22.05.2020 - 15:08 Uhr
SchwarzenfeldOberpfalz

Corona und die Folgen: Die schwere Krise der Reisebüros

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Terroranschläge und Airline-Pleiten. Die Reisebranche hat schon einige Krisen durchlebt. Doch die aktuelle trifft Reisebüro-Leiter im Kreis Schwandorf bis ins Mark. Für Kunden sind sie da, doch sie fühlen sich von der Politik vergessen.

Seit Wochen arbeitet Christine Frankerl in ihrem Reisebüro umsonst. Die Kunden will sie trotz der Krise nicht im Regen stehen lassen.
von Wolfgang Ruppert Kontakt Profil

Vielen Menschen, die in der Reisebranche arbeiten, steht das Wasser bis zum Hals. In den Medien tauchen Bilder von Demonstrationen auf, bei denen Reisebusse mit Bannern beispielsweise durch Berlin fahren, auf denen steht: "Rettet die Reisebüros" oder "Weitere Soforthilfe für Reisebüros". Vielen Menschen war bis dato wohl gar nicht bewusst, welch enormen Arbeitsaufwand selbstständige Reisebüro-Leiter seit dem mit der Coronakrise verbundenen Reiseverbot haben, ohne dafür auch nur einen Cent zu bekommen. Mit die Ersten, die die Situation hart getroffen hat, werden Reisebüros mit die Letzten sein, die aus der Krise heraus kommen. Klar ist auch: Wenn sich nichts tut, werden nicht alle die lange Durststrecke überleben. Oberpfalz-Medien hat mit Reisebüro-Chefs aus der Region gesprochen.

Lena Huber betreibt das Reisebüro "Coconut" in Pfreimd. Ihre Niedergeschlagenheit wird im Gespräch sofort deutlich. "Man kann es nicht anders sagen. Seit Wochen sind wir damit beschäftigt, unsere Arbeit der vergangenen Monate zu vernichten", sagt sie. Fast rund um die Uhr sei sie damit beschäftigt, bereits gebuchte Reisen zu stornieren, Kunden ihr Geld zurück zu geben, sie mit Informationen zu versorgen und sich mit den Reiseveranstaltern abzusprechen. Genau so geht es auch Christine Frankerl vom Reisebüro "Sunshine" in Schwarzenfeld. "Wir arbeiten seit Mitte März täglich mehrere Stunden daran, alle stornierten Buchungen korrekt rückabzuwickeln", sagt sie.

Dabei ist das bei Weitem nicht alles. Damit die Kunden ihr Geld auch wirklich wiedersehen, muss die Reisebüro-Leiterin die einzelnen Buchungen manchmal bis in ihre kleinsten Teile zerpflücken. Das bedeutet: Nachfragen bei den einzelnen Airlines, Rücksprachen mit den Veranstaltern, Anrufe direkt bei den Hotels und oben drauf muss sie sich um Parkplatzbuchungen, Sitzplatzreservierungen und einzelne Anmeldungen für Ausflüge kümmern. Eine Aufgabe, die nah an das heran kommt, was man als Sisyphusarbeit bezeichnen könnte. Wer nicht in der Branche arbeitet, könne sich "kaum vorstellen, wie viel Kleinarbeit und Zeitaufwand dahintersteckt".

Das ganz große Problem dabei: Reisebüros bekommen erst Geld, wenn der Kunde abreist, weil sie von den Veranstaltern und nicht von den Kunden bezahlt werden. "Viele Betroffene sind sich gar nicht bewusst, dass wir Reisebüros als Vermittler der Reise derzeit keinen Cent mit unserer wirklich mühsamen Arbeit verdienen", sagt Frankerl.

Bewusstsein fehlt

Huber erzählt, dass auch viele Personen in ihrem Bekanntenkreis nicht gewusst haben, dass sie seit rund acht Wochen umsonst arbeitet. Sie ärgert sich über das Verhalten großer Reiseveranstalter. "Manche stellen ihre Telefone stumm und nehmen Anfrage nur per Mail entgegen." Wenn Kunden aber Fragen und Sorgen haben, dann sei genau der kurze und unkomplizierte Weg die richtige Lösung. Die großen Veranstalter würden sich aber teils bis zu zwei Wochen Zeit nehmen, bevor sie überhaupt auf eine Mail antworten. "Wir stehen gerade zwischen allen Stühlen", sagt Huber. Auch Frankerl sagt: "Alle Abwicklungs- und Betreuungsarbeit jeder einzelnen Buchung liegt im Reisebüro, doch niemand bezahlt den Arbeitsaufwand."

Man kann es nicht anders sagen. Seit Wochen sind wir damit beschäftigt, unsere Arbeit der vergangenen Monate zu vernichten.


Lena Huber, Reisebüro "Coconut" in Pfreimd

Selbstständige in der Not

Frankerls Mitarbeiter sind in Kurzarbeit. Laufende Ausgaben hat sie aber trotzdem weiterhin. "Wir haben seit Mitte März Null Einkommen. Dabei müssen wir weiterhin für Miete, Technik und Versicherungen zahlen. Als Selbständiger laufen dann natürlich auch die Beiträge zur Krankenversicherung weiter, und die private Altersvorsorge darf man nicht vergessen." Auch was die Einnahmen in den kommenden Monaten angeht, ist Frankerl nicht gerade optimistisch. "Es gibt auch kaum Neubuchungen, die wenigstens Einnahmen in der Zukunft sichern würden", sagt sie.

Dass die Menschen, die in der Reisebranche arbeiten, derzeit nicht nur von den großen Reiseveranstaltern "im Regen stehen gelassen werden", sondern auch von der Politik mehr oder minder bislang übersehen wurden, empfindet Huber als "äußerst bitter". Die Demos der Reisebranche, die im Moment in vielen Städten stattfinden, hält Huber für sinnvoll, weil sie auf das Problem aufmerksam machen. "Sie fordern einen Rettungsfonds von der Regierung. Und wir brauchen weitreichende Unterstützung", sagt sie. Auch Frankerl hat Ideen, wie den Reisebüros in der Krise geholfen werden könnte. "Wie wäre es, eine staatliche Hilfe in Höhe der im letzten Jahr bezahlten Steuer zu erhalten? Daraus kann man doch Schlüsse ziehen, inwieweit sich jedes Büro an dem volkswirtschaftlichen Einkommen beteiligt hatte."

Weitermachen "Ehrensache"

Warum also lassen die Reisebüro-Leiter nicht alles stehen und liegen und rühren keinen Finger mehr? Huber und Frankerl sind sich einig, dass es absolute Ehrensache ist, die Kunden, die genau so wenig für die Krise können, nicht einfach im Stich zu lassen. "Ich habe eine Verantwortung den Menschen gegenüber, die sich voll Vertrauen an mich gewandt haben, um einen schönen Urlaub zu haben", sagt Huber. Frankerl sieht ihre derzeitige Arbeit als eine Art Investition in die Zukunft. "Wir hatten sogar Kunden, die ihre Reise in einen Gutschein umwandeln lassen haben, nur damit sie uns ein bisschen unter die Arme greifen können."

Nach den Reisewarnungen

Wer glaubt, das Problem sei behoben, seitdem einige der Reisewarnungen mittlerweile aufgehoben wurden, der irrt. Frankerl: "Ich habe das Gefühl, jetzt gibt es noch mehr Probleme für uns. Selbst wenn die Reisen schrittweise freigegeben werden, es will keiner reisen in diesem Sommer." Wie es weitergeht, bleibt also völlig ungewiss.

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Amberg
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