Banger Blick aus der Oberpfalz auf Tönnies

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Der Corona-Ausbruch im Schlachtbetrieb in Rheda-Wiedenbrück scheint weit weg. Doch Tönnies ist so groß, dass Erzeuger auch in der Oberpfalz die Entwicklung mit Sorge beobachten. Verbraucher können dagegen derzeit gelassen bleiben.

Noch am Mittwoch vor einer Woche verließen Lastwagen das Werksgelände von Tönnies in Rheda-Wiedenbrück. Wegen des Corona-Ausbruchs ist der Schlachtbetrieb inzwischen gestoppt worden.
von Alexander Pausch Kontakt Profil

Für Daniela Krehl von der Verbraucherzentrale Bayern ist es eine positive Nachricht, dass wegen des Corona-Ausbruchs beim Schlachtunternehmen Tönnies in Rheda-Wiedenbrück (Nordrhein-Westfalen) gerade mal eine Anfrage eingegangen ist. In Würzburg. "Offensichtlich sind die Verbraucher gut informiert, dass keine Gefahr von Lebensmitteln ausgeht." Noch in einer anderen Hinsicht ist die Ernährungsberaterin positiv gestimmt. Krehl hofft, dass sich der Trend verstärkt, wonach Verbraucher wieder mehr nach regionalen Produkten suchen, in Hofläden oder bei örtlichen Metzgern.

Dort, an der Theke in den Filialen oder in der Zentrale hätten Kunden nachgefragt, woher das Fleisch kommt, berichtet Alexander Hausner von der Metzgerei Hausner & Peugler in Weiden. Das Fleisch bezieht das Unternehmen von einem Rindfleischbetrieb aus Furth in Wald und von einer Schweine-Erzeugergemeinschaft aus dem Raum Osnabrück. Aus Osnabrück? Ja, sagt Hausner, das ist weit weg. Er habe auch selbst mehrfach überlegt, etwas anders zu machen. Aber die Qualität habe ihn bei anderen Lieferanten nicht so überzeugt. So kommt es, dass sein Unternehmen seit 30 Jahren Schweinefleisch aus dem Norden bezieht.

Schlaflose Nächte habe er wegen der Corona-Pandemie mittlerweile keine mehr, sagt Hausner. Sie hätten im Betrieb frühzeitig einiges anders organisiert und für Schutz gesorgt, etwa durch Spuckschutz auf den Theken. Inzwischen habe sich auch die Lage in den Oberpfälzer Landkreisen entspannt.

Lebensmittelketten reagieren

Deutschland & Welt

Ausreichend Schweinefleisch

Auf die Frage, ob die Schließung des Schlachtbetriebs in Rheda-Wiedenbrück sich auf die Preise auswirken werde, antwortet Hausner, "wir werden in 14 Tagen oder drei Wochen sehen, wo es hingeht". Auch Herbert Thien, Obermeister der Metzgerinnung Tirschenreuth-Kemnath aus Kulmain (Kreis Tirschenreuth) sagt, es sei zu früh, um schon sagen zu können, wie sich die Schließung auf die Preise auswirkt.

Für Verbraucherberaterin Krehl ist "das Thema Preiserhöhungen ein bisschen ein Blick in die Glaskugel". Generell seien Lebensmittel ohnehin davon stark betroffen, nicht nur wegen der Corona-Pandemie. Gleichwohl geht Krehl davon aus, dass wegen der Schließung des Tönnies-Stammwerkes keine Preiserhöhungen zu erwarten sind. Die Ernährungsberaterin verweist darauf, dass Deutschland bei Schweinefleisch zu mehr als 100 Prozent Selbstversorger ist. "Es gibt sicher genügend andere, die die Lücken füllen, und wahrscheinlich gerne."

Problematisch sei es für umliegende Mastbetriebe, diese bleiben auf Tieren sitzen, sagt Krehl. Alois Weig, Vorstand der "Erzeugergemeinschaft für Schlachtvieh Oberpfalz" (ESO) in Knölling (Gemeinde Fensterbach, Kreis Schwandorf) erklärt, warum das Landwirte in Bedrängnis bringt. Wenn die Tiere nicht in den Schlachthof gebracht könnten, werden sie zu schwer und verlieren dadurch an Wert. Sie setzen Fett an, das der Verbraucher nicht schätzt. Zudem kämen regelmäßig neue Jungtiere auf den Hof und dann sei in den Ställen kein Platz mehr.

Dann besteht die Gefahr, dass es zu Panikverkäufen kommt und deshalb die Preise in den Keller rauschen. Der Präsident des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes, Hubertus Beringmeier, warnt in einem Video die Bauern in der Region um Rheda-Wiedenbrück vor Panik. Das verfügbare Angebot an Schlachtschweinen fließe reibungslos ab, sagt der Landwirt. "Dies tut es umso mehr, wenn Landwirte keine Panikverkäufe durchführen." Laut Beringmeier, der bei Paderborn selbst einen Schweinmastbetrieb führt, sollen die Schweine auf Schlachtbetriebe im Norden verteilt werden.

