06.12.2018 - 10:07 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Über den Zauber von Comics

Für Dominik Wendland ist der Comic ein „geniales Misch-Medium“. Der 27-Jährige kommt in die Kebbelvilla und hält einen Workshop. Im Interview spricht der 27-Jährige über den Imagewandel der Kunstform, und wie sehr er seine Figuren liebt.

Auf sein Werk "Tüti" darf Dominik Wendland stolz sein. Immerhin gab es dafür den Bayerischen Kunstförderpreis.

ONETZ: Das Interesse an Comics ist in den letzten Jahren sehr gestiegen. Natürlich sind der breiten Masse das Marvel- und DC-Universum ein Begriff. Es gibt aber etwa auch den mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten Comic "Maus - Die Geschichte eines Überlebenden" und immer mehr anspruchsvolle Graphic Novels, wie die Ausstellung "Kafka in Komiks" beweist. Was kann der Comic, was andere Kunstformen nicht können?

Dominik Wendland: Das ist eine sehr gute Frage. Der Comic ist ein geniales Misch-Medium, würde ich sagen. Er kann sich am Best-of der Kunst, also von der klassischen Malerei, Grafik und Kunsthistorik der letzten 2000 Jahre anlehnen, und zusätzlich an der Literatur. Die Gewichtung kann ganz unterschiedlich ausfallen. Es gibt Comics, die kommen völlig ohne Text aus. Ich habe auch schon Comics gelesen, in der auf einer Seite eine Figur ist und darüber eine Riesen-Sprechblase. Das ist eigentlich eher ein illustriertes Essay. Durch die Kombination dieser zwei für sich schon tiefgehenden Kunstrichtungen Grafik und Text entsteht etwas Neues, das etwas fast filmisches bekommt. Das hat einen ganz besonderen Zauber.

ONETZ: Der Comic hat einen ziemlichen Imagewandel hinter sich. Die Bandbreite reicht von so skurrilen Geschichten wie "Batman & Dracula" bis hin zu den ganzen Literaturklassikern, die als Graphic Novels veröffentlicht werden ...

Dominik Wendland: Den Imagewandel nehmen wir vor allem in Deutschland so wahr, weil der Comic ein nicht so starkes Traditionsmedium ist, wie in anderen Ländern - beispielsweise in Frankreich oder Belgien. Wenn man dort jemandem sagt "Comic ist richtige Literatur", dann sagen die: "Na klar, was denkst du denn." Das aufpolierte Image hat auch etwas mit dem Begriff der Graphic Novel zu tun, was meiner Meinung nach ein von der Literatur-Branche geschaffener Begriff ist: Der Comic ist eben nicht nur Komik, sondern eine graphische Erzählung, eine graphische Novelle und kann wie eine andere Erzählform - der Film, der Literatur - jede Art von Geschichte erzählen. Sie kann albern sein, aber auch traurig, berührend oder oberflächlich.

ONETZ: Sie zeichnen Comics, seit Sie 16 Jahre alt sind und haben vor kurzem für ihr Werk "Tüti" den Bayerischen Kunstförderpreis bekommen. Was hat Sie zum Comic gebracht?

Dominik Wendland: Ich glaube der Hauptmotivator dafür war der amerikanische Comiczeichner James Kochalka, der mir damals die Augen geöffnet hat. Ich hatte zuerst auch dieses Bild: Comic, das ist „Asterix und Obelix“, „Tim und Struppi“ und „Das lustige Taschenbuch“. Kochalka hat Tagebuchcomics gezeichnet, und als einer der Ersten im Internet veröffentlicht. Er hat über Kleinigkeiten aus seinem Alltag erzählt, aber auf eine so berührende Art und Weise, dass einem die Tränen kommen konnten. Aber auch Witziges oder auch mal Nichtssagendes. Das hat mir gezeigt, wie wahnsinnig vielfältig dieses Medium sein kann – und das die Gefühle, die Comics ansprechen können, weit über die Lachmuskeln und die Komik hinausgehen.

ONETZ: Man merkt, wie leidenschaftlich Sie sich mit Comics befassen? Was haben Sie sonst noch so gelesen?

Dominik Wendland: (wechselt das Zimmer, vom Büro geht es vor die Bücherwand): Es gibt ein paar Klassiker, die wunderbar sind wie "Calvin und Hobbes" oder "Die Peanuts". Es gibt aber auch hervorragende moderne Sachen, wie "Der Umfall" von Mikael Ross. Der Comic erzählt die Geschichte eines inklusiven Dorfes in Brandenburg. Da waren Stellen dabei, bei denen ich mich kaputt gelacht habe, an anderen Stellen sind mir die Tränen runtergelaufen. Es hat sich so lebensnah angefühlt. Das hat mich total umgehauen.

ONETZ: Nun zeichnen und schreiben Sie auch Comics? Was braucht man dafür?

Dominik Wendland: Nur Stift und Papier, dann kann man loslegen.

ONETZ: Tatsächlich? Am Samstag geben Sie ja einen Workshop im Oberpfälzer Künstlerhaus: Es kann also jeder daran teilnehmen?

Dominik Wendland: Auf jeden Fall. Wie jeder einen Satz schreiben oder ein Bild malen kann, so kann jeder einen Comic schreiben. Jeder, der das Bedürfnis oder Lust hat, eine Geschichte zu erzählen - egal ob etwas Persönliches oder Albernes - bringt die beste Grundvoraussetzung mit. Der Rest geht von alleine.

ONETZ: Wie gehen Sie den Workshop an? Was ist zu erwarten?

Dominik Wendland: Es ist ein sehr umfangreiches Programm. Wir fangen mit Zeichen-Übungen an, um die Handgelenke zu lockern. Ich spreche über die wichtigen Komponenten, was die Arbeit beim Comiczeichnen ausmacht. Es geht sowohl um die formalen Aspekte - was definiert das Medium -, als auch über inhaltliche Fragen - wie fange ich eine Geschichte an, wie höre ich sie auf, was passierst dazwischen und wie steuere ich die Charaktere da durch, dass sie die Reise heil überstehen.

ONETZ: Zum Schluss: In Japan hat ein Mann eine Comic-, oder besser gesagt Manga-Figur geheiratet. Mit der Stoffpuppe Miku ging es zum Traualtar, 40 Gäste waren anwesend. Wie sehr lieben Sie Ihre Figuren?

Dominik Wendland: (lacht laut) Das ist eine super Frage. Ich identifiziere mich sehr mit meinen Figuren. Ich bin der Meinung, dass ein Autor immer nur über sich selber schreiben kann. Jede Figur, über die ich schreibe, ist ein Teilaspekt von mir oder ein Gedanke, der mich beschäftigt. Deswegen sind es immer Dinge, die mir sehr nah sind. Aber ich zeichne nicht ausschließlich über die sehr schönen Dinge, die mir nah sind, sondern auch manchmal über die nicht so erfreulichen Aspekte des Lebens. Deswegen ist es schwierig zu beantworten, wie sehr ich meine Figuren liebe. Sie bedeuten mir in jedem Fall sehr viel. Manche liebe ich, manche sind riesige Arschlöcher - aber so ist es im Leben einfach. Das Eigenleben, die eine Figur bekommt, die Geschichte, die sie einem manchmal erzählt, kann einem wiederum manchmal neue Sachen über sich selbst enthüllen.

Zur Person:

Dominik Wendland (27) ist in einem kleinen Dorf in Baden-Württemberg aufgewachsen. Zum Studieren ging er nach Leipzig an die Hochschule für Grafik und Buchkunst, um genau das - "Grafik und Buchkunst" - zu studieren. Eine sehr handwerkliche Ausbildung, "bei der ich das Print-Handwerk von der Pike auf gelernt habe", sagt Wendland. Darunter die besten Druckverfahren der vergangenen 200 Jahre von Lithographie oder Siebdruck. Der 27-Jährige erhielt auch eine künstlerische Ausbildung. Mittlerweile ist Wendland selbstständig. Unter anderem illustriert er Bücher und für die "Süddeutsche Zeitung" und das "SZ-Magazin". Heute wohnt er in München.

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