16.11.2020 - 17:24 Uhr
SchwarzenfeldOberpfalz

Schwarzenfelder Werkschor muss bittere Pille schlucken

Beim renommierten Buchtal-Chor scheint der letzte Ton verklungen zu sein. Nach dem auftrittslosen Corona-Jahr 2020 denken die Verantwortlichen daran, den Chor aufzulösen. Der eigentliche Grund ist aber ein anderer.

Der Männerchor, hier bei einem Auftritt im Saal auf dem Miesberg, singt bei weltlichen und kirchlichen Anlässen und ist seit Jahrzehnten ein tragender Bestandteil im gesellschaftlichen Leben im Markt.
von Thomas Dobler, M.A. Kontakt Profil

Der 1949 gegründete Buchtal-Chor hatte zu Spitzenzeiten 65 Mitglieder. Inzwischen hat sich die Zahl der Sangesbrüder mehr halbiert. Schon im Jahr 2018 deutete Vorsitzender Josef Brandner bei der weihnachtlichen Jahresabschlussfeier an, dass es schwer geworden war, die lange Chortradition in die Zukunft zu führen. „Wenn auch mit manchmal letztem Aufgebot, aber dennoch mit zufriedenstellendem Erfolg konnten die Herausforderungen dieses Jahres mit seinen unterschiedlichen Anlässen gemeistert werden“, ließ Brandner damals das Vereinsjahr Revue passieren.

Vorsitzender Josef Brandner: „Wir denken darüber nach, den Buchtalchor aufzulösen.“

Nur noch rund 20 Sänger konnten und können sich an Proben und Auftritten beteiligen, ein paar andere, nominelle Chormitglieder sind dazu gesundheitlich schon gar nicht mehr in der Lage. Und für alle gilt: Das Durchschnittsalter der Sänger liegt zwischenzeitlich bei 78 Jahren. Dass Josef Brander, der Sprecher und Motor der musikalischen Vereinigung „erst“ 75 Jahre alt ist, ist da kein Trost. Brandner fällt es daher schwer, wenn er davon redet, dass zum Ende des Jahres möglicherweise ein Schlussstrich gezogen wird: „Wir denken darüber nach, den Buchtalchor aufzulösen.“

Kleiner Blick zurück

Dabei durfte der Chor im vergangenen Jahr einen „runden Geburtstag“ feiern. Er existiert nämlich seit 1949, mithin seit über 70 Jahren. Ehrenvorsitzender Josef Nerf, der über 25 Jahre das Amt des ersten Mannes im Chor inne hatte, kann sich als einer der Gründerväter des Werkschores bezeichnen. Er ist dem Chor im Gründungsjahr 1949/50 beigetreten und er ist so etwa wie der ehrenamtliche Chor-Chronist geworden. Vergangenes Jahr blickte Nerf in einem kurzweiligen Vortrag auf sieben Jahrzehnte Vereinsgeschichte zurück.

„Es waren bunte, spannende und aufregende Zeiten, damals in der Gründungsphase“, wusste er zu berichten. Kein Geringerer als Buchtal-Chef Dr. Cremer selbst war es, der die Ideale des Chores gefördert und unterstützt hat. „Nach des Tages Last den Gesang zu pflegen und sich dabei selber Freude zu machen,“ war Wunsch und gut gemeinte Aufforderung des Buchtalgründers.

Der Buchtalchor, wie er sich in den letzten Jahren präsentierte, mit Dirigenten Erwin Oppelt (vorne links) und Vorsitzendem Josef Brandner (vorne rechts).

Plattenaufnahmen, die Organisation des bekannten Lumpenballs, oder auch Liedbeiträge zu Jubiläumsveranstaltungen, all dies gehörte zum Leben der Buchtalsänger. Nerf erinnerte an bekannte Namen wie Helmut Lehmann, Willy Lersch und die musikalischer Leiter wie Georg Leitner, Toni Joas und Hans Sikorski. „Der Buchtalchor, das war immer eine bunte Mischung von musikalischen und geselligen Anlässen,“ fasste der Ehrenvorsitzende die Geschichte des Werkschors zusammen.

