01.10.2018 - 15:34 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Prollcrew Schwandorf: Rechtsrocker grölen in der Oberpfalz

Schlägertrupps, die fürs Vaterland keine Gewalt scheuen, und Musikgruppen, die mit rechten Parolen Neonazis zum Tanzen bringen: Diese Szenen könnten Alltag in Schwandorf werden. Die Prollcrew Schwandorf organisiert Rechtsrock-Konzerte.

von Cindy MichelProfil

Von Cindy Michel und Christopher Dotzler

Die Neonazi-Szene in Schwandorf - mit diesem Thema beschäftigt sich ein vor kurzem veröffentlichter Artikel auf Zeit Online vom Informationsportal Störungsmelder. "Wie die Oberpfalz zum neuen Neonazitreffpunkt wird" titelt der Blogbeitrag und untersucht die Aktivitäten der sogenannten Prollcrew Schwandorf. Bei dem Männerverein handle es sich um einen Club mit Sitz in Schwandorf, deren 15 bis 20 aktive Mitglieder sich gerne als unpolitische Fußballfreunde inszenieren, schreibt der Störungsmelder. Doch harmlos und unpolitisch sei dieser Verein nicht, sondern eine rechtsextreme Organisation.

Unter Beobachtung

Diese Einschätzung untermauern die Aussagen von Sönke Meußer, stellvertretender Pressesprecher des Bayerischen Landesamtes für Verfassungsschutz: "Zu einzelnen Mitgliedern der Gruppierung gibt es Bezüge in die rechtsextremistische Szene", sagt er und bestätigt die Recherche des Blogs auf Zeit Online. Soll heißen: Die Prollcrew Schwandorf wird dem subkulturellen Rechtsextremismus zugeordnet. Ihre Bestrebungen und Tätigkeiten werden beobachtet.

Trotz aller Beobachtungen konnte die Prollcrew laut Störungsmelder im Dezember 2017 unter dem Radar der Behörden im Schwandorfer Ortsteil Klardorf ein Rechtsrock-Konzert mit dem Musiker Martin Böhne organisieren. Böhne spielte in der Vergangenheit bei "Oidoxie", einer Szene-Band aus dem Dunstkreis des gewalttätigen Netzwerks Combat 18. Es gilt laut Recherchen der antifaschistischen Gruppe "Exif" und des Norddeutschen Rundfunks (NDR) als bewaffneter Arm des internationalen Netzwerks Blood and Honour. Der deutsche Ableger wurde als verfassungsfeindlich eingestuft und im Jahr 2000 verboten.

Antifa demonstriert gegen die Prollcrew

Schwandorf

Das zweite von der Prollcrew organisierte Rechtsrock-Konzert stieg bereits wenige Monate später in Steinberg am See. "Am 14. April 2018 organisierte die Prollcrew Schwandorf ein als Geburtstagsfeier getarntes rechtsextremistisches Konzert mit etwa 60 Teilnehmern", berichtet Sönke Meußer vom Verfassungsschutz. "Es traten die rechtsextremistischen Bands ,Schanddiktat' und ,Germanium' auf." Letztere habe sich am 15. April auf ihrem Facebook-Profil bei der Prollcrew Schwandorf für die "vorbildliche" Organisation des Abends bedankt.

Stadt und Landkreis Schwandorf bekamen von dem rechten Lärm nichts mit, weder Landrat Thomas Ebeling noch Ordnungsamt ist die Prollcrew Schwandorf laut eigenen Aussagen bekannt. Es seien auch keine Beschwerden oder Hinweise aus der Bevölkerung eingegangen. Nach jüngsten Erkenntnissen aber wollen sich nun Ordnungsamt und Polizeidienststelle austauschen, falls Infos über derartige Veranstaltungen bekanntwerden sollten. Der Landrat wolle die Situation erst einmal "in Ruhe bewerten", aber "bei Extremismus in allen Bereichen wachsam und aufmerksam" sein.

Polizei und Verfassungsschutz bekamen von der ersten Veranstaltung kurz vor Weihnachten ebenfalls nichts mit. Über das Konzert in Klardorf "lagen uns tatsächlich keine Kenntnisse vor", bestätigt Dietmar Winterberg, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Oberpfalz. In der auf Facebook angekündigten Veranstaltung in Steinberg am See waren allerdings Einsatzkräfte vor Ort. Das Konzert habe in geschlossenen Räumen stattgefunden, strafrechtliche relevante Verstöße soll es keine gegeben haben, sagt Winterberg. Die Prollcrew werde bei der Polizei unter dem Vermerk "Gruppe mit Beziehungen zum internationalen Rechtsrock Milieu" geführt.

