19.09.2021 - 15:36 Uhr
SchwandorfOberpfalz

So ist im Wahlkreis Schwandorf die Stimmung in den Parteien

Eine Überflieger-SPD, eine Union in ungewohnter Rolle – an der Basis der großen Parteien könnten die Stimmungen nicht weiter auseinandergehen. Die anderen Parteien bereiten sich auf ihre Rolle als Königsmacher oder -verhinderer vor.

Zum Wahlkampffinale trifft sich die SPD in Bruck. Die Stimmung ist blendend.
von Julian Seiferth Kontakt Profil

Marianne Schieder sitzt im Innenhof des Gasthauses "Zur Post" in Bruck, um sie herum ihr Team. Etwas mehr als zehn Sozialdemokratenbereiten sich auf den Wahlkampfabschluss vor, der später oben im Saal beginnt. "Es ist die Hölle los", sagt die Bundestagsabgeordnete und Direktkandidatin der SPD. Und tatsächlich: Der Saal wird voll, über 60 Menschen sind gekommen. Die Stimmung ist - sozialdemokratisch untypisch - blendend. Schieder, in ihrer langjährigen politischen Karriere sonst an einen gewissen Fatalismus gewöhnt, hat sich offenbar vorgenommen, das auszukosten. Sogar das Rennen um das Direktmandat scheint offen zu sein - selbst für sie eine neue Erfahrung. Vereinzelte Jubelrufe im Saal, Schieder mahnt: "Es geht um jede Stimme." Dann folgt eine Machtdemonstration: "Wie ist die Stimmung?", ruft sie. 60 Kehlen johlen, 120 Hände klatschen und hören minutenlang nicht auf.

"So habe ich uns selten erlebt", staunt Peter Wein. Der 33-Jährige ist Kreisvorsitzender der SPD und seit 2007 in der Partei. Und noch etwas erstaunt den Burglengenfelder: "Der Trend ist plötzlich Genosse." Das sei spürbar, die Basis sei hochmotiviert - ausdrücklich nicht siegesgewiss. "Wir sind auf einem guten Weg", sagt Wolfgang Bösl aus Wackersdorf, mit 64 einer aus der Generation Schieder. "Aber die Ernte ist noch nicht eingefahren."

"Es ist noch alles offen"

Von Durchhaltevermögen geprägt ist die Stimmung am Freitagabend im Schönseer Stadtteil Lindau. Hier steht eine Ehrung verdienter CSU-Kommunalpolitiker an, auch Direktkandidatin Martina Englhardt-Kopf ist zu Gast. Teils sechs Prozentpunkte hinter der SPD, Werte um die 20 Prozent - das steht im Konflikt mit dem christsozialen Selbstverständnis. Besonders optimistisch ist der Ortsvorsitzende Michael Pfistermeier nicht - es wäre allerdings auch falsch, ihm Verzweiflung zu unterstellen. "Es ist noch alles offen. Wir ziehen das durch. Abgerechnet wird am Sonntag." Einen ähnlichen Ton schlägt die Junge Union an, die an diesem Abend zu viert einen eigenen Tisch besetzt. Laschet, sagt der stellvertretende Kreisvorsitzende Peter Scharnagl, werde zu Unrecht unterschätzt. Und doch: Die derzeitige Lage sei überraschend. "Am Anfang waren die Grünen die absoluten Überflieger, dann der unerwartete Aufschwung der SPD. Für die Union ist aber noch alles drin, warum keine 30 Prozent?" Wäre mehr drin gewesen - mit einem Spitzenkandidaten Söder? "Er hätte gewiss einen anderen Wahlkampf gemacht, aber ob die Umfragen dann anders wären, ist reine Spekulation. Wir sind froh, dass unser Ministerpräsident in Bayern bleibt."

Grüne tendieren zu SPD

Eine gewisse Akzeptanz hat sich bei den Grüneneingestellt. "Wir sind jetzt ungefähr dort, wo wir uns vor rund einem halben Jahr auch vermutet hätten", sagt die Kreissprecherin Claudia Müller-Völkl über ihre Partei. Die ist nach einem kurzen Höhenflug nach der Nominierung der Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock bei rund 18 Prozent festgenagelt. Der mittelschwere Absturz habe auch mit der Art zu tun, auf die die Konkurrenz Wahlkampf führe. "Wir wollten uns darauf nie einlassen, auf dieses Unfaire, dieses Persönliche." Trotz allem sei Baerbocks Nominierung richtig und wichtig gewesen, so Müller-Völkl. Nun will sie kämpfen für die Wunschkoalition Rot-Grün: "Für die ökologische Wende - auch in der Wirtschaft - braucht es uns Grüne. Und mit der SPD wäre da einfach deutlich mehr zu machen." Eine weitere Regierungsbeteiligung der Union will sich die 45-Jährige gar nicht ausmalen: "Das wäre eine Vollkatastrophe."

Bei der Linkspartei ist eigentlich alles noch drin - eine Regierungsbeteiligung, falls es für Rot-Grün nicht reichen sollte, ebenso wie das Verfehlen der Fünf-Prozent-Hürde. Unruhe löse diese Unsicherheit vor Ort nicht aus, sagt Marius Brey, Co-Vorsitzender des Kreisverbandes Mittlere Oberpfalz: "Die Menschen haben den Wunsch nach einer politischen und personellen Veränderung. Deshalb gibt es eine Mehrheit für Rot-Grün-Rot - trotz der Rote-Socken-Kampagne der CSU." Doch will seine in der Frage notorisch unentschiedene Partei überhaupt Teil einer möglichen Regierung Scholz (oder Baerbock) werden? Ja, glaubt Brey: "Wir stellen seit Jahren Forderungen auf - jetzt bietet sich womöglich die Gelegenheit, einiges davon umzusetzen. Das ist cool, wahnsinnig cool." Er sieht am kommenden Sonntag nur zwei realistische Optionen: Dreierbündnis links der Mitte mit SPD und Grünen - oder eine Ampel, in der die FDP anstelle der Linken auf der Regierungsbank Platz nimmt.

Die FDP sieht sich als Königsmacher. "Im Moment", sagt Josef Fries, Kreisvorsitzender in Cham, "deutet vieles auf die Ampel hin." Und doch: Armin Laschet und die Union will Fries noch nicht abschreiben. Die romantische Verklärung, die Teile seiner Partei einer schwarz-gelben Koalition entgegenbringen, teilen die Liberalen hier nicht. "Aufgrund unserer Erfahrungen mit der CSU in Bayern hat das ein wenig den Reiz verloren", sagt Fries. Er meint: "Wir sind uns unserer möglichen Rolle bewusst - ebenso wie der Tatsache, dass es nicht automatisch die Union sein muss."

Mit Koalitionsüberlegungen setzt sich bei der AfD niemand auseinander. Die Oppositionsarbeit soll weitergehen wie bisher, sagt Kreisrat Klaus Schuhmacher. Das Augenmerk liege auf 2025. Dann erwarte die Basis eine Veränderung: mindestens 25 Prozent sowie Griff nach der Kanzlerschaft, beispielsweise durch die jetzige Spitzenkandidatin Alice Weidel. Muss die Partei dafür koalitions- und kompromissfähig sein? Nein, sagt Schuhmachers Kreistagskollege Reinhard Mixl aus Schwandorf: "Wenn es soweit ist, werden sich die Anderen an uns anpassen müssen."

Elf Direktkandidaten im Wahlkreis Schwandorf

Schwandorf
In Schönsee kommt am Freitagabend die CSU-Basis zusammen. Aufgeben will hier noch niemand – trotz der für Unions-Verhältnisse katastrophalen Umfragen der vergangenen Wochen.
Hintergrund:

Die Basis - wie viele sind das eigentlich?

  • Von den in Fraktionsstärke im Bundestag vertretenen Parteien ist die SPD die größte. Laut einer Erhebung aus dem Dezember 2019 sind 419.340 Menschen Mitglied bei den Sozialdemokraten.
  • Dicht dahinter folgt mit 405.816 Mitgliedern die CDU. Verrechnet man die Christdemokraten mit der nur in Bayern aktiven CSU (139.130 Mitglieder) kommt man auf 544.946 Unions-Mitglieder.
  • Weit abgeschlagen liegen auf dem dritten Platz die Grünen. Daten aus dem Frühjahr 2021 sprechen hier von 107.307 Mitgliedern.
  • Es folgen auf den Plätzen vier und fünf die FDP (65.479 Mitglieder) sowie die Linkspartei (60.862 Mitglieder).
  • Die jüngste Partei mit Fraktion im Bundestag ist auch die kleinste: Die im Februar 2013 gegründete AfD vermeldete 2019 34.751 Mitglieder.

 

 

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