Schwandorf
04.05.2022 - 15:06 Uhr
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Schwere Geburt: Der Landkreis Schwandorf kommt 1972 als „Retortenbaby“ zur Welt

Ein Gebilde aus der Retorte: Aus sechs Teilen entstand vor 50 Jahren der Landkreis Schwandorf. Harte Debatten wurden geführt. Damals wie heute wirtschaftlich bedeutende Regionen wären beinahe nicht dabei gewesen.

Die Wappen der 33 Gemeinden des Landkreises zieren heute den neuen Anbau am Schwandorfer Landratsamt. Vor 50 Jahren wurde der Landkreis aus der Retorte gebildet - unter erheblichen Geburtswehen. Bild: Götz
Die Wappen der 33 Gemeinden des Landkreises zieren heute den neuen Anbau am Schwandorfer Landratsamt. Vor 50 Jahren wurde der Landkreis aus der Retorte gebildet - unter erheblichen Geburtswehen.

Die politische Auseinandersetzung war hart. Landräte landauf, landab präsentierten "Ideallösungen", kämpften für "ihre" Kreisstadt. Denn seit die Bayerische Staatsregierung Ende der 1960er-Jahre eine Gebietsreform angekündigt hatte, war klar: Die Verwaltungs-Struktur des Freistaats würde sich grundlegend ändern. Die Tage zahlreicher eigenständiger Gemeinden waren gezählt, auch die vieler Landkreise. Andere wurden geboren. Wie der Landkreis Schwandorf, der am 1. Juli 2022 seinen 50. Geburtstag feiert. Der Festakt findet dazu bereits am Montag, 9. Mai, statt. Dazu wird Bayerns Ministerpräsident Markus Söder in der Oberpfalzhalle als Festredner erwartet.

Die mittlere Oberpfalz schälte sich damals schnell als Problemfeld heraus. Ziel der Staatsregierung war 1970, den strukturschwachen Osten an der Grenze zur CSSR an die wirtschaftsstarke Naabachse zu binden und zu stärken. Einer oder zwei neue Landkreise sollten entstehen – aber mit welchem Zuschnitt?

Burglengenfeld, Oberviechtach, Nabburg, Neunburg vorm Wald, Roding, Stadt Schwandorf: Der heutige Landkreis war historisch nie eine Einheit, seit dem 19. Jahrhundert entwickelten sich aus heutiger Sicht winzige Landkreise. Oberviechtach zählte knapp 16 000 Einwohner, der Altlandkreis Neunburg 2000 mehr. Autor Toni Siegert fasste in 1978 zur Einweihung des Landratsamts die Landkreis-Gründung in der Zeitung "Der neue Tag" zusammen. Es gab mehr Trennendes als Verbindendes.

Politisches Kalkül?

Die wirtschaftliche Stärkung im Blick, erscheint ein erster (wieder verworfener) Vorschlag der Regierung von März 1971 für den neuen Landkreis hanebüchen. Schwandorf sollte Kreisstadt, die Altlandkreise Nabburg, Neunburg, Oberviechtach, Burglengenfeld und aus dem Kreis Roding die heutigen Kommunen Bruck und Nittenau zusammengefasst werden. Mit gewichtigen Ausnahmen: Das Städtedreieck Burglengenfeld, Maxhütte und Teublitz (damals 30 000 Einwohner) sollte an Regensburg, die jetzige Marktgemeinde Wernberg-Köblitz an Neustadt fallen. Der erste Landrat Hans Schuierer sieht dahinter noch heute politische Motive: Das "rote" Städtedreieck wäre im "schwarzen" Regensburg aufgegangen, die SPD hätte im neuen Landkreis kaum eine Chance gehabt. Ob dieses Kalkül hinter der Idee steckte, muss offen bleiben. Sicher aber hätte diese Zuteilung dem Landkreis Wirtschaftskraft genommen. Deren Stärkung aber führte die Staatsregierung 1971 als Ziel an: "Die gute finanzwirtschaftliche Ausstattung (...) wird es gestatten, weiträumig zu planen und die Wirtschaftsstruktur des neuen Kreisgebiets durch gezielte Ausbaumaßnahmen zu stärken." Der damalige Ministerpräsident Alfons Goppel (CSU) hatte die Oberpfalz im Blick: Er war Stimmkreisabgeordneter für Nabburg/Oberviechtach. Goppel favorisierte wohl zwei Landkreise Nabburg und Schwandorf, schreibt Alfred Wolfsteiner in seiner Schwandorf-Chronik. Der damalige Innenminister Bruno Merk sah das anders als sein Chef.

"Abtrünnige" und Ablehnung

Im Mai 1971 kam dann ein Vorschlag, der sich fast genau mit den heutigen Landkreisgrenzen deckte. Die Debatte ging weiter. Die Nabburger Bürgermeister kritisierten den Großlandkreis als unüberschaubar, der Oberviechtacher Kreistag wehrte sich. Schuierer favorisierte eine Fusion aus Burglengenfeld, Neunburg, Stadt Schwandorf sowie Teilen aus Roding. In den Altlandkreisen gab es "Abtrünnige": Schwarzenfeld (Landkreis Nabburg) tendierte zum Kreis Schwandorf.