Ohne Rechtsrock ist das gesamte rechtsextreme und neonazistische Milieu gar nicht zu begreifen.

Günter Kohl, Regionalbeauftragter für Demokratie und Toleranz

Günter Kohl, Regionalbeauftragter für Demokratie und Toleranz

Gewaltaffinität ist groß

Rechtsextremismusexperte und Publizist Jan Nowak warnt davor, Gruppen zu unterschätzen, die nicht massiv in der Öffentlichkeit auftreten, sondern still und heimlich ihre Aktionen planen: "Subkulturell ausgerichtete Neonaziorganisationen zu ignorieren, nur weil sie sich nicht mit Transparenten auf den örtlichen Marktplatz stellen, ist fatal." Sie müssten stärker in den Fokus der öffentlichen Auseinandersetzung rücken, da sie ebenso neonazistische Inhalte vertreten würden wie etwa die Partei Der III. Weg. Nowak, der rechtsextreme Gruppen seit Jahren beobachtet, warnt eindringlich: "Ihre Gewaltaffinität ist häufig groß und sie stellen eine sehr konkrete Gefahr für alle jene dar, die nicht in ihr Weltbild passen." Beunruhigt über die jüngsten Entwicklungen der rechten Szene in Schwandorf, zeigt sich auch Günter Kohl, Regionalbeauftragter für Demokratie und Toleranz: "Da die rechtsextreme Szene junge Leute vor allem auch über Musik zu rekrutieren versucht, sehe ich darin ein großes Gefahrenpotential." Man dürfe nicht vergessen, dass Personen aus dem Umkreis der neonazistischen Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) Kontakte zur rechtsextremen Musikszene hatten, so der Berufsschullehrer, zuständig für Extremismusprävention und -intervention an Oberpfälzer Schulen. "Ohne Rechtsrock ist das gesamte rechtsextreme und neonazistische Milieu gar nicht zu begreifen."

Die Prollcrew in den sozialen Medien:

Vor allem die Social-Media-Accounts der Prollcrew Schwandorf werden laut stellvertretendem Pressesprecher Sönke Meußer vom Verfassungsschutz überwacht. Aus ihnen ziehen sich die Agenten Informationen. Gepostete Fotos erzählen von gemeinsamen Reisen. So scheint die Prollcrew Schwandorf in mehreren europäischen Ländern Flagge gezeigt zu haben: "Ein Bild aus dem Januar ist vor dem Kolosseum in Rom aufgenommen und zeigt eine Fahne mit dem Logo der Prollcrew", berichtet Meußer.

Auf einem anderen sehe man zwei Personen und wieder diese Flagge, Ortsangabe Budapest, Datum Februar, überschrieben mit "Avanti ragazzi di Buda" - der Titel eines italienischen Liedes über den Ungarnaufstand. In diesem Foto inklusive Titel finden die Verfassungsschützer deutliche Hinweise auf Verbindungen der Prollcrew in das rechtsextreme Milieu. Denn jedes Jahr im Februar kämen in Budapest Rechtsextremisten zusammen, um am sogenannten Tag der Ehre an diese Schlacht zu erinnern: "Es ist davon auszugehen, dass der Post der Prollcrew in diesem Zusammenhang steht und Mitglieder der Gruppierung deshalb in Budapest waren", so der Pressesprecher.

Des Weiteren finde man in deren Timeline ein Bild, das ein Tattoo der Buchstaben SPC zeigt, die für Schwandorf Prollcrew stünden. Das S sei als Rune gestochen. Außerdem seien Posts bezüglich Besuchen von rechstextremistischen Konzerten auf dem Social-Media-Profil thematisiert worden. Auf Facebook hätten sich Gruppenmitglieder in "mit für die rechtsextremistische Szene typischer Kleidung präsentiert" und dabei Bezug auf rechtsextremistische Musik genommen, so der Verfassungsschutz. Aktuell ist der Facebook-Account der Gruppe nicht verfügbar. (cim)

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