21.06.2021 - 00:01 Uhr
SchwarzhofenOberpfalz

Gertrud Reinhart feiert 100. Geburtstag

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"Die Alte ist hier", ruft Gertrud Reinhart von der Terrasse in Schwarzhofen, als die Presse anrückt. Die agile Seniorin hat viel zu erzählen, von Wassersuppe und dem kleinen Glück. Am Montag wird sie 100 Jahre alt.

Gertrud Reinhart genießt von der Terrasse aus den Blick auf den Kirchturm und sieht angesichts ihres 100. Geburtstags den kommenden Jahren gelassen entgegen.
von Monika Bugl Kontakt Profil

In ihrer Jugend hat sie den Hunger kennen gelernt, später Krieg, Flucht und ein Leben in der Baracke. Doch wer Gertrud Reinhart zuhört, spürt keine Bitterkeit über viele Jahre, die von Armut geprägt waren. Kein Hadern mit dem Schicksal, das ihr nicht viel Wahl gelassen hat, und auch nicht mit dem Alter, das die letzten Telefonnummern guter Freunde ausradiert. Sicher, das Gehör hat nachgelassen, die Sehkraft auch. Aber die Frau, die an diesem 21. Juni 2021 zu den 100-Jährigen zählt, hat erst vor einem Jahr eine Operation gut weggesteckt, und Erinnerungslücken kennt sie scheinbar auch nicht.

Ohne Selbstmitleid erzählt die Seniorin von einer Kindheit, die in Breslau begann und über Chemnitz in den Westen führte. Der Vater Koch, die Mutter Hausfrau, der Hunger ein häufiger Gast im Haushalt mit zwei Brüdern. "Zu essen war immer wenig da, da dachte ich, ich gehe in die Landwirtschaft", schildert sie die Beweggründe einer 14-Jährigen und lacht, wenn sie an das Ergebnis denkt: "Da gab es auch nur Wassersuppe, es waren eben harte Zeiten." Mit 18, "als so langsam der Verstand kam" habe sie dann umgesattelt, den Beruf einer Krankenschwester gelernt. Dann war auch schon Krieg, man wurde ausgebombt. Die zu diesem Zeitpunkt 25-Jährige floh mit den Eltern in den Westen. Ein Baracke in Obernzell bei Passau war fortan ihr Zuhause.

In Obernzell hat sie als "Flüchtling" ihren Mann Johann kennengelernt, einen Einheimischen, der aber auch aus eher ärmeren Verhältnissen stammte. Immerhin, er arbeitete "bei den Amis". "Da kam dann mal eine Dose, mal ein Käse", sagt die Braut von damals und schmunzelt: "So fängt man Mäuse." Und nach einer klitzekleinen Pause: "Ja, und dann kamen die Mäuse." Damit meint sie Sohn Klaus und Tochter Brigitte, die rechtzeitig zum Geburtstag aus Georgia, USA, angereist ist. "Eine wunderbare Zeit, für mich war das das Paradies", schwärmt die inzwischen 72-jährige Tochter von der Kindheit in der Baracke mit nur zwei Zimmern, weil es dort rundherum nur Natur gab. "Und damit das Essen reichte, ging meine Mutter immer in die Pilze", erinnert sie sich.

Als die Baracken geschlossen wurden, verschlug es die Familie Reinhart nach Schwandorf, wo das Leben nicht so beschaulich war. Für Gertrud Reinhart war das längst nicht der einzige Umzug, bevor sie mit 85 Jahren bei Sohn Klaus und Enkelin Elke in Schwarzhofen heimisch wurde. "Einmal da, einmal dort, die Jahre kann ich gar nicht mehr zählen", so die Seniorin über manchen Neuanfang. "Dabei sammelt man Erfahrung. Egal wie das ausgeht im Leben, man lernt dazu." Weil Tochter Brigitte in Amerika verheiratet war, sah sie irgendwann auch Florida, Kalifornien oder Las Vegas. "Du lieber Gott, das ist schon im vorigen Leben gewesen", staunt das Geburtstagskind.

Wer nachfragt, was ihr Rezept fürs Altwerden ist, bekommt von der vierfachen Großmutter und siebenfachen Uroma eine Menge Tipps, die alle drauf hinauslaufen, die Hände nicht in den Schoß zu legen: Unkraut jäten, kochen, putzen, nähen und stricken, "auch wenn es keiner mehr kauft", das halte fit. Und wenn all das nicht mehr so gut klappt, dann "rausschauen ins Grün" und hier und dort doch ein wenig im Garten "zupfen". Da entgeht einem dann auch im hohen Alter nicht, das der Schwarzhofener Storch drei Junge ausgebrütet hat. Die Seniorengymnastik hat sich Gertrud Reinhart jedenfalls schon vor acht Jahren gespart. Der Grund: zu viele alte Leute.

Was ihre Pläne für die Zukunft betrifft, ist die Neue im Club der 100-Jährigen eher vorsichtig. Die Geburtstagsfeier mit Besuch von den Honoratioren ist schon fest eingetaktet. Ansonsten heißt es abwarten, "ob es heute wieder die Treppe rauf geht". Für Gertrud Reinhart, deren Mutter selbst nur 52 Jahre alt wurde, gilt die Devise "in den Tag hinein leben". "Planen kann man in diesem Alter nicht mehr", stellt sie sachlich fest und fügt ganz nüchtern hinzu: "Da weiß man von alleine, dass das Leben kürzer wird."

Diesen Geburtstag einer Altersgenossin hat die Jubilarin aus Schwarzhofen mit Interesse verfolgt.

Teunz

"Meine Pläne? In den Tag hinein leben. Planen kann man in diesem Alter nicht mehr."

Gertrud Reinhart

Gertrud Reinhart

Hintergrund:

Ein Leben in 25-Jahres-Schritten

Gertrud Reinhart hat ihr Leben rückblickend in Vierteljahrhunderte unterteilt und kategorisiert die Phasen so:

  • Die ersten 25 Jahre: wunderbar
  • Bis zum 50. Geburtstag: Da hat man was geschafft.
  • Bis zum 75. Lebensjahr: Diese Jahre nehmen wir noch mit.
  • Bis zum Alter von 100: Die letzten Jahre sind schwer.

 

 

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