Das kreisfreie Schwandorf gab sich diplomatisch, Stadtrat und Oberbürgermeister Josef Pichl hielten sich schlau zurück. Nicht nur Pichl war klar, dass an der Stadt als Kreis-Sitz wenig vorbeiführen würde. Akten im Stadtarchiv zeugen auch von der damaligen Einstellung zu direkter Demokratie. Die Bürger wurden schlicht nicht gefragt. Die Stadt schreibt später im Zuge eines Gerichtsverfahrens rund um die Eingemeindungen: "Wir sind der Meinung, dass bei der Kreisreform die Bürger zu Recht nicht gehört wurden, da sonst das Reformwerk nicht so schnell und so zügig hätte abgeschlossen werden können."

Landkreis Schwandorf: Aus sechs Teilen gebildet.

Die erste Stimme für einen Großlandkreis Schwandorf kam von Max Stadlbauer, Landrat von Neunburg vorm Wald. Vorangegangen war eine geheime Sitzung der Oberpfälzer CSU-Landräte, die keine Lösung gebracht hatte. Die Entscheidung fiel 1971 dann schnell. Der Landtag beschloss im Dezember 1971 die Reform , die die Grenzen ab dem 1. Juli 1972 festschrieb. Der Landkreis erhielt seinen Sitz im (jetzt kreisangehörigen) Schwandorf, die Altkreise Burglengenfeld, Nabburg, Oberviechtach, Neunburg vorm Wald sowie die heutige Stadt Nittenau und der Marktes Bruck (Kreis Roding) wurden zusammengefasst, dazu Wulkersdorf aus Regensburg und Kreith aus Amberg. Aber es gab es auch Verluste: Schmidmühlen und Kemnath am Buchberg wechselten nach Amberg, Kallmünz nach Regensburg. Fremdenverkehrs-Regionen im Osten gingen an den Kreis Cham, etwa Hillstett, Altenschneeberg und Heinrichskirchen. Der neue Landkreis zählte 135 000 Einwohner. Heute sind es knapp 150 000. Mit "Sei Auch Dabei" (SAD) – startete bald eine Image-Kampagne. Heute werden die Kennzeichen der Altlandkreise wieder ausgegeben.

Am 11. Juni 1972 wurde der Landrat für das "Retortenbaby" gewählt. Es war ein Krimi: Hans Schuierer (SPD) gewann hauchdünn mit nicht einmal 400 Stimmen Vorsprung gegen Josef Spichtinger (CSU). Der Landkreis war am 1. Juli 1972 rechtlich geboren. Neue Probleme waren zu lösen. Ein Landratsamt gab es noch nicht, aber viele Ideen für einen Standort. Das aber ist eine andere Geschichte.

Hintergrund:

Aus diesen Kommunen entstand 1972 der Landkreis Schwandorf

  • Altlandkreis Burglengenfeld: 40 Gemeinden, 50 600 Einwohner, Auto-Kennzeichen BUL; Landrat Hans Schuierer (SPD); bis 1996 Landrat im neuen Landkreis Schwandorf; 91 Jahre alt.
  • Altlandkreis Nabburg: 41 Gemeinden, 33 100 Einwohner, Auto-Kennzeichen: NAB; Landrat: Hans Werner (CSU), von 1960 bis 1972. Im Alter von 76 Jahren 1989 verstorben.
  • Altlandkreis Neunburg vor Wald: 17 600 Einwohner, 35 Gemeinden, Kennzeichen NEN; Landrat Max Stadtbauer (CSU) 1952 bis 1972. Im Alter von 94 Jahren 2002 verstorben.
  • Altlandkreis Oberviechtach: 15 800 Einwohner, 32 Gemeinden, Kennzeichen OVI. Landrat 1968 bis 1972 Josef Spichtinger (CSU); 1977 bis 1989 Bürgermeister von Oberviechtach. 1996 im Alter von 69 Jahren verstorben.
  • Altlandkreis Roding: 33 500 Einwohner, 44 Gemeinden, Kennzeichen ROD. Landrat Ernst Girmindl 1967 bis 1972; bis 1996 Landrat im Kreis Cham. 91 Jahre alt.
  • Kreisfreie Stadt Schwandorf: 16 000 Einwohner, Enklave im Landkreis Burglengenfeld, Kennzeichen: SAD. Oberbürgermeister Dr. Josef Pichl (UW) 1958 bis 1978. Im Jahr 1996 im Alter von 81 Jahren verstorben. (Alle Zahlen aus dem Jahr 1971, Quelle: Stadtarchiv Schwandorf, Wikipedia)

Daten der Altlandkreise in der Oberpfalz

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