist jetzt ein Suizid auf einem Bauernhof und die ganze Nachbarschaft ist da, dann rufe ich gleich das KIT dazu." Das KIT komme immer zu zweit.

Katholische Nachfolger

Schlimm sei auch, wenn man die Todesnachricht überbringen muss. "Da werden wir Notfallseelsorger in der Regel von der Polizei angerufen, dass da jemand von uns mitgeht." Auf keinen Fall dürfe man die Nachricht an der Haustür überbringen, wie man das manchmal in Krimis sehen würde. " Man muss sich auch vergewissern: Bin ich überhaupt bei den richtigen Leuten? Nicht dass wegen einer Namensähnlichkeit vorab die falsche Adresse rausgesucht wird. Das ist schon einmal passiert."

Beendet hat nicht nur Heidi Gentzwein den Dienst als Notfallseelsorgerin im Landkreis Schwandorf. Auch ihre evangelische Pfarrer-Kollegin Irene Friedrich (Nabburg/Pfreimd) hat aufgehört - sie wechselte vor kurzem nach Franken. Sechs Jahre war sie hier als Notfallseelsorgerin im Einsatz.

Die beiden Nachfolger stehen bereit: Michael Hirmer, katholischer Pfarrer in Teublitz, war schon als Kaplan in der NFS tätig. Auch der Burglengenfelder Pfarrer Helmut Brügel verstärkt künftig das Team der Notfallseelsorger.

Das ist das Schöne an dieser schweren Arbeit, dass man sich nahe kommt, sich beisteht und tröstet.

Pfarrerin und Notfallseelsorgerin Heidi Gentzwein aus Schwarzenfeld

Pfarrerin und Notfallseelsorgerin Heidi Gentzwein aus Schwarzenfeld

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