Mit einem Ständchen ging es los

Die Geburtsstunde des Chors schlug nach einem Ständchen beim Polterabend eines Arbeitskollegen, das Heinrich Biedermann, Hans Bodensteiner, August Danne, Josef Riedler und Edgar Sell darbrachten. Zur ersten Probe am 4. 12. 1949 im damaligen Café Kehrer trafen sich 14 sangesfreudige Buchtaler mit Georg Leitner als Chorleiter. Gefördert von Buchtalgründer Dr. Gottfried Cremer, der Werks-Sängertreffen in der Cremer-Gruppe arrangierte, setzte eine Blütezeit ein. Der Chor wuchs auf 65 Sänger.

Abschluss des Jubiläumsjahres 2019

Schwarzenfeld

Mit der Gründung wurde das ungeschriebene Gesetz gebrochen, dass es keine Werkvereine gibt, um im Vereinsleben keinen Staat im Staat zu bilden. Willy Lersch, damaliger Vorstand, begründete dies damit, dass der Chor auch in der Öffentlichkeit wirkt und als Botschafter nach außen wirkt.

Eine bittere Pille hatte der Männerchor vor einigen Jahren mit der Einstellung der finanziellen Zuwendungen durch das namensgebende Unternehmen zu schlucken gehabt. Wobei der Chor seit 2005 offiziell unter dem Namen „Werkschor Deutsche Steinzeug Cremer & Breuer AG“ aufgetreten ist.

Prägend ist Erwin Oppelt

Zu den wichtigen Personen der musikalischen Gruppierung gehört auch deren derzeitiger musikalischer Leiter Erwin Oppelt, der seit drei Jahrzehnten den Chor prägt. „Ein Glücksgriff,“ wie es mit Blick auf Oppelt im Laufe der Jahre immer wieder hieß. In seiner Ägide wuchs das Repertoire auf etwa 200 Lieder an, mit denen sich der Chor in die Herzen der Menschen sang. Erwin Oppelt setzte unter anderem mit der Aufführung des Liederzyklus „Bayrisch durchs Jahr“ von Ernst Kutzer einen Glanzpunkt in der Chorgeschichte.. Stimmungsvolle Faschingsbälle, Ausflüge, Sängerfreundschaften – auch mit dem Partnerchor aus Straß – stärkten das Chorleben. Denn seit 1979 gab es eine Partnerschaft mit dem Deutschen Sänger-Verein beziehungsweise dem Erzherzog-Johann-Chor Straß aus der Partnergemeinde des Marktes Schwarzenfeld.

Hintergrund:

Das Buchtal-Werk in Schwarzenfeld

  • Im Mai 1938 wurde auf dem Gelände des Ziegelwerkes der Vereinigten Gewerkschaft Schmidgaden-Schwarzenfeld der Grundstein gelegt für das neue Werk der Buchtal A.G., das den Namen erhielt Keramische Betriebe der Reichswerke Hermann Göring. Die Buchtal-Reichswerke waren eine Tochter des Annawerkes, die mehrheitlich der Cremer–Gruppe (gegründet 1906 in Frechen) gehörte. Grund für die Ansiedlung Ende der 1930er Jahre waren die umfangreichen Vorkommen an Ton im Umland.
  • Die Gesamtplanung des Werkes und die Betriebsführung hatte am Anfang Gottfried Cremer inne. Das Werk wurde errichtet zur Sicherung des Bedarfes an hochwertigen Schamottesteinen für den Aufbau und den Betrieb der Hüttenbetriebe. Feuerfeste Schamottesteine sind unter anderem notwendig für den Betrieb von Stahl-Hochöfen und hatten somit eine zentrale kriegswichtige Bedeutung. Das Buchtal-Werk hatte ein betriebseigenes Zwangsarbeiterlager mit rund 750 Personen.
  • Über Jahrzehnte war die Firma Buchtal A.G., jetzt Agrob Buchtal (ein Unternehmen der Deutsche Steinzeug AG), ein Hersteller von Keramik-Produkten für den Bau (Fliesen, Riemchen, patentierte Großplatten und früher in großem Umfang auch Dachziegel und Rohre vorwiegend für die Kanalisation), wichtigster Arbeitgeber und Gewerbesteuerzahler der Marktgemeinde. Aus Schwarzenfeld stammen die Fliesen für die Olympia-Schwimmbäder in München wie auch in Moskau.
Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.