12.10.2021 - 16:33 Uhr
Oberpfalz

Sorge nach verlorenen Bürgerentscheiden: Der Wirtschaft gehen die Flächen aus

Fast kein Monat mehr ohne Bürgerentscheid über ein neues Gewerbegebiet. Und immer öfter siegen die Gegner weiterer Bebauung. Die Wirtschaft in der Oberpfalz macht sich Sorgen. Jeder auf seine Art.

Anton Forster in der "gebraucht" übernommenen Fertigungshalle. Auch wenn dort nicht alles optimal für sein Stahl- und Anlagenbau-Unternehmen ist, Forster ist glücklich überhaupt einen neuen Standort gefunden zu haben.
von Wolfgang Würth Kontakt Profil

Beim feierlichen Spatenstich ist Christian Engel der Kragen geplatzt: In Weiherhammer sollte vor einigen Tagen eigentlich nur der symbolische Startschuss für ein neues Logistikzentrum in einem bestehenden Gewerbegebiet fallen, dazu die obligatorisch salbungsvollen Worte gesprochen werden. Am Rande aber schnappte sich der BHS-Corrugated-Geschäftsführer und -Geselleschafter den Oberpfalz-Medien-Reporter, um klare Worte ins Mikrophon zu diktieren: "Niemand weiß besser als wir Unternehmer, wie man Ressourcen, auch Land, effizient einsetzt, und einen Beitrag zur Gesellschaft leistet", sagte der Unternehmer nicht nur für sein Unternehmen, sondern auch ausdrücklich für andere regionale Schwergewichte wie den Logistik-Spezialisten Witron oder das Holzbauunternehmen Ziegler-Group. "Das sollen sich alle die hinter die Ohren schreiben, die nicht solche Investitionen tätigen müssen, um ein Unternehmen voranzutreiben", schob Engel hinterher.

So deutlich und absolut wie von Engels Zunge bekommt man es selten zu hören. Aber fehlende Flächen treiben die Oberpfälzer Wirtschaft tatsächlich als Ganzes um. Kaum ein Unternehmer, der das Thema nicht anspricht, wenn er nach Sorgen und Problemen gefragt wird. Es fehlen passende Flächen, um die trotz Corona boomende Oberpfälzer Wirtschaft weiter wachsen zu lassen.

Und viele Bürger scheinen gar kein Interesse daran zu haben, dass eben solche Fläche entstehen. In Weiden stimmte im Sommer eine Mehrheit gegen das lange geplante Baugebiet Weiden West IV. In Bärnau (Landkreis Tirschenreuth) reichte schon die Ankündigung eines solchen Bürgerentscheids, um die Ansiedelung eines Dämmplattenwerks der Ziegler-Group zu verhindern. Das Werk wird jetzt in Hütten (Landkreis Neustadt/WN) entstehen. Dort gab es