06.05.2021 - 17:29 Uhr
SchwarzachOberpfalz

Schwarzacher Pfarrvikar bangt um Familie in Indien

Wann kommst du? Jeden Tag hört Pater Binu Kureekattil, Pfarrvikar in Schwarzach, diese Frage von seinem Vater. Doch momentan führt kein Weg in seine Heimat: Indien steckt massiv in der Corona-Krise, die Angst geht um in den Familien.

Pater Binu Kureekattil (links) macht sich Sorgen um seine Eltern. Ein täglicher Anruf kann einen Besuch in seinem Heimatland Indien nicht ersetzen. Dazu kommt die Sorge über eine Ansteckung mit dem dort massiv grassierenden Coronavirus.
von Monika Bugl Kontakt Profil

Das Heimweh packt Pater Binu Kureekattil, wenn er auf seinem Handy die Familienbilder durchsieht: Fotos von der Taufe eines Neugeborenen, glückliche Gesichter bei der Rückkehr seines Vaters aus dem Krankenhaus und von Besuchern aus der Pfarreiengemeinschaft Schwarzach-Altfalter/Kemnath/Unterauerbach in Indien. Temperaturen von 30 Grad herrschen dort, aber es ist kein Klima für Entspannung. 16 Monate ist es her, dass die 36-köpfige Reisegruppe unter Führung des Pfarrvikars im Bundestaat Kerala die Kautschuk-Plantage seines älteren Bruders besichtigt hat, der zusätzlich auch noch eine Werkstatt hat. Seither hat sich die Welt gewandelt. "Alle haben Angst", schildert der Seelsorger an seinem Schreibtisch in Schwarzach die Lage in Indien angesichts einer gigantischen Zahl von Corona-Infizierten.

Verlässliche Zahlen wie viele Menschen genau erkrankt sind, gibt es nicht, erzählt der Pater. Sein 45-jähriger Bruder hatte sich angesteckt, auch die ältere Schwester und ihre Familien waren erkrankt, haben Corona aber noch ganz gut überstanden. Doch was ist, wenn sich der 83-jährige Vater ansteckt oder die 79-jährige Mutter? Jeden Abend, wenn vom Pfarrhof in Schwarzhofen über eine App ihre Gesichter auf dem Handy des Sohnes auftauchen, werden die Sorgen greifbar. Was schmerzt, ist die Ungewissheit, ob es noch ein Wiedersehen geben wird, wenn der Vater zum dritten Mal bei einem Anruf fragt, wann der Sohn "nach Hause" kommt.

Quarantäne ohne Obdach

"Seit etwa drei Wochen hat sich die Lage auch in Kerala verschlechtert, am Freitag greift dort ein Lockdown", weiß Pater Binu. Dabei gehe es den Menschen dort im Süden Indien noch vergleichsweise gut. "In dieser Region besuchen alle Kinder eine Schule, man ist um Sicherheit bemüht, im Norden ist es viel schlimmer", sagt der 39-Jährige. Zu viele Menschen leben dort von der Hand in den Mund, können im Lockdown nicht einmal mehr die umgerechnet zwei bis drei Euro fürs Überleben erarbeiten. "Viele Menschen im Norden Indiens haben kein Haus, wie soll man da Quarantäne einhalten?", fragt sich der Pater. Er kann nicht verstehen, wieso mitten in der Pandemie das Hindu-Fest "Kumbh Mela" oder Menschenansammlungen bei Wahlkampf-Veranstaltungen ohne Corona-Beschränkungen erlaubt waren. "Ein sehr großer Fehler", seufzt er. "Viele dieser Menschen sind arm, sie konnten nie eine Schule besuchen", fügt er entschuldigend hinzu, "sie haben nur ihren Glauben".

