30.10.2019 - 10:18 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Spuren im Staub der Vergangenheit

Vorsichtig drängt sich Jürgen Jungnickl durch einen dunklen, engen Spalt. Sein Blick reicht keine zwei Meter weit. Behutsam setzt er einen Fuß vor den anderen auf die knarrenden Bodenbretter.

Erinnerungen an vergangenes Leben in der Alten Schleif in Münchshofen.
von Julia Hammer Kontakt Profil

Die Wände sind mit Spinnweben und Schmutz der vergangenen Jahrzehnte überzogen. Weinroter Staub, der durch den Luftzug seiner Bewegung aufgewirbelt wird, legt sich auf sein schwarzes Shirt, bedeckt seine schwarzen Schuhe. Der 44-Jährige weiß: Jeder Schritt kann gefährlich, im schlimmsten Fall tödlich, sein. Er klopft gegen seine Taschenlampe. Langsam fackelt das warme Licht auf – und erhellt einen beengten Raum, durch den vor mehr als 70 Jahren das letzte Mal Leben tobte.

Reiz des Unbekannten

Es ist der Reiz des Unbekannten, des Verfalls und des vergangenen Lebens, der den Hobby-Fotografen immer wieder an „Lost Places“ treibt – nicht nur in Deutschland. Es ist 17 Uhr. „Das perfekte Licht, um Fotos zu machen“, erklärt der 44-Jährige, als er seine Spiegelreflexkamera und sein Objektiv aus dem Auto nimmt. Die „Alte Schleif“ in Münchshofen bei Teublitz wirkt verschlafen. Efeu rankt sich um das Gebäude. Einzelne Scheiben liegen vor der Eingangstür aus dunklem Holz. „Verfall. Das sieht man oft.“ Knarrend öffnet sich die Pforte, als Jungnickl den schweren Eisenschlüssel im Schloss dreht. Für einen kurzen Moment erstarrt der ganz in Schwarz gekleidete Mann. Die Luft riecht modrig, Staubkörner gleiten scheinbar schwerelos durch die Luft. Es ist still in der ehemaligen Glasschleiferei eine der letzten erhaltenen Schleifmühlen, die es im 19. Jahrhundert entlang der Naab zuhauf gegeben hat. 1954 – 64 Jahre nach der Gründung – schließt das Werk, in dem Arbeiter an 150 von einem Mühlrad angetriebenen Poliertischen blindes Flachglas poliert haben. 65 weitere Jahre später steht Jungnickl in dem alten Gebäude, das zwei Weltkriege unbeschadet überstanden hat. Durch die zerbrochenen Fensterscheiben zieht der Wind. „Ich will zuerst in den ersten Stock. Dahin, wo die alten Werkbänke stehen.“ Er steigt die knarrende, schmale Holztreffe hinauf, hält oben inne. Sein Blick schweift über den düsteren, länglichen Raum. Links und rechts sind die Poliertische symmetrisch aneinandergereiht. An den meisten sind noch die Polierpolster angebracht. „Als wären die Arbeiter eben erst gegangen und würden morgen wiederkommen“, sagt der 44-Jährige, während er in seine Tasche greift und das Stativ herausholt. „Das habe ich immer für Bilder dabei, auf denen ich den ganzen Raum ablichten will. Kein Profistativ. Aber ausreichend.“

Auf Jürgen Jungnickl üben verlassene Orte einen besonderen Reiz aus. Doch der Hobbyfotograf weiß, dass seine Touren gefährlich werden können.

Vorsichtig kniet er sich auf den roten Polierstaub, der den kompletten Innenraum der „Alten Schleif“ überzogen hat. Er richtet das Stativ und seine Spiegelreflexkamera aus. Das Fotografieren, ein Hobby, zu dem er erst vor fünf Jahren gekommen ist. „Durch Zufall. Wir haben professionelle Fotos von unserer Rotweilerhündin Zoe machen lassen. Es faszinierte mich. Also habe ich mir eine Kamera gekauft, angefangen zu fotografieren und bald gemerkt: Die Kombination aus Hund und verlassene Orte kommt an.“ Wie sehr es „ankommt“, beweisen die 18.862 Abonnenten, die Jungnickl bei Facebook folgen. Er legt Wert auf Details, „das Besondere“, das er in seinen Bildern einfangen will. „Ich informiere mich im Vorfeld kaum über die Locations. Ich will den Ort auf mich wirken lassen. Ich will, dass er mir seine Geschichte selbst erzählt.“ Wie einer der beeindruckendsten Lost Places, an dem er bisher fotografierte: einem alten Sanatorium in der Toskana. „Es standen noch die Betten in den Patientenzimmer, alte medizinische Geräte. Die Behandlungszimmer waren überraschend gut erhalten. Dort habe ich den Gedanken aber ausgeblendet, wie es vor Jahrzehnten wohl war. Das Leid der Patienten, die Isolationszellen, Elektroschockbehandlungen, Zwangsgurte. Unmenschlich.“ Jungnickl entdeckt einen schweren, verrosteten Schraubenschlüssel, der neben einem der eingestaubten viereckigen Polierblöcken liegt. Wenige Zentimeter weiter liegt ein Zahnrad. Der Hobbyfotograf beugt sich knapp über das Werkzeug, drückt ab. Ohne Blitz. „Das ist wichtig. Blitz lässt Bilder eindimensional wirken.“ Er stockt, sagt: „Als ob man sich ohne Bedenken draufsetzen könnte.“ Ein kleiner Holzstuhl steht mitten im Raum. Die Sitzfläche ist mit rot-weißem Stoff überzogen. „Das ist das Gefährliche in verlassenen Gebäuden. Sie können zu tödlichen Fallen werden – vor allem die Böden. Alles schaut normal aus. Dann machst du einen falschen Schritt und brichst ein.“ Jungnickl weiß, wovon er spricht. Jahrelang war er Zugführer beim THW, sicherte Gebäude. „Ich gehe nie in der Mitte des Raumes. Tropft Wasser von der Decke, sollte man die Stelle unbedingt meiden. Der Boden kann dort besonders morsch sein.“

Der Handschuh eines Arbeiters, der vor Jahrzehnten die Maschinen in der Alten Schleif bedient hat.

Verfall. Einsturzgefahr. „Ein Grund, warum es bei vielen Lost Places so schwer ist, eine Genehmigung zu bekommen. Es haftet immer der Eigentümer, wenn etwas passiert.“ Auf dem Dachboden entdeckt Jungnickl einen Eimer voll Schutt, eine alte Holzleiter, die schief auf dem Balken des Bodens liegt. „Hier hat man wohl alles gelagert“, sagt er und richtet seine Kamera auf fein säuberlich aneinandergereihte Polierbänke. Noch einmal durchquert er den weitläufigen Raum, blickt aus dem Fenster auf die alte Mühle neben der Naab. „Ich denke, ich bin hier fertig“, sagt der Altenschwander, während er noch einmal in jede Ecke blickt. „Ja, ich habe hier alles gesehen.“ Er hängt seine Spiegelreflex um seine rechte Schulter und geht die schmale Holztreppe hinab. Die Stufen ächzen unter seinen Schritten. Als er einen alten Holzschrank im Erdgeschoss entdeckt, bleibt er stehen. „Ich bin immer wieder überrascht, was man in Schränken, Schubladen oder Truhen alles findet“, erzählt er. „Vor allem in alten Bauernhäusern habe ich schon viele Ausweispapiere entdeckt. Es passiert nicht oft, dass man ein Bild von den Menschen vor sich hat, die einmal hier gelebt haben.“ Staub wirbelt durch die Luft, als Jungnickl den Holzkeil löst. Langsam öffnet er die Schranktüren – und atmet laut aus. „Nichts Aufregendes“, sagt er ein wenig enttäuscht. „Nur altes Werkzeug und Rohre.“ Die Gegenstände berührt er nicht. „Ich lasse alles so, wie es ist. Unberührt. Ganz.“ Eine der wichtigsten Regeln für Liebhaber verlassener Orte. Orte, die nicht leicht zu finden sind, erzählt der 44-Jährige, während er sich durch eine enge, kleine Tür im Erdgeschoss geht.

Die Standorte der Locations werden nicht verraten. „Aber man kennt Leute, die das gleiche Hobby haben. Natürlich tauscht man Infos aus.“ Oft spiele auch Glück eine Rolle. „Ich arbeite viel mit Google Earth. Ich suche Meter für Meter in der Umgebung auf dem Bildschirm ab. Entdecke ich ein altes Gebäude, zu dem im besten Fall kein Weg führt, versuche ich mein Glück vor Ort. In 9 von 10 Fällen finde ich nichts. Aber wenn, freue ich mich umso mehr.“

Der letzte Raum, den Jungnickl an diesem Tag erkundet, ist düster, eng, staubig. Die Spinnweben an den Wänden hängen sich an sein schwarzes Shirt. Er holt seine Taschenlampe hervor, leuchtet in die Dunkelheit. Große Räder sind an der Decke befestigt. „Die haben damals die Poliertische angetrieben“, sagt der Hobbyfotograf, als er den Lichtstrahl über eine Öffnung in der Decke gleiten lässt. „Es muss wahnsinnig laut gewesen sein. So viele Menschen, so viele Maschinen. Ein beeindruckender Ort.“

Info:

Urbexer-Codex: Ungeschriebene Gesetze an verlassenen Orten

Nervenkitzel, Neugier, die Suche nach dem Unbekannten. Lost Places faszinieren durch ihren mystischen Charme, die Geschichten der Vergangenheit, die sie erzählen. Doch es gibt ungeschriebene Gesetze, wie sich jeder Besucher in den fremden Gebäuden verhalten sollte.

Regel 1: Hinterlasse nichts als deine eigenen Fußabdrücke.

Regel 2: Respektiere das Eigentum andere und beschädige nichts.

Regel 3: Diebstahl ist tabu. Alle Gegenstände dort, wo sie sind.

Regel 4: Sprayen ist ein absolutes No-Go, auch, wenn das Gebäude verfallen und unbewohnt ist.

Regel 5: Verrate nie den genauen Standpunkt des Verlassenen Ortes.

Die Tür in eine längst vergessene Welt. Jürgen Jungnickl ist gespannt, was sich hinter ihr verbirgt.
Noch immer sind die alten Polierblöcke an den Werktischen montiert.
Der Staub der vergangenen Jahre hat sich im inneren des Gebäudes verteilt.
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