12.04.2019 - 13:25 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Tagebuch für die Zeit als Komapatient

Keine Erinnerungen nach dem Koma. Intensivpatienten und Angehörige kämpfen nach dem Krankenhausaufenthalt oft mit Depressionen und Ängsten. Pfleger Wolfgang Wack hat ein Intensivtagebuch für das Schwandorfer Krankenhaus konzipiert.

Pfleger Wolfgang Wack ist im Interview die Begeisterung für das von ihm konzipierte Intensivtagebuch für das Schwandorfer Krankenhaus anzumerken.
von Christopher Dotzler Kontakt Profil

Das Bundeswehrkrankenhaus Hamburg fragte bereits an, ob sie ein Exemplar haben könnten. Angehende Pfleger wollen eine Facharbeit darüber schreiben. Auf Facebook kommentieren über 120 Menschen das Thema. Die Resonanz auf die Einführung des Intensivtagebuchs ist enorm. Dabei ist die Idee nicht ganz neu. Schon seit zehn Jahren gibt es das Buch in Deutschland, zuvor bereits in England und Skandinavien. Trotzdem ist das Konzept noch nicht weit verbreitet. Wolfgang Wack, der Initiator des Schandorfer Intensivtagebuchs, schätzt, dass 80 bis 90 Intensivstationen von insgesamt 1200 so ein Tagebuch führen. Deshalb will er auf das Konzept „aufmerksam machen und die Idee teilen“. Das Krankenhaus St. Barbara verzeichnet jährlich 1200 Intensivpatienten, 180 davon müssen beatmet werden. Im Interview stellt sich Wolfgang Wack den Fragen von Oberpfalz-Medien.

ONETZ: Was war der konkrete Anlass, ein Intensivtagebuch für das Schwandorfer Krankenhaus zu konzipieren?

Wolfgang Wack: Dass es immer wieder Beatmungspatienten bei uns gibt, die nach der Behandlung vor unserer Türe stehen, läuten und sehen wollen, wo sie gelegen sind. Sie wissen das nicht mehr. "Was war in den letzten drei Wochen? Ich habe da nur eine weiße Wand vor mir, ein Zimmer, ein Fenster", lauten Aussagen. Es gibt immer wieder Leute, die nach der Behandlung kommen - oft Wochen danach, wenn sie von der Kur zurück sind. Sie wollen sehen, wo es ihnen so schlecht gegangen ist und wo sie ums Überleben gekämpft haben.

ONETZ: Viele Patienten fallen nach dem Aufenthalt auf der Intensivstation in ein Loch. Depressionen, Angst und posttraumatische Belastungsstörungen sind keine Seltenheit. Wie soll das Intensivtagebuch diesen Menschen helfen?

Wolfgang Wack: Es soll nach dem Aufwachen als Anhaltspunkt dienen und eine Stütze sein. Sie müssen sich vorstellen: Ihnen fehlen drei Wochen vom Leben, wo sie nicht mehr aktiv waren, nicht mehr der Arbeit und den Hobbys nachgegangen sind. Das fehlt den Patienten. Wenn man einen Anhaltspunkt hat und nachlesen kann: Aha, das war eine Zeit, da habe ich geschlafen, da war mein Kreislauf noch schlecht, die Wunde war schlecht verheilt - dann hilft einem das, das Ganze zu verarbeiten.

ONETZ: Pflegepersonal und Ärzte tragen sich in das Buch ein. Was konkret wird geschrieben?

