17.04.2019 - 08:00 Uhr
SchwarzenfeldOberpfalz

"Die Lebensqualität daheim ist was anderes"

Veronika Graf zieht die Arbeit im heimatlichen Familienbetrieb dem schillernden Leben einer Großstadt-Schauspielerin vor.

Privileg einer entspannten Heimkehrerin: Töchterchen Franziska kann bei der Arbeit mit dabei sein.
von Ulla Britta BaumerProfil
Veronika Graf arbeitet im Familienbetrieb und "mein Mann hat in Amberg auch gleich eine Arbeit mit Führungsfunktion gefunden". Jetzt genießt die Familie mehr Zeit füreinander und hat weniger Stress.

Wer die „Delikatessen Manufaktur Bergler-Fischer“ besucht (Schwarzenfeld, Kreis Schwandorf), betritt das alte Kloster durch ein breites Portal. Zwei Stufen führen ins Rosen-Café, wo um 1879 Klosterschülerinnen speisten. Altes Porzellan, geschmackvolle Garnituren, Blumengemälde und feiner Kaffeeduft erinnern an Wiener Stuben. Zwischen den Tischen steht ein Babybettchen. Veronika Graf ist in der Produktionsstätte nebenan. Sie trägt ihre Tochter Franziska auf der Hüfte, gleichzeitig schlichtet sie mit der rechten Hand Gläser auf den Tisch.

Eine Heimkehrerin

Das war nicht immer so: Veronika Graf, geborene Fischer, ist eine Heimkehrerin. Noch vor einem Jahr lebte die 27-Jährige in München. „Mein Mann Andreas bekam einen guten Job in Führungsfunktion. Da bot sich ein Umzug an“, erzählt sie. Skeptisch dem Großstadtleben gegenüber seien beide von Anfang an gewesen. Nur hatte auch die junge Frau einen Grund, die bayerische Metropole der Heimat vorzuziehen.

Veronika Graf ist staatlich geprüfte Schauspielerin. Nach ihrem Studium an der Akademie für Darstellende Künste in Regensburg arbeitete sie in Würzburg, später am Theater „Spessartgrotte“ in Gmünden (Unterfranken) und in Nürnberg. Es habe sich von vornherein als schwierig erwiesen, Schauspiel und Heimat unter einen Hut zu bringen, sagt sie. „Ich dachte, ich schaffe diesen Spagat.“

Schillernde Welt

Als sie nach München zog, lernte Veronika Graf die schillernde Welt der Stars und Sternchen kennen. Sie trank auf dem Münchener Filmfestival mit TV-Promis Sekt, machte Smalltalk mit bekannten Regisseuren und wurde von einer Berliner Agentur vertreten. „Zumindest haben wir in einer schönen Gegend in Fürstenfeldbruck gewohnt. Darauf hat Andreas Wert gelegt“, sinniert sie heute über das Großstadtleben nach, das nicht zu ihr passen wollte.

Veronika Grafs Herz blieb auf dem Land. Sie strebte eine zweite Berufsschiene für den Familienbetrieb mit einer Konditor-Ausbildung in einem Münchner Café an. „Das klingt alles großartig. Aber hinter den Kulissen ist’s weniger toll“, weiß sie heute. 860 Euro Miete sei da der kleinere Nachteil. „Andreas musste zur Arbeit und zurück über eine Stunde fahren.“ Im März 2018 kündigte sich Franziska an. Was Veronika Grafs Ausbildungsbetrieb wenig kümmerte, Schwerarbeit wurde ihr nicht erspart. Sie kündigte.

800 Euro für Kita

Dann habe ihr die Frauenärztin geraten, sofort eine Hebamme zu suchen. Sonst müsse sie ohne entbinden. Veronika Graf war entsetzt: „Ich war erst in der neunten Woche. An Geburt habe ich überhaupt nicht gedacht.“ Sie bekam Horrorvisionen von überfüllten Geburtskliniken. Veronika Grafs Traum vom Großstadtleben platzte, als sie von den Münchener Gebühren für die Kita hörte: 800 Euro. Sie zählt auf, was sie hinter sich gelassen hat: Überall Trubel, keine Parkplätze, ständig Stau, Einkaufsstress, alles zu teuer.

„Die Lebensqualität daheim ist was anderes.“ Veronika Graf weint der Großstadt keine einzige Träne nach. In Schwarzenfeld könne sie ihr Baby bei der Arbeit dabei haben, schwärmt sie. „Muss ich etwas erledigen, setze ich Franziska der Oma auf den Schoß!“ Auch sei Tante Sophie, ihre jüngere Schwester, als Babysitterin zu haben. „Und das ältere Nachbarehepaar hat sich auch angeboten“, freut sich die junge Mutter. Sie erzählt vom Feld mit 1500 Rosenstöcken, wo sie bei der Blütenernte dank der Babysitter mithelfen könne. Ihr Mann konnte in einem Amberger Unternehmen nahtlos wieder einen Job in seiner Position besetzen. „Jetzt fährt er die gleichen Kilometer in 20 Minuten!“

Mit Baby auf der Wiese

Veronika Graf genießt die Freiheit auf dem Land. Sie ist voll eingebunden ins Familienunternehmen. „Da sind wir international einmalig“, behauptet sie stolz und zählt einige der 90 Delikatessen auf, wie Rosensalz, Rosennudeln oder feine Liköre. Die 27-Jährige hat ein großes Talent als Rosen-Bäckerin und ist unter anderem daheim die Organisatorin des Rosenfestes im alten Kloster im Mai. „Dann kommen viele Gäste und sitzen in unserem Garten bei Kaffee und Kuchen. Ich freue mich auf den Sommer, wenn ich mit Franziska raus auf die Wiese kann“, strahlt die glückliche Heimkehrerin. In München wäre das für sie und ihr Baby nur ein Traum geblieben.

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