02.09.2020 - 14:55 Uhr
SchwandorfOberpfalz

"Zwickl" in Schwandorf: Kultur im Kartoffellager

Dokumentarfilm zwischen "Princess" und "Birte": "Zwicklight" bietet am Sonntag auf dem Brunnerhof einen Lichtblick in Corona-Zeiten. Auch wenn das Thema des Films eher düster ist.

Wo sonst "Princess" und "Birte" gekühlt auf die Verbraucher warten, gab's am Sonntag Kultur. Das Kartoffellager auf dem Brunnerhof in Richt war die Location für das erste "Zwicklight"
von Clemens Hösamer Kontakt Profil

In diesem Jahr wird es keine Zwickl-Diokumentarfilmtage geben. Aber das Team um Anne Schleicher lässt die Filmfans nicht im Stich: Mit "Zwicklight" wurde ein Format gefunden, um möglichst vierteljährlich an wechselnden Orten spannende Dokumentationen zu zeigen. So viel vorne weg: Die Premiere am Sonntag war ein Erfolg. Trotz aller Corona-Vorgaben samt großen Abständen und Masken war das Interesse groß, alle 70 Plätze besetzt. "Wir mussten einige Leute nach Hause schicken", bedauerte Schleicher. Dafür zeigte sich das Kartoffellager auf dem Brunnerhof als ideale Film-Location.

LEO trifft Zwickl-Organisatorin Anne Schleicher

Schwandorf

Leichte Kost ist es nicht, was das "Zwickl"-Team zusammen mit Familie Brunner als Veranstalter den Zuschauern präsentierte: "Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit" heißt der preisgekrönte Film, der in bester technischer Qualität auf der großen Leinwand lief.

Aktuelles Thema

Das Thema ist hochaktuell, auch wenn Regisseurin Yulia Lokshina den Streifen noch weit vor Corona konzipiert und gedreht hat: Sie verknüpft das Leben von Werkvertrags-Arbeitern einer riesigen Schlachterei mit einer Theateraufführung an einem Gymnasium im Münchner Speckgürtel. Geprobt und gespielt wird "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" von Bertolt Brecht.

Zwei Wirklichkeiten

Lokshina verwebt in ihrem Film zwei Wirklichkeiten, die weiter kaum auseinander liegen können: Hier die Ausbeutung von Leih- und Werkarbeitern aus Osteuropa in der Schlachtindustrie, dort die Auseinandersetzung mit der Kapitalismus- und Religionskritik Brechts. Wobei: Selbst den Lehrer Alexander Klessinger, der mit den angehenden Abiturienten das Stück probt, wundert, auf wie wenig Widerspruch die marxistischen Parolen Brechts bei den jungen Leuten stoßen. 17 Stunden Schufterei am Tag, tonnenweise Fleisch schleppen, das ist für die Schüler schlicht außerhalb ihrer Lebenswelt. Vielleicht, sagt Klessinger in der Diskussion nach dem Film im Kartoffelager, wäre das mit Schülern einer Haupt- oder Realschule anders gewesen.

Lokshina predigt nicht, sie beobachtet, ihr Film wühlt allein durch die Gegenüberstellung der Lebenswelten auf. Das Schicksal der Billigarbeiter, die mit Hungerlöhnen dafür bezahlen, dass billige Lebensmittel in Supermarktregalen liegen, wird aber nicht nur von Schülern ausgeblendet. Es braucht schon eine Pandemie und die Massenansteckung bei Tönnies, um es ins Bewusstsein zu rücken. Aber auch ohne die bei der Entstehung des Films nicht zu ahnende Aktualität: Das ist großes Dokumentar-Kino, ausgezeichnet mit dem Max-Ophüls-Preis und einem Preis des DOK.fests München.

Keine Drehgenehmigung

Das Schicksal eines Werksvertrags-Arbeiters, der bei einem furchtbaren Unfall in einer Fleischfabrik ums Leben kam, hat Lokshina auf das Thema für ihren Abschlussfilm an der Filmhochschule München gebracht. Drehgenehmigungen in Schlachthöfen bekam sie nicht, wie sie im Gespräch mit Anne Schleicher nach dem Film schildert. Vielleicht ein Glück, ihr Weg der Dokumentation wirkt sogar noch eindringlicher. Es geht ihr auch nicht nur um die Fleischindustrie: "Auf dem Bau oder in der Pflege gibt es die gleichen Probleme", sagt die Regisseurin. Dass ein Schwandorfer Lebensmittelbetrieb 700 Unterschriften dafür sammelt, Werkverträge auch künftig zuzulassen, sieht sie als Beleg dafür, dass sich das Unternehmen doch zur Fleischindustrie zählt. Für die sollen ab 1. Januar Werkverträge verboten werden.

Gemeinsame Verantwortung

Der Geschäftsführer des Bauernverbands, Josef Wittmann, wollte die Werkverträge oder Leiharbeit auch nicht in Bausch und Bogen verdammen. Um Produktionsspitzen abzudecken, könne das sinnvoll sein. Das Problem seien die Exzesse, die mit diesem Werkzeug getrieben werden. Und letztlich seien die Verhältnisse ein Thema für die gesamte Gesellschaft: "Auch der Verbraucher ist in der Verantwortung."

Wo sonst viele hundert Zentner "Princess" und "Birte" in Stapelkisten gut gekühlt und belüftet lagern, hat das Zwickl-Team Dokumentarfilmkino geliefert, wie es sein muss: Aufrüttelnd, inspirierend, anregend. Der Applaus gebührte auch den Geschwistern Vroni und Joseph Brunner und ihrem Team, das als Gastgeber für das Ambiente und die Verpflegung (natürlich Dotsch und Bratwürstl) sorgten. "Ihr seid eine ganz tolle Familie", freute sich Anne Schleicher über die gute Zusammenarbeit.

"Zwickl"-Initiatorin Anne Schleicher (von rechts) stellte nach dem Film Fragen an Regisseurin Yulia Lokshina und Protagonist Alex Klessinger.
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