06.03.2019 - 15:32 Uhr
SchwarzhofenOberpfalz

Große Verzweiflung und kleine Lichtblicke

Wie fühlt es sich an, irgendwo im Libanon oder in Jordanien mit zehn Personen in einem Zelt zu leben – ohne Hoffnung, ohne Perspektive? Elke Reinhart aus Schwarzhofen will es genau wissen. Auf eigene Kosten hat sie dort recherchiert.

von Monika Bugl Kontakt Profil

Ausschlaggebend für die Rundreise über Indien nach Jordanien und in den Libanon war die Aktion "End Polio now" von Rotary. Elke Reinhart ist seit über zehn Jahren Mitglied beim Rotary-Club Oberpfälzer Wald. Für eine Impf-Aktion gegen Polio hatte sich eine Delegation aus Ärzten und Krankenschwestern und Helfern dorthin auf den Weg gemacht. Mit dabei: die 45-Jährige aus Schwarzhofen, die als Integrationsbeauftragte von Neunburg und Kümmerin bei "Integration SAD" soziales Engagement zu ihrem Lebensthema gemacht hat. Diese Chance wollte sie nutzen, um selbst zu sehen, wie es in Flüchtlingscamps in Jordanien oder dem Libanon zugeht.

"Ich muss da hin", sagte sich Reinhart, die festgestellt hatte, dass Berichte in den Medien oft nicht so recht zu dem passen wollten, was ihr Flüchtlinge über die Erfahrungen erzählten. "Es ist einfach etwas anderes, wenn man das selbst erlebt", so ihre Überzeugung. Statt ihr Geld für Wellness-Urlaub in der Sonne auszugeben, investierte sie es in eine Reise zu Menschen, die auf der Schattenseite dieser Welt leben. Ende Januar ging es los. Erstes Ziel: Mangaluru (früher Mangalore), eine Stadt im Südwesten Indiens. Die Visite dort war Teil des größten Projekts, das Rotary in seiner 113-jährigen Geschichte je angepackt hat – der Kampf gegen die Kinderlähmung (Polio). Dank der Schluckimpfung ist das Land seit wenigen Jahren frei von dem Erreger, und das soll auch so bleiben. "Schluckimpfung ist süß, Kinderlähmung ist grausam", eine Formulierung, die mancher auch in Deutschland noch im Ohr hat.

Nebenbei kann die Delegation einen vom Service-Club finanzierten Dammbau zur Wassergewinnung in der trockenen Region inspizieren oder die neuen Toilettenhäuser kennenlernen, die mehr Hygiene auf die Dörfer bringen sollen. In Moodbidri, wo Rotary eine Schule finanziert, ist Reinhart von einem Spruch an der Pforte sehr beeindruckt: "Children learn more from what you are than what you teach" (Kinder lernen mehr von deinem Vorbild als von deinem Unterricht).

Darum, zu lernen, zu verstehen und genau hinzuschauen, geht es auch der Schwarzhofener Fachfrau für Integration, die ihren Reiseplan deshalb noch um zwei Ziele erweitert hat. Schon vor der Abreise hatte sie Kontakt aufgenommen zu humanitären Einrichtungen wie dem "Mercy Corps" oder der "Lebanese Society for Educational & Social Development". An der International Academy in Amman ist die Besucherin aus Deutschland gleich gefragt als Expertin für Hilfsprojekte, die über die Impfaktion in Indien berichten soll. Auch die Konrad-Adenauer-Stiftung in Jordanien kann von ihrem Know-how profitieren. Wichtig sind der 45-Jährigen dabei auch persönliche Begegnungen: So trifft sie Lilian, die seit drei Jahren sehnsüchtig in Neunburg erwartet wird. Ihr Vater ist aus dem Irak hierher geflüchtet, genießt subsidiären Schutz und hofft nun auf ein Wiedersehen mit seinen Angehörigen. "Es tut den Zurückgebliebenen einfach gut zu hören, dass mit ihren Verwandten alles in Ordnung ist", erzählt Reinhart.

Nur einen Tag Pause gönnt sich die 45-Jährige, bevor es weiter geht in den Libanon. In Begleitung der Libanesin Hana Nasser reist sie bis an die syrische Grenze, dorthin, wo nur dünne Zeltplanen die Menschen von fünf Grad Außentemperatur trennen. Bis zu zehn Personen leben hier pro Zelt. Das Heizöl für den Ofen in der Mitte wird einmal im Monat in Kanistern verteilt und reicht nur für sieben Tage, berichtet Reinhart, "an den restlichen 23 Tagen heißt es frieren". "Was den Leuten richtig Angst macht, ist die Gefahr, dass hier mal alles brennen könnte", beschreibt sie ein durchaus plausibles Szenario. Aus Homs, Aleppo und Rakka sind die Menschen in dem Camp gestrandet, und geduldet sind sie nur solange sie pro Person (ab 15 Jahren) jährlich 200 Dollar aufbringen können.

Verzweiflung schlägt der Besucherin aus Deutschland dort entgegen. "Ich sitze seit Jahren in dem Zelt und kann nichts tun", klagt ihr eine 30-Jährige ihr Leid. In Syrien hatte sie ein Studium abgeschlossen, im Libanon wenigstens über einen Nähkurs Zugang zu finden versucht – vergebens. Doch mehr noch als um ihr Schicksal sorgt sich Elke Reinhart um das der Kinder, die mangels Schulbildung keine Perspektive haben und nichts zu verlieren. Wer hier "die Welt retten" will, kämpft auf verlorenem Posten, und so hat auch der Gast aus Schwarzhofen ein Stück weit Ohnmacht erfahren. "Die Lösung kann nur von ganz oben kommen", so viel ist der engagierten Helferin klar geworden. Globale Politik sei da gefragt, damit die gestrandeten Familien irgendwann ein Auskommen haben. "Jetzt, wo ich diese Länder gesehen habe, weiß ich, dass dort etwas passieren muss." Was Syrien betrifft, ist sie sich sicher, dass viele Flüchtlinge nie wieder in die Heimat zurück können, schon gar nicht die jungen Männer: "Die würden dort alle eingesperrt oder gar erschossen."

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