Der kürzeste Handwerkerwitz? "Ich komme heute noch bei Ihnen vorbei." Vorurteile über Handwerker gibt es genügend, manchmal mit wahrem Kern, aber oft auch völlig an der Sache vorbei. Aber: heute zeitnah einen guten Handwerker zu finden, ist schwierig. Die Auftragsbücher sind voll, Nachwuchs und Fachkräfte fehlen. Im Bau- und Ausbaugewerbe gibt es durchschnittlich drei Monate Wartezeit, in Ballungszentren deutlich länger. Der Handwerkermangel betrifft auch viele Städte und Gemeinden, viele Betriebe übernehmen lieber private Aufträge, weil dort die Abwicklung unbürokratischer ist.
Schuld an der Entwicklung ist der aktuelle Bau- und Immobilienboom, den die billigen Kreditzinsen antreiben. Die Preise für Bauleistungen an neuen Wohngebäuden sind im Vergleich zum Vorjahr gestiegen. Zugleich verschärft der Gesetzgeber laufend die Vorschriften, etwa zu Brandschutz und Wärmedämmung. Da müssen meist Profis statt Heimwerker ran. Doch die Nachfrage nach Handwerkern ist viel größer als das Angebot.
Davon kann auch der Schwandorfer Architekt Peter Pracht ein Lied singen: "Handwerksbetriebe sind überlastet und haben mehr Aufträge, als sie überhaupt ableisten können." In seiner Branche bezieht sich diese Bemerkung vor allem auf die Haustechnik-Gewerke Elektroinstallation, Heizung und Sanitär. "Aber das gilt auch für die Rohbaufirmen."
Den Boom führt Pracht unter anderem darauf zurück, dass die Steuereinnahmen angestiegen sind: "Die Kommunen haben mehr Geld, Kämmerer verbuchen höhere Einnahmen." Seit zwei Jahren sei das "richtig krass". Der aktuellen Bauboom, für den noch kein Ende abzusehen sei, habe aber auch mit den Niedrigzinsen zu tun. "Auf der Bank bekommt man nichts für sein Geld, muss vielleicht Negativzinsen zahlen - da fließt das Geld in Immobilien", urteilt der Architekt. Gleichzeitig seien in den letzten zwei Jahren die Preise dramatisch gestiegen, um 20 bis 25 Prozent.
Pracht weist auch darauf hin, dass sich öffentliche Bauträger an öffentlichen Ausschreibungsverfahren beteiligen müssen. Das sei für einen Handwerker mit einigem Aufwand verbunden, er müsse sich richtig reinknien und sich dem Wettbewerb stellen, es werde aber nur der Günstigste genommen. "Er setzt sich zwei Abende hin und bekommt vielleicht nichts." Laut Pracht mache man das eigentlich nur, "wenn man zu wenig Arbeit hat". Die Folge: "Früher hat man bei einem öffentlichen Ausschreibungsverfahren 20 Angebote bekommen und jetzt vielleicht nur eines oder auch gar keines."
Das Architekturbüro Knipl und Pracht hat in den letzten Monaten im Zentrum von Schwandorf ein großes Gewerbebau-Projekt realisiert. In das strahlend weiße Gebäude neben dem Finanzamt ziehen Ärzte und Anwälte mit ihren Praxen und Kanzleien, aber auch das Büro Knipl, Pracht + Partner siedelt dort an. Ein Beispiel für die Handwerker-Misere habe sich auch bei diesem Bau gezeigt, Thema Fenster. Den Auftrag erhielt eine große Fachfirma "und ich ich dachte, wir seien für die ein großer Auftrag." Aber die Fenster kamen nicht und es zeigte sich: "Die haben Riesenaufträge in München, unsere 60 Fenster waren eher Peanuts." Das deutet laut Pracht auch noch auf ein anderes Phänomen hin: "Die Zentren Regensburg oder München ziehen aus dem ganzen Umland die Fachfirmen ab."
Das "allgemeine Problem, dass es immer weniger Facharbeiter gibt" sieht auch Elektromeister Stefan Gruber. Der Schwandorfer Handwerker war Jahre lang im Innungsvorstand aktiv und er sagt, "es ist nicht unbedingt die Zahl der Aufträge gestiegen, sondern die Auftragsvolumen sind es". Die Aufträge seien diffiziler auszuführen, seien technisch anspruchsvoller geworden. "Da braucht man mehr Ausführungszeit, die aber nicht da ist, und die Mitarbeiter müssen höher qualifiziert sein." Aber qualifiziertes Personal stehe nicht in der nötigen Zahl zur Verfügung.
Die Anforderungen in der Branche hätten sich in den letzten Jahren "ganz radikal verändert", meint Gruber - zum Beispiel im Bereich Gebäudeautomatisierung, aber auch in Sachen Brandschutz. Er weist auch auf die gestiegenen Hygienevorschriften bei der Wasserversorgung in öffentlichen Einrichtungen hin, wie etwa einem Kindergarten: „Es ist total schwer, warmes Wasser an den Wasserhahn zu bringen, ohne dass das Wasser verkeimt; das muss der Handwerker sicherstellen können."
Für Gruber sind die Kommunen "beliebte, weil faire Auftraggeber". Die Ausschreibungen seien für einen Handwerker nicht nur eine Belastung, sondern auch eine Chance: "Wenn ein Unternehmen die Kraft hat, diese komplizierten und zeitraubenden öffentlichen Ausschreibungen zu bearbeiten, dann ist es gut aufgestellt; wenn einer irgendeinen Schlendrian hat im Betrieb, dann kann er das nicht."
„Die Lage für die Auftraggeber ist eher schlecht“, sagt Hans Prechtl. Er muss es wissen, denn als Sprecher der Schwandorfer Kreisverwaltung und als Bürgermeister von Stulln hat er mit vielen Bauprojekten, deren Planung und Umsetzung zu tun. Egal, ob Hoch- oder Tiefbau – es gebe deutlich weniger Angebote bei Ausschreibungen, weil die Auftragsbücher der Firmen voll seien. „Und außerdem sind die Preise deutlich überhöht.“
Prechtl hat ein Beispiel parat: Die Sanierung der Realschule Burglengenfeld wurde heuer im Frühjahr ausgeschrieben. „Bis Wintereinbruch sollte der Bau soweit sein, dass er winterfest gemacht wird, damit über Winter der Innenausbau vonstatten gehen kann.“ Dafür kamen nur zwei Angebote. „Und die lagen eine halbe Million Euro über unserer Kostenschätzung.“ So wurde die Ausschreibung zurück gezogen und neu inszeniert, mit einer deutlich längeren Bauzeit. „Und gleich wurde es 500 000 Euro billiger.“ So kann Hans Prechtl eine deutliche Schlussfolgerung ziehen. „Je großzügiger das Bauzeitfenster, desto günstiger das Angebot“, urteilt er. In Stulln habe man daraus bereits die Lehren gezogen „und gibt sehr großzügige Erledigungsfristen vor“. Das sei sparsam und wirtschaftlich. „Bei schneller Erledigung wird‘s teuer.“
Noch etwas liegt ihm in diesem Zusammenhang auf dem Herzen. Bauarbeiten an Schulen oder Kindergärten können nicht nur in den Ferien über die Bühne gehen, auch wenn das immer wieder Eltern ärgert, wenn beispielsweise im Herbst die Handwerker lärmen. „Nur im August, da findet man niemanden.“ Denn auch die Firmen hätten Urlaub oder Mitarbeiter, die im Sommer mit der Familie weg sind. „Eltern üben da oft vorschnell Kritik“, bedauert Prechtl.















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