18.06.2021 - 13:46 Uhr
SchwarzachOberpfalz

3D-Kunst im Schwarzacher Pfarrhof: Künstlerpaar aus Indien hinterlässt Andenken

Dieses Marmeladenglas im Treppenhaus des Pfarrhofs von Schwarzach hat es in sich: Wenn Pater Binu Kureekattil in die Hocke geht, passt er perfekt hinein. Den Trick verdankt er Besuchern mit Weltruhm.

Künstler Limnesh Augustine (stehend) persönlich legt hier noch einmal letzte Hand an das Kunstwerk im Schwarzacher Pfarrhof. Mit Pater Binu Kureekattil wird aus der richtigen Perspektive ein perfekte optische Täuschung.
von Monika Bugl Kontakt Profil

Limnesh Augustine und Jincy Babu sind weltbekannte 3D-Street-Art-Künstler. Dass sie vor ein paar Jahren Station in Schwarzach machten, liegt an Pfarrvikar Binu Kureekattil. Er kennt die beiden aus seiner Zeit in einer Pfarrgemeinde im indischen Mumbai, wo der Kontakt über ein Künstlerprogramm zustande kam. Vor ihrer Abreise haben die Gäste im Pfarrhof ein Andenken hinterlassen, das auf den ersten Blick gar nicht so spektakulär aussieht: Ein paar Linien in diversen Grautönen, und ein sehr plastischer, überdimensionaler Schraubdeckel aus Metall sind in einer Ecke des Treppenhauses an die Wand gemalt. Und der Pinsel hat offensichtlich nicht vor dem Boden gestoppt – auch dort finden sich auf den Fliesen feine Linien.

"Sie müssen die Treppe ein paar Stufen raufgehen", gibt Pater Binu Anweisungen zum Betrachten des Werks aus der richtigen Perspektive. Und tatsächlich: Was von der Seite gesehen noch verzerrt wirkt, offenbart sich aus dem neuen Blicknkwinkel als perfekte Illusion. Seinen vollen Charme aber entfaltet das Kunstwerk, wenn sich in diesem vorgegebenen Rahmen ein Mensch postiert. Der Geistliche in Schwarzach war einer der ersten, der sich so für ein Foto in einem leeren Marmeladenglas verewigen durfte. Aber auch seine ganze Familie hatte offensichtlich viel Spaß an diesem ganz besonderen Trick. Bei einem Besuch konnten alle Familienmitglieder sich von der Wirkung dieser optischen Täuschung überzeugen und live erleben, wie geschickt das Künstlerpaar drei Dimensionen auf zwei reduziert.

"Die beiden haben es mit ihrer Kunst bis ins Guinness-World-Records-Buch geschafft", berichtet der 40-Jährige stolz, und zwar in "3D-Kunst und Kreidezeichnung". "Jedes Jahr bekommen die beiden Einladungen aus der ganzen Welt", erzählt ihr Landsmann voller Stolz. Auch im Internet haben die spektakulären Bilder von täuschend echt aussehenden Leoparden, die man streicheln kann ebenso einem Platz gefunden wie der Ferrari aus Kreide, in dem man sich fürs Foto hinters (ebenfalls nur gezeichnete) Steuer klemmt. Verblüffend real ist aber auch eine gigantische Ameise, die der Künstler "an den Fühlern zieht".

Dabei kommt Limnesh Augustine eigentlich eher aus der Fachrichtung Technik. Als IT-Ingenieur, aktuell ist er Projekt-Manager in Bahrain, bringt er mehr als nur einen Pinsel mit. Ihm zur Seite steht Kunstpädagogin Jincy Babu. Gemeinsam hat das Künstlerpaar Spuren in vielen Städten der Welt hinterlassen.

