26.06.2020 - 16:19 Uhr
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Schwandorf: Wolf kritisiert Verbot von Werkverträgen

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Das Thema Werkverträge in der Fleischindustrie beherrscht derzeit die Medien. Der Wursthersteller Wolf aus Schwandorf spricht sich gegen ein generelles Verbot aus. Die Gewerkschaft für Nahrung, Genuss und Gaststätten (NGG) sieht das anders.

Das Schwandorfer Werk der Wolf Wurstspezialitäten GmbH: Beim Oberpfälzer Unternehmen arbeiten zu Spitzenzeiten bis zu 450 Beschäftigte über Werkverträge oder Arbeitnehmerüberlassungen an den einzelnen Standorten.
von Wolfgang Ruppert Kontakt Profil

Der Ausbruch des Coronavirus beim Fleischhersteller-Giganten Tönnies hat erschreckende Ausmaße angenommen. Gleichzeitig hat das große Missstände in der Fleischindustrie an die Oberfläche gespült - Stichwort Werkverträge. Die will Bundesarbeitsminister Hubertus Heil ab dem 1. Januar verbieten, wobei sich das Bundeskabinett längst darauf geeinigt hatte. Nicht nur bei Tönnies, sondern auch bei der Oberpfälzer Wolf Wurstspezialitäten GmbH mit Werken in Schwandorf und auch Nürnberg gibt es solche Anstellungsverhältnisse. Anders als Tönnies aber ist Wolf kein Schlacht- und Zerlegebetrieb.

Wolf warnt vor den Folgen

Geschäftsführer Bernhard Oeller warnt, dass ein generelles Werkvertragsverbot immense Folgen für Arbeitsplätze und die Produktion haben könnte. Grund dafür sei, dass viele Fleischprodukte starken saisonalen Schwankungen unterliegen. Das bedeutet im Klartext: Oeller sagt, dass die Menschen je nach dem, ob die Sonne scheint und die Biergärten voll sind, mehr oder weniger Grillprodukte konsumieren. Oeller: "Die Nachfrage kann wöchentlich um hundert Prozent schwanken." Dementsprechend sei das Unternehmen darauf angewiesen, solche "Produktionsspitzen" mit Arbeitnehmerüberlassungen und Werkverträgen abzudecken. Bei einem grundsätzlichen Werkvertragsverbot könne das Unternehmen die Nachfrage nicht mehr decken. Oeller: "Das deutsche Arbeitsrecht sieht nicht vor, jedes Jahr Mitarbeiter zeitlich befristet wochen- oder monatsweise einzustellen und dann wieder zu entlassen. Das ist schlichtweg nicht praktikabel."

Verfassungsklage prüfen

Kampflos geschlagen geben will sich die Firma zudem nicht. Eine Sprecherin des Unternehmens teilte auf Anfrage zudem mit: "Gemeinsam mit zahlreichen anderen Firmen gibt es Überlegungen, im Rahmen einer Interessensgemeinschaft eine Verfassungsklage zu prüfen." Das stehe besonders deshalb im Raum, weil sich das Unternehmen wie auch andere Wursthersteller von den Schlacht- und Zerlegebetrieben deutlich unterscheide und daher von den in der Kritik stehenden Praktiken distanziere.

Geschäftsführer Christian Wolf räumt allerdings ein: "Wir halten nicht am Werksvertrag fest. Wir brauchen aber ein flexibles System, das uns weiterhin ermöglicht, saisonale Spitzen befristet abzufangen." Laut "Welt" möchte sich der Unternehmer in naher Zukunft mit dem bayerischen Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) treffen, um über das Problem zu sprechen.

Zudem sei derzeit noch vieles unklar, was das Verbot von Werksverträgen in der Schlachtung und Verarbeitung angeht, sagte die Sprecherin der Firma Wolf Oberpfalz-Medien gegenüber. "Die Branche weiß gar nicht so genau, was mit Verarbeitung überhaupt gemeint ist", sagt sie. Denn bislang sei nicht ersichtlich, ob Verarbeitung das Zerlegen von Tieren bedeutet oder auch die Sektoren betrifft, die Wurst herstellen. Sie hebt zudem hervor, dass für alle Arbeiter bei Wolf, die über Werkverträge angestellt sind, das deutsche Arbeitsrecht und die Grundlagen der deutschen Sozialversicherung gelten. Das bedeutet: Sie werden nicht unter Mindestlohn bezahlt, sind krankenversichert und bekommen ihr Geld auch weiter bezahlt, wenn sie einmal krank sein sollten.

Wir halten nicht am Werksvertrag fest. Wir brauchen aber ein flexibles System, das uns weiterhin ermöglicht, saisonale Spitzen befristet abzufangen.

Christian Wolf, Geschäftsführer der Wolf Wurstspezialitäten GmbH

NGG kritisiert Werkvertragspraxis

Das ist aber mittlerweile in der gesamten Branche üblich, sagt Kurt Haberl von der Gewerkschaft für Nahrung, Genuss und Gaststätten (NGG). Dass Arbeiter aus dem Ausland in der deutschen Fleischbranche nicht unter das deutsche Arbeitsrecht fallen, sei ohnehin so gut wie aus der Praxis verschwunden.

Die NGG fordert, dass Fleischbetriebe und besonders solche, die schlachten, vom exzessiven Gebrauch der Werkverträge ablassen. Haberl zufolge sind die Lohnkosten gemessen an den Gesamtausgaben in der Fleischbranche ohnehin relativ gering. Demnach seien Argumente, denen zufolge ein Unternehmen bei höheren Lohnkosten nicht mehr wettbewerbsfähig sei, fadenscheinig. Wegen der Werkvertragspraxis hätten sogar einige Unternehmen aus dem Ausland ihre Produktion nach Deutschland verlegt, weil sich hier Geld in der Bezahlung von Arbeitskräften einsparen ließe.

Oft werden die Arbeitsstunden nur handschriftlich von den Vorarbeitern festgehalten. Dass da alle Stunden korrekt aufgeschrieben werden, das gehört zu einem von Grimms Märchen.

Kurt Haberl von der Gewerkschaft für Nahrung, Genuss und Gaststätten

Alleinstellungsmerkmal der Branche

Der große Anteil an Werkvertragsarbeitern sei ein Alleinstellungsmerkmal der Fleischindustrie. Zu Spitzenzeiten könne der Anteil bei bis zu 80 Prozent liegen. "In anderen Branchen in der Genuss-und-Nahrungsmittel-Industrie sind Werkverträge höchstens ein Randthema. Es geht nicht darum, dass die Fleischbranche benachteiligt werden soll. Sie soll aber mit ihren eigenen Leuten arbeiten und dementsprechend auch Verantwortung übernehmen", sagt er.

Zudem seien andere Sektoren ebenfalls von starken saisonalen Schwankungen betroffen. Er nennt Getränke-, Schokolade- und Milchproduzenten als Beispiele. "Es gibt auch die Möglichkeit einer tariflichen Regelung. Zum Beispiel mit einem Arbeitszeitkonto, damit diejenigen, die saisonbedingt mal mehr arbeiten, ihre Überstunden in der Saure-Gurken-Zeit abfeiern können", sagt er. Er räumt ein, dass das Prinzip der Leiharbeit zu saisonalen Spitzen nicht ganz abgeschafft werden kann. Allerdings betont er, dass Leiharbeit nicht einfach an die Stelle der Werkverträge treten dürfe, wenn diese nicht mehr zulässig sind.

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Lücken für Ausbeutung

Werkverträge bieten Haberl zufolge Lücken für Ausbeutung. "Oft werden die Arbeitsstunden nur handschriftlich von den Vorarbeitern festgehalten. Dass da alle Stunden korrekt aufgeschrieben werden, das gehört zu einem von Grimms Märchen." Zudem würden viele der Angestellten nicht nach Tarif bezahlt und hätten nicht die Möglichkeit, Rückhalt bei Betriebsräten zu suchen, weil sie nicht zum Stammpersonal gehören. Demnach würden viele die Bedingungen hinnehmen, unter denen sie arbeiten müssten, aus Angst, den Job zu verlieren. "All die Versprechen und Selbstverpflichtungen der Fleischbranche der vergangenen Jahre haben nichts gebracht", sagt Haberl.

Besonders mit Arbeitern aus Rumänien und anderen ost- oder mittelosteuropäischen Ländern werde "allerlei Schindluder" getrieben. Mit den Werkverträgen könnten die Unternehmen die Verantwortung einfach auf die Subunternehmer abschieben, bei denen die Arbeiter rein rechtlich eigentlich angestellt sind. "Wenn es so einfach ist zu sagen, wir sind dafür nicht verantwortlich, dann sagen wir, die Firmen in der Branche sollen die Werkverträge abschreiben", sagt er.

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Zahlen zu Wolf Wurstwaren:

Das Unternehmen beschäftigt rund 1.700 Mitarbeiter bei einem Jahresumsatz von rund 320 Millionen Euro. In Bayern produziert es an den Standorten Schwandorf, Nürnberg und Burglengenfeld. In Thüringen gibt es ein Werk in Schmölln. Wolf stellt jährlich 104 Millionen Berner Würstchen, 13, 2 Millionen Weißwürste, 171 Millionen Nürnberger Rostbratwürste und 77 Millionen Thüringer Rostbratwürste her. Zu Wolf gehört auch die Marke Forster für den Convenience Bereich. Damit beliefert das Unternehmen Großkunden aus der Systemgastronomie, dem Lebensmitteleinzelhandel sowie Discounter und stellt zudem Fertiggerichte und Single-Menüs für die Mikrowelle her.

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