Wolfgang Wack: Ich gebe Ihnen ein Beispiel: "Sehr geehrter Herr Müller, mein Name ist Wolfgang und ich bin heute Nacht Krankenpfleger bei Ihnen. Sie haben heute Fieber, ihr Kreislauf ist noch schlecht, aber Sie bekommen Medikamente, damit wir Sie stabilisieren können und ich mache Wadenwickel, damit sich das Fieber senkt." Und später: "Herr Müller, die Nacht ist vorbei. Sie haben sich stabilisiert, Ihr Fieber ist gesunken. Morgen stehen noch verschiedene Untersuchungen an." Oder der Physiotherapeut schreibt beispielsweise: "Herr Mayer, heute sind wir das erste Mal am Bett gesessen. Es war anstrengend für Sie. Aber Sie haben mich angelacht, als Sie auf der Bettkante saßen." Der Patient kann das später einmal Revue passieren lassen.

ONETZ: Und was tragen Angehörige ein?

Wolfgang Wack: Sie dokumentieren den Alltag, kleben Fotos von den Enkeln ins Buch oder schreiben vom Klassentreffen. Beispielsweise: "Es hätte dir gefallen, der Huber Karl war auch dabei." Solche Sachen.

ONETZ: Wie viele Intensivtagebücher sind in Schwandorf schon geführt worden?

Wolfgang Wack: Aktuell zwei. Betroffen sind langzeit-beatmete Patienten, die mehrere Wochen im künstlichen Koma sind. Das sind oft Leute mit schweren Lungenentzündungen. Es gibt aber noch keinen abgeschlossenen Fall. Von den beiden laufenden Fällen gibt es schon positives Feedback von den Angehörigen.

ONETZ: Wie viel bekommen die Patienten selbst mit, wenn sie im Koma liegen?

Wolfgang Wack: Das ist unterschiedlich, je nach Schwere der Erkrankung und Tiefe der Sedierung. Aber in der Aufwachphase ist man verwirrt, rutscht oft in ein Delir. Das sind delirante Zustände, die oft Tage lang dauern. Patienten nehmen viel gestört wahr: Sie meinen etwa es brennt, dabei ist es nur der Alarm vom Monitor.

ONETZ: Was passiert mit dem Buch nach dem Krankenhausaufenthalt?

Wolfgang Wack: Wir geben es nach der Intensivbehandlung den Angehörigen oder dem Patienten mit. Der Patient kann das Tagebuch sogar weiterführen, wenn er möchte. Während der Reha beispielsweise. Wir geben das Buch den Angehörigen auch mit, sollte der Patient versterben. Es soll eine Hilfe sein, das zu verarbeiten.

ONETZ: Was erhoffen Sie sich für einen Effekt, wenn es über einen längeren Zeitraum läuft?

Wolfgang Wack: Ich würde mir einerseits wünschen, dass die Leute das Intensivtagebuch annehmen, sie sich fragen trauen und informieren lassen - das machen wir jederzeit gerne. Wir schreiben auch gerne in das Buch. Für uns ist das kein großer Aufwand. Außerdem würde ich mir wünschen, dass die Idee in andere Krankenhäuser getragen wird.

Das Intensivtagebuch:

Das Intensivtagebuch besteht hauptsächlich aus leeren Seiten, die Pflegepersonal, Ärzte und Angehörige nach und nach füllen sollen. Das Tagebuch lebt nicht von dem was drin steht, sondern von dem was reinkommt“, sagt Initiator Wolfgang Wack. Außerdem sind ein Einleitungstext, Erklärstücke und Infos in dem Buch. Auch Begriffserklärungen finden sich auf zwei Seiten wieder. Für Wack sehr wichtig, denn: „Wir sind Fachkräfte, wir schreiben unseren Alltag nieder. Der Patient ist ein Laie, der kennt sich damit nicht aus.“ Das Intensivtagebuch sei individuell für das Krankenhaus St. Barbara konzipiert. 100 Exemplare sind bisher gedruckt worden. Laut Wack bewusst nicht so viele, da das Buch ständig aktualisiert und weiterentwickelt werden soll. Die Freunde und Förderer des Krankenhauses St. Barbara haben die Kosten für den Druck und Werbeflyer übernommen. Für Patienten ist das Intensivtagebuch kostenlos.

100 Exemplare sind bisher gedruckt worden.
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