2012 gab es beispielsweise den ersten Eintrag ins Guinness-Buch in der Kategorie "größtes amorphisches Bild". Das über 2300 Quadratmeter große Werk entstand in Bahrain, 160 Teilnehmer halfen mit, es in vier Stunden entstehen zu lassen. Seither haben die kreativen Köpfe aus Indien mehr als 200 kleinere und größere Arbeiten in Flughäfen, Museen, Parks, Einkaufszentrum oder Schulen gefertigt. Beide haben Indien und Bahrain regelmäßig bei Street Art Festivals in Europa und den USA vertreten. In Deutschland überzeugten die Künstler beispielsweise mit Straßenkunst beim Festival in Blumberg, zu dem jährlich rund 30.000 Besucher erwartet werden. Im vergangenen Jahr allerdings musste das Spektakel wegen der Corona-Pandemie ausfallen, auch heuer gibt es dort Street Art nur online (9. bis 11. Juli).

Über mehrere internationale Kampagnen sind die Freunde von Pater Binu inzwischen mit den Vereinten Nationen (UN), der Weltgesundheitsorganisation (WHO), UNICEF, sowie Regierungsbehörden in Indien, Bahrain und den USA verbunden. Neben Fans wie dem Direktor der Vereinten Nationen oder der königlichen Familie von Bahrain dürften sich inzwischen auch einige Mitglieder aus der Pfarreiengemeinschaft Kemnath Fuhrn - Schwarzach/Altfalter - Unterauerbach zu den Kennern dieser 3D-Kunst zählen – zumindest wenn sie schon mal bei Pater Binu Kureekattil im Pfarrhof vorbeigeschaut haben.

Pandemie überschattet Kontakte nach Indien

Schwarzach
Pater Binu Kureekattil (links) hat das Künstlerpaar Limnesh Augustine und Jincy Babu mehrmals in Deutschland getroffen. Bei einem Besuch in Schwarzach entstand das Werk im Pfarrhof.
Pater Binu im Marmeladenglas. Perfekt ist die Illusion wenn im Vordergrund eine Hand scheinbar das Glas hält.
Hier hat die Schwester des Pfarrvikars, Bindu Kureekattil, für die optische Täuschung Modell gestanden.
So sieht das leere Glas im Flur des Schwarzacher Pfarrhofs aus. Die dreidimensionale Optik entsteht auch dadurch, dass sich die Umrisse auf dem Boden fortsetzen.
Hintergrund:

Technik, Trends und Rekorde

  • Technik: 3D-Malerei, also die dreidimensionale Darstellung ist eigentlich in der Kunst nicht neu. Heute versteht man darunter aber meist eine spezielle Ausformung von Straßenmalerei (Street Art). Eng verknüpft ist diese Form mit Trends in der digitalen Welt wie 3D-Computergrafiken oder Animationen. Als eine Anamorphose (aus dem Altgriechischen; bedeutet "Umformung") bezeichnet man seit 1657 Bilder, die nur unter einem bestimmten Blickwinkel ihre volle Wirkung entfalten.
  • Straßenmalerei: Als Material wird hauptsächlich Kreide verwendet. Der 3D-Effekt entsteht durch optische Täuschung, eine Rolle spielt dabei auch die Verschmelzung des Kunstwerkes mit der Umgebung.
  • Trend: Neuerdings werden in die Straßenmalerei häufig Passanten einbezogen, die sich wie vor einer Kulisse in einem Fotostudio für die Kamera in Szene setzen. Diese Form nennt man interaktive Straßenmalerei.
  • Guinness-World-Records-Buch: bedeutendste Sammlung von Rekorden. Es erscheint seit 1955 jährlich. Registriert sind dort menschliche Höchstleistungen und Extremwerte, aber auch natürliche Phänomene. Joe Hill schaffte es im November 2011 mit dem größten 3D-Kunstwerk ins Guinness-Buch der Rekorde, im Februar 2021 holte sich Limnesh Augustine den Titel mit einem über 2300 Quadratmeter großen Werk in Bahrain, das den Titel "Piece 4 Peace" trägt und Elemente eines Zauberwürfels mit dem Globus verknüpft.

 

 

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