20.09.2018 - 11:48 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Plädoyer für die Demokratie

Es ist die Geschichte eines Mannes und des spektakulärsten Ereignisses in seiner politischen Karriere. Als zum Film "Wackersdorf" alles gesagt ist, spricht er, Hans Schuierer aus Klardorf.

von Autor HOUProfil

Wieder eine Premiere, diesmal in Schwandorf. München, Amberg und Nittenau waren schon. Eine sehr bemerkenswerte Werbestrategie für Oliver Haffners Film "Wackersdorf", der heute bundesweit in 130 Kinos anläuft. Die Protagonisten kamen alle zu dieser Vorpremiere. Sie traten ganz zum Schluss vor den nicht vorhandenen Vorhang der Oberpfalzhalle und ließen sich von geschätzt 800 Besuchern feiern.

Dieser Massenbesuch und -andrang ist das eigentlich Erstaunliche. Drei Jahrzehnte nach den Ereignissen um den Bau einer atomaren Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) bei Wackersdorf kommen die Leute in Scharen. Auch junge Menschen. Ihnen und allen anderen, die das sehen wollen, wird die Botschaft vermittelt: Da geht eine Staatsregierung her, begibt sich in unsägliche Konglomerate mit der Atomlobby, durchbricht und beugt geltendes Recht. Und ja: Das war so unter einem, der Franz Josef Strauß hieß.

Schuierer im Mittelpunkt

Der Film "Wackersdorf" orientiert sich an der Person des Hans Schuierer. Damals Landrat von Schwandorf und anfangs recht angetan von einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme namens WAA mit vorgegaukelten 3000 Stellen. Dann wird der SPD-Mann stutzig und mag nicht länger mitspielen in einer die Demokratie gefährdenden Strategie, die immer obskurere Formen annimmt. Samt einer unbeherrschbaren radioaktiven Gefahr.

Ja, es ist ein Film. Und durchaus: Es gibt künstlerische Freiheiten, die Dinge nicht immer so schildern, wie sie wirklich waren. Leute, die damals jeden Tag mit ihm Kontakt hatten, wissen: Schuierer duzte sich zu keinem Zeitpunkt mit einem der Projektbetreiber. Er brach die Verbindung zum Wackersdorfer Bürgermeister Josef Ebner nie ab. Der heute 87-Jährige formte auch nicht den Begriff "Demokratur". Er sprach von "Ein-Mann-Demokratur" und meinte damit Franz Josef Strauß.

Gleichwohl: Der Schauspieler Johannes Zeiler ist die eigentlich glänzende Figur. Er kommt Hans Schuierer (mal abgesehen vom Dialekt) sehr nahe. Einer, der den Aufstand des Gewissens brillant in Szene setzt. Doch Schuierer war und ist eben Schuierer. Dass bei den Recherchen im Vorfeld erkannt wurde, wie sehr er den Leberkäs einer Hummer-Speise vorzieht, ist erwähnenswert. Dass er eigentlich nur ganz selten im Familienkreis saß, auch.

Wichtig ist, dass alles so kam, wie man es heute kennt. Ohne in den Einsatz getriebene Uniformträger, ohne kreischende Rodungssägen und ohne vom Widerstand errichtete Hüttendörfer. Vor allem aber: Ohne WAA. Was Regisseur Oliver Haffner schuf, ist ein Dokument, das belegt: Demokratie ist erst dann ihres Namens wert, wenn Demokraten an der Macht sind.

Der richtige Zeitpunkt

Das eigentliche Ereignis des Abends in der Schwandorfer Oberpfalzhalle war nicht der Film. Es war die Rede des mit stehendem Beifall begrüßten Hans Schuierer. Der Sozialdemokrat ließ wissen: "Diese Produktion kommt genau zum richtigen Zeitpunkt. Denn das darf sich nie wiederholen." Was er damit meinte, musste der 87-Jährige nicht näher begründen: Aufmärsche in Chemnitz, Morde durch NSU und dann auch diese momentan durch Staatsgewalt betriebene Räumungsaktion im Hambacher Forst.

"Ich bin tief in Sorge", unterstrich Schuierer. Die ganze Oberpfalz war es, als er damals an Mikrofonen stand, um Strauß die Stirn zu bieten. Vor 100 000 Menschen, die sich als Chaoten beschimpfen lassen mussten.

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