30.11.2018 - 14:09 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Neun Jahre Haft: Letzter Teil einer Tragödie

Die Entscheidung des Schwurgerichts hat rein juristisch absoluten Seltenheitswert: Der Täter ist zwar ein Mörder, doch er muss dafür nicht für den Rest seines Lebens hinter Gitter. Er wird zu neun Jahren Haft verurteilt.

Anwalt Gunther Haberl mit dem verurteilten Mörder.
von Autor HOUProfil

Nein, es war kein Totschlag. Bei dem, was am Abend des 21. Februar dieses Jahres in einem Haus an der Lindenstraße in Schwandorf geschah, handelte es sich nach Ansicht des Amberger Schwurgerichts um Mord. Zwar geplant und heimtückisch ausgeführt, doch andererseits von einer verzweifelten Lage des Täters begleitet. Von daher entschloss sich die von Richterin Roswitha Stöber geführte Strafkammer am Landgericht zu einer höchst seltenen rechtlichen Würdigung: Sie verurteilte den 59-Jährigen auf der Anklagebank wegen eines hinterhältig begangenen Kapitalverbrechens, schickte ihn dafür aber nicht für immer in Haft. Der Mann bekam neun Jahre Gefängnis.

In Ausnahmesituation

"Ein ungewöhnlicher Fall", beschrieb Richterin Stöber die gewonnenen Eindrücke und skizzierte, wie der 59-Jährige mehr und mehr ohne eigenes Zutun in eine prekäre Situation schlitterte. Er musste sich um seine plötzlich zum Pflegefall gewordene Gattin kümmern, sah einen Berg häuslicher Pflichten vor sich und habe in dieser Lage zur Kenntnis nehmen müssen: "Er selbst hätte zu einer Operation in die Klinik gehen sollen und der Mietvertrag wurde gekündigt".

Der Täter, so schilderte die Vorsitzende, sei zwar Alkohol gewohnt gewesen. Doch am Tag der Tat habe er zweifelsohne "mehr als sonst üblich" getrunken. "Dann ging er ins Schlafzimmer, setzte sich auf seine Frau und erwürgte sie." Danach schrieb der Arbeiter zwei Abschiedsbriefe, wollte sich mit 60 Tabletten selbst das Leben nehmen.

Täter akzeptiert Urteil

Auch das, so die Richterin, lasse Rückschlüsse auf die Ausnahmesituation zu. Eines allerdings blieb in der Urteilsbegründung nicht unerwähnt. Die Vorsitzende sagte, keiner dürfe sich das Recht herausnehmen, über das Leben anderer final zu befinden.

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Eine Entscheidung, wie sie zu dem Mordfall in Schwandorf getroffen wurde, ist bundesweit höchst selten. Denn nur bei ganz besonderen Begleitumständen erlaubt es das Gesetz, im Fall von Mord keine lebenslange Haft zu verhängen. "Wir hatten hier so eine Begebenheit", unterstrich die Vorsitzende des Schwurgerichts. Der 59-Jährige war daraufhin bereit, die Entscheidung des Gerichts sofort zu akzeptieren.

Allerdings gab es von der Staatsanwaltschaft keine Erklärung dazu. Doch eine Revision erscheint eher unwahrscheinlich. In seinem Plädoyer hatte der Leitende Oberstaatsanwalt Joachim Diesch elf Jahre Haft gefordert.

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