Der Lockdown wird diese Armut noch verschärfen, auch der reichere Süden bleibt nicht verschont. Biju, der große Bruder von Binu Kureekattil, kann den sieben Arbeitern in seiner Autowerkstatt schon länger nur noch den halben Lohn zahlen, weil auch seine Kunden ihre Rechnung nicht begleichen. Da viele auf öffentliche Verkehrsmittel verzichten, fallen jede Menge Reparaturen bei Autos und Motorrädern an. "Es gibt aber nur Arbeit und kein Geld", berichtet der Geistliche mit indischen Wurzeln. Sein Bruder versuche, zumindest den halben Lohn zu zahlen. Doch ab Freitag sei auch seine Werkstatt dicht, die Sauerstoffflasche fürs Schweißgerät von der Regierung für die schweren Fälle im Krankenhaus beschlagnahmt.

Ein Lebenszeichen

"Komm uns nicht besuchen, es ist zu gefährlich", hat Biju seinen jüngeren Bruder in diesen Tagen erst gewarnt. Dabei hatte er zu Beginn der Pandemie vor einem Jahr nach dramatischen Bildern aus Europa den 39-Jährigen gerade wegen Corona noch zur Rückkehr in die ursprüngliche Heimat bewegen wollen. Pater Binu nimmt die Warnung ernst, hat einen für Juni geplanten Besuch schon verschoben. Das liegt auch an den Nachrichten von einem Mitbruder und guten Freund, der schwer an Corona erkrankt ist. So schwer, dass ein Telefongespräch unmöglich ist und sogar die Kraft fehlt für ein paar Zeilen via App. Der Pfarrvikar deutet auf die Sprachnachricht, die er ihm per Handy geschickt hat, dazu ein paar tröstliche Zeilen aus der Bibel. "Jetzt ist das hier zurückgekommen", freut er sich über ein Lebenszeichen mit "Thank you" und betenden Händen.

Corona, davon ist Pater Binu überzeugt, werde auch die Kirchengemeinde in seinem Ursprungsland verändern. Noch würden viele im Sonntagsstaat und mit brennenden Kerzen die Gottesdienste online verfolgen. "Aber wenn das noch mehrere Jahre so geht, kann das den Glauben in Indien kaputt machen", fürchtet er. In dieses Paket an Sorgen mischt sich aber auch Dankbarkeit, dass im vergangenen Jahr die Reisegruppe aus dem Landkreis Schwandorf gerade noch rechtzeitig vor dem Lockdown gesund aus Indien zurückkehren konnte - kurz bevor Hotels schlossen und es keine Flüge mehr gab. Pater Binu hat da auch Organisatorisches im Blick: "Das wäre schwierig gewesen, alle 36 Personen so lange im Haus meiner Familie in Paingottoor unterzubringen."

So unbeschwert war der Pfarrausflug nach Indien vor der Pandemie

Schwarzach

"Viele Menschen im Norden Indiens haben kein Haus, wie soll man da Quarantäne einhalten?"

Binu Kureekattil

Binu Kureekattil

Den tägliche Video-Anruf bei den Eltern nimmt Pater Binu Kureekattil sehr ernst, gerade jetzt, wo das Coronavirus seine Heimatgemeinde Paingottoor heimsucht.
Pater Binu (Mitte) bei einer Taufe in seinem Geburtsland Indien, als von Pandemie noch keine Rede war. Rechts sein guter Freund und Mitbruder, der seit ein paar Tagen mit Covid-19 auf der Intensivstation liegt.
Weit weg scheint die glückliche Zeit, als dieses Familienbild mit Pater Binu (rechts) und seinem Bruder Biju (links) aufgenommen wurde.
Pater Binus Bruder Biju Kureekattil präsentiert hier stolz eine Ananas, die er neben Kautschukbäumen im indischen Paingottor anbaut.
Hier zeigt Biju Kureekattil im Januar 2020 den Gästen aus der Pfarrgemeinde in Deutschland, wie Kautschuk gewonnen wird. Wenige Wochen später war es wegen Corona mit solchen Reisen vorbei. Aktuell sorgt das Virus nun in Indien für einen strengen Lockdown.
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