Schwandorf
17.10.2018 - 10:28 Uhr

Tritte, Schläge und Freisprüche

Warum muss immer gleich zugeschlagen werden? Ein Prozess nach dem anderen vor Schwandorfer Richtern. Meist mit jungen Leuten, die wegen Kleinigkeiten sofort ausrasten. Gewalt, die sich in der Regel als völlig grundlos herausstellt.

Mit Freisprüchen endete ein Verfahren nach einer Schlägerei vor einem Schwandorfer Lokal. In einer mehrstündigen Verhandlung konnte nicht ermittelt werden, wer von den drei Angeklagten dem Geschädigten seine Verletzungen zugefügt hatte. Bild: Volker Hartmann/dpa
Mit Freisprüchen endete ein Verfahren nach einer Schlägerei vor einem Schwandorfer Lokal. In einer mehrstündigen Verhandlung konnte nicht ermittelt werden, wer von den drei Angeklagten dem Geschädigten seine Verletzungen zugefügt hatte.

Die Nacht zum Allerheiligentag im letzten Jahr: In einer Schwandorfer Kneipe nahe des Kolpingplatzes tranken Gäste ihr Bier. Darunter auch zwei Freundesrunden junger Leute. Der Streit zwischen ihnen entzündete sich dann an einer Lächerlichkeit: Ein Vorhang an der Eingangstür soll nicht geschlossen worden sein, als manche vom Rauchen wieder ins Lokal hereinkamen. Was dann passierte, war eine Auseinandersetzung, die sich draußen im Freien abspielte. Mit drei Männern, die nun als Angeklagte vor der Jugendrichterin Petra Froschauer saßen. Und mit einem Heer von 16 Zeugen, die aufmarschieren mussten, um ihre Beobachtungen zu schildern. Dabei vermittelte sich der Eindruck: Jeder hatte etwas anderes gesehen.

Es gab einen Geschädigten. 21 Jahre alt und nach eigenem Bekunden "am Boden liegend mit 20 bis 30 Fußtritten malträtiert" worden zu sein. Als Täter machte er die drei Beschuldigten aus. Doch wer nun in welcher Art genau über ihn herfiel, konnte der Mann nicht sagen. Dabei erhob sich für Beobachter des Prozesses die generelle Frage: Muss sich jemand in Momenten höchster Not einprägen, was seine Peiniger exakt machten? Zuvor schon wollte der 21-Jährige, zu diesem Zeitpunkt noch stehend, Faustschläge abbekommen haben. "Dabei hatte ich nur vor, über die ganze Sache zu reden", hörte die Richterin.

Ein Stakkato von Fußtritten und außerdem Fausthiebe? Die drei Angeklagten im Alter von 22, 21 und 20 Jahren bestritten vehement. Von ihnen hörte die Richterin, dass es da wohl zu Tätlichkeiten vor dem Wirtshaus kam. Doch sie selbst hätten nicht eingegriffen. Einer erinnerte sich: "Mir ist die Brille weggeschlagen worden. Da habe ich nichts mehr gesehen." Ein anderer berichtete: "Da lag ein ganzer Haufen Leute aufeinander."

Ein schwieriger Fall für die Jugendrichterin. Sie kämpfte sich über viele Stunden hinweg durch ein Dickicht der Ungereimtheiten. Dazu gehörte auch die Frage, warum denn der nach eigener Darstellung durch Fußtritte erheblich verletzte 21-Jährige nach dem Ende der Schlägerei Hausverbot in der Kneipe erhielt, anschließend heim ging und sich ins Bett legte. Anderntags hätten ihn Familienangehörige entsetzt gefragt: "Wie siehst du denn aus?" Blut, Hämatome, Prellungen an Kopf und Körper.

Es wurde ein langer Verhandlungstag. Doch zum Schluss stand fest, dass nichts fest stand. Mit anderen Worten: Es gab bei dieser Keilerei zwar einen erheblich Verletzten. Doch wer genau dessen Blessuren verursachte, ließ sich nicht klären. Die Konsequenz daraus: Freisprüche für alle drei Angeklagten.

 
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