30.09.2019 - 11:18 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Strike a Pose - Ein Tag auf dem Laufsteg

Laute Musik schallt durch den Saal. An der Wand, direkt gegenüber vom Spiegel, steht Linda. Sie wartet, bis der Beat einsetzt. Strafft die Schultern. Dann läuft sie los. Schwungvoll bis zur Mitte. Pose.

Haltung bis in die Fingerspitzen. Modeln will gelernt sein.
von Redaktion ONETZ Kontakt Profil

Weiterlaufen. Ihre Mitstreiter klatschen im Takt. Am Ende des Laufstegs reiht sie sich wieder in die Schlange ein. Bis sie wieder ganz vorne steht. Sie lächelt.

Es ist 14 Uhr am Sonntagnachmittag. In den neuen Räumen der Tanzschule Theuerl in Schwandorf finden sich nach und nach immer mehr Menschen ein. Jung und Alt, manche etwas schüchtern, viele in Begleitung. Eine bunte Mischung an Stilen und Klamotten. Manche in HighHeels, manche in Sneakers. Anlass ist nicht etwa ein Tanzkurs. Zum zweiten Mal findet hier das Casting für die Modenschau beim„Mondscheinshopping am 5. Oktober statt. Vergangenes Jahr feierte die Veranstaltung ein sehr erfolgreiches Debüt. Doch Roland Kittel will mehr: „Dieses Mal wird es noch viel besser!“, verspricht der Veranstalter und Leiter der Wirtschaftsförderung Schwandorf. Mit langen Öffnungszeiten und eigenem Programm in den Geschäften bietet die Stadt hier einen „Einkaufstag der besonderen Art“. Die Modenschau ist das Highlight des Abends.

Doch vorher steht erst einmal das Casting an. Ingrid und Evi Loichinger von der Modelagentur „Update-Models aus Neumarkt erarbeiten mit den über 30 Teilnehmern die Basics des Modelns. Eine schlanke, makellose Figur gehört übrigens nicht dazu. „Es gibt keine Problemzonen“, findet Ingrid Loichinger. Wichtig sei eher eine ausgewogene Figur und ein gepflegtes Auftreten. Vergleichen solle man sich auch nicht: „Jeder ist auf seine Art authentisch.“ Dass Selbstbewusstsein auch oft durch „learning by doing“ kommt, weiß sie. Deshalb sollen sich die Teilnehmer auch erst mal in der Gruppe einlaufen. Für die richtige Musik steht Stefan Theuerl, Inhaber der Tanzschule, am DJ-Pult. Als er zum ersten Mal einen Elektro-Song startet, bewegt sich: Nichts. Unsichere Blicke. Wer macht den Anfang? Endlich löst sich eine blonde Frau von den anderen, fixiert sich im Spiegel und läuft los. Alle folgen ihr. Ein paar Mal hin und zurück – das wirkt Wunder. Der Bann scheint gebrochen, mit jeder Runde gewinnen die Models an Selbstbewusstsein.

Perfekt geschminkt

Die mutige Pionierin im schwarzen Kleid mit langen blonden Haaren ist Marita Burger. Zugegeben – sie war schon vergangenes Mal dabei und hat sechs Jahre Modelerfahrung vorzuweisen. Ein kleiner Vorteil. Sie freut sich, dass die Modenschau schon 2018 so gut angenommen wurde: „Es ist schön, dass sich was regt in Schwandorf!“ Schon kurz nach der Eingewöhnungsphase lässt Ingrid Loichinger die Models in Fünfer-Gruppen laufen. Bis zur Mitte des Laufstegs, dann eine Pose, bis kurz vor den Spiegel und schließlich nacheinander zurück in die Reihe.

Linda Hadisova läuft auch mit. Eine junge, zierliche, perfekt geschminkte Frau mit langen braunen Haaren. Dass sie sich für Mode interessiert, sieht man ihr an. Sie hat noch nie gemodelt, macht nur aus Spaß mit. Als Sängerin ist sie das Rampenlicht aber gewöhnt und kaum nervös. Selbstbewusstsein und Coolness. Die wohl wichtigsten Eigenschaften eines Models, wissen Ingrid und Evi Loichinger. Unverzichtbar seien aber auch Ehrgeiz und Durchhaltevermögen, wenn man das Modeln zumindest zum Nebenberuf machen möchte. Denn die Konkurrenz sei hart – auch, wenn für manche bei solchen Castings schon der eine oder andere dauerhafte Job rausgesprungen sei.

Modeln ist nicht nur etwas für Frauen. Auch Männern macht es sichtlich Spaß.

Durch ihre Konkurrentinnen lässt sich Linda aber nicht einschüchtern, auch wenn sie neidlos anerkennt, dass viele „schon sehr hübsch“ seien. Überhaupt ist die Stimmung entspannt, die Models unterstützen sich gegenseitig. Von Konkurrenzkampf oder Missgunst ist nichts zu spüren. Zwei Freundinnen klatschen sich nach dem gemeinsamen Walk ab, der Freund einer Teilnehmerin zeigt lächelnd mit dem Daumen nach oben, als sie an der Reihe ist.

Für viel mehr als die Grundlagen des Modelns ist an diesem Tag keine Zeit. Ein richtiges Laufsteg-Training braucht viele Stunden und wochenlange Arbeit. Die Basics müssen aber trotzdem sitzen: Kein Kaugummi auf dem Catwalk, nicht sprechen, gepflegte Schuhe. Und vor allem lachen, freundlich gucken, mit dem Publikum interagieren. Weil die Mode hier direkt am Endkunden präsentiert wird, sollen sich die Menschen mit den Models und der Kleidung identifizieren können. Deshalb sind hier eher „normale“ Figuren und ein fröhliches Auftreten gefragt. Das Model soll die Kleidung authentisch und positiv vorführen. Letztere wird von verschiedenen Modehäusern der Umgebung ausgewählt, Schmuck und Schuhe sind auch dabei. Spätestens eine Woche vor der Modenschau wird den Models mitgeteilt, welchem Haus sie zugeordnet wurden. Frisur und Make-up übernehmen die Laufstegteilnehmer selbst, damit sich auch jeder mit seinem Styling wohlfühlt. Nur dann strahlen sie ehrliches Selbstbewusstsein aus.

Der richtige Walk im richtigen Takt.

Ingrid und Evi Loichinger haben inzwischen den – nur provisorischen – Laufsteg erweitert und üben mit den Teil

nehmern die Gruppenperformance. Laufen in V-Formation, möglichst synchron. Aneinander vorbei, Posen, bis zum Ende des nun 42 Meter langen Catwalks. Warten, bis die nächste Gruppe startet. Dann umdrehen, zurücklaufen. Im Rhythmus der Musik natürlich. Hier gibt es das erste Mal Verwirrung. Ingrid Loichinger stoppt immer wieder, sortiert Gruppen neu und erklärt: „Zwischen den anderen durch! Bis zum Ende des Laufstegs! Der Laufsteg ist nur zwei Meter breit, näher zusammen! Spaß haben!“ Spaß hat auch Fabian Feldmeier. Der junge Mann mit den langen Locken ist einer der wenigen Männer beim Casting, und er macht seine Sache gut. „Eigentlich stehe ich hinter der Kamera, aber ich dachte mir, ich probier das mal“, erzählt der Medieninformatik-Student. Auch er empfindet die Konkurrenz nicht negativ. Im Gegenteil. Sich von anderen etwas abgucken können, sei ein Vorteil. Regelmäßig modeln ist aber erstmal nicht sein Plan. Sollte sich das ändern, wäre das kein Problem. Bei Update-Models kann sich jeder bewerben. Nach einem kleinen Casting bekommen die Anwärter eine Anfänger-Sedcard. So weiß der Kunde, dass das Model noch unerfahren ist. „Manchmal erkennt man Talent sofort, manchmal auch erst auf den zweiten Blick“, weiß Ingrid Loichinger. Sie hat schon viele

begabte Models an bekannte Agenturen vermittelt, auch wenn letztendlich nicht alle diesen Weg dauerhaft gehen. Man brauche eben viel Ehrgeiz, ein dickes Fell und müsse mit Rückschlägen gut umgehen können.

Hier beim Casting herrscht eine lockere Stimmung. Ingrid und Evi Loichinger möchten in erster Linie Menschen die Gelegenheit zu etwas geben, das im Alltag nicht so einfach geht. Ganz ohne Druck. Deshalb wird der Preis, ein Shooting-Gutschein im Wert von 500 Euro, auch nicht nach Leistung vergeben, sondern verlost.

Am Ende des Trainings haben die Teilnehmer die Wahl: Wer noch Lust hat, eine Choreographie zu lernen, kann bleiben. Es entstehen zwei Gruppen. Einer erklärt Evi Loichinger, wie man Schuhe richtig präsentiert. Nicht an den Füßen übrigens. Sie werden in der Hand getragen, eventuell gar nicht als Paar, sondern zwei verschiedene. Marita und Fabian sind in der anderen Gruppe. Sie lernen eine Choreo für die Präsentation von Schmuck. Im Mittelpunkt stehen dabei nicht etwa die Ohren oder der Hals, sondern die Hände. Mit an der Brust überkreuzten Armen laufen sie durch ihre Modelkollegen hindurch, zeigen den Schmuck dem noch imaginären Publikum.

Am Ende werden in kleinen Gruppen Fotos gemacht. So können die Modehäuser die richtigen Typen für sich auswählen. Die Stimmung ist ausgelassen, hier und da werden Nummern ausgetauscht. Fabian und Marita sind zufrieden. Schwer sei es nicht gewesen, resümiert der Student, er freue sich jetzt auf die Modenschau. Auch Linda steht schon am Rand des Laufstegs. Sie ist barfuß, hält ihre High Heels nach zweieinhalb Stunden Training in den Händen. „Es hat wirklich viel Spaß gemacht! Aber meine Füße tun jetzt ganz schön weh“, sagt sie und lacht.

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