Panikverkäufe und Preisverfall wären auch hier in der Oberpfalz zu spüren, obwohl Rheda-Wiedenbrück von Amberg rund 500 Kilometer entfernt ist. So überrascht es nicht, dass Bauern und Vermarkter die Schließung des Schlachthofes von Tönnies genau beobachten. Schließlich können dort pro Tag mehr als 30 000 Schweine geschlachtet und zerlegt werden, auch wenn es zuletzt nur 20 000 gewesen sind. Das Tönnies-Werk ist ein Gigant auf dem deutschen Markt. Die Antwort bei der Oberpfälzer Vermarktervereinigung und beim Bauernverband auf die Frage, welche aus Wirkungen die Schließung hat, lautet: "Wir wissen es noch nicht." Gleichwohl haben sie sich beraten, um vorbereitet zu sein.

Was alle einhellig verurteilen ist, wie mit den Arbeitern in diesen Großschlächtereien umgegangen wird. "Was wir nicht akzeptieren als Bauernverband ist, wie mit den Arbeitern umgegangen wird", sagt Thomas Bayerl, Geschäftsführer des Bayerischen Bauernverbands in Amberg und Neumarkt. "Das ist nicht richtig", betont ESO-Vorstand Weig. "Mit den Menschen muss ordentlich umgegangen werden." Und wenn sie aus dem Ausland geholt würden, müssten sie ordentlich bezahlt und untergebracht werden.

Kommentar zu Tönnies

Oberpfalz

Unverkäufliche Teile nach China

Der Landwirt, der bei Waldthurn (Kreis Neustadt/WN) einen Schweinmastbetrieb betreibt, weist noch auf eine anderes Problem hin. Manche Teile des Schweines, etwa die Voderpfoten, ließen sich hierzulande nicht mehr verkaufen. Der Verbraucher nimmt das nicht ab. Also werden diese Teile nach China verkauft. Das gehe nur container-weise und begünstigt damit größere Schlachtbetriebe. In kleineren Schlachthöfen kommen die nötigen Mengen nicht zusammen. Die Teile gingen dort in die Beseitigung.

Hintergrund:

Erzeugergemeinschaft für Schlachtvieh Oberpfalz

Seit Jahrzehnten vermarkten Oberpfälzer Rinder- und Schweinezüchter ihre Tiere gemeinsam. Inzwischen sind der "Erzeugergemeinschaft für Schlachtvieh Oberpfalz" (ESO) rund 2000 Mitgliedsbetriebe angeschlossen. Jährlich verkauft die Vereinigung nach eigenen Angaben rund 22 000 Rinder und rund 140 000 Mastschweine. Den Jahresumsatz beziffert die ESO auf rund 40 Millionen Euro.

Hauptabnehmer der Erzeugergemeinschaft sind die Schwesterbetriebe Uni-Fleisch (für Rind) und Conti-Fleisch (für Schwein) in Erlangen, ein Familienbetrieb. Auf der Liste "Top 100 der deutschen Fleischbranche 2019" der "Allgemeinen Fleischer Zeitung" steht die Erlanger Gruppe, die den Brüdern Günter und Wolfgang Härtl gehört, mit einem Umsatz von 145 Millionen Euro auf Platz 58. Die Gruppe, die 200 Mitarbeiter beschäftigt, hat Anfang des Jahres von der Stadt Erlangen den Schlachthof übernommen, den sie bisher schon genutzt hat.

Zum Vergleich: Tönnies hat einen Umsatz von mehr als 7,3 Milliarden Euro und beschäftigt mehr als 16 000 Mitarbeiter. Teilweise liefern die Oberpfälzer Erzeuger auch an andere Schlachthöfe, etwa nach Crailsheim zu Vion oder nach Bamberg zu Tönnies, berichtet Alois Weig, Landwirt und Vorstand der ESO. Die Erzeugergemeinschaft will Alternativen haben, falls es zu einem Stillstand in einem Schlachthof kommen sollte.

Die Oberpfälzer Vermarkter sind ein eher kleiner Schweinevermarkterverband. ESO verkaufe wöchentlich zwischen 3000 und 4000 Schweinen, etwa halb so viele, wie die niederbayerischen Kollegen die wöchentlich zwischen 7000 und 8000 absetzen, sagt Weig. (paa)

Derzeit wäre so eine Aufnahme wegen des Corona-Ausbruch bei Tönnies kaum möglich. Das zwei Jahre alte Bild zeigt geschlachtete Schweine in einem Kühlhaus des Fleischkonzerns Tönnies hängen.

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Kommentare

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Peter Busch

Frau Krehl von der VZ Bayern und Ernährungsberaterin "hofft, dass sich der Trend verstärkt wonach Verbraucher wieder mehr nach regionalen Produkten suchen, in Hofläden oder bei örtlichen Metzgern." Wäre es nicht viel sinnvoller und wirksamer, auf Tierprodukte zu verzichten, oder doch wenigstens den Konsum deutlich zu reduzieren? Auch der Verbraucher trägt für Zustände wie in Rheda-Wiedenbrück und anderswo Mitverantwortung. Der Verbraucher kann über seine Nachfrage etwas an all dem ändern.

21.06.2020
Jürgen Donhausee

Wir hatten mal Schlachthöfe in Weiden, Amberg und Schwandorf mit örtlichen Metzgern. Durch steigende Anforderungen und Preisdruck waren die Kommunen nicht mehr bereit Geld für diese regionale Struktur zu investieren. Scheinheilig wenn jetzt jemand die Mega-Schlachthöfe und weite Tiertransporte kritisiert - es gab damals nämlich keine Unterstützung für die Landwirte die sich für den Erhalt der kommunalen Schlachthöfe stark machten!

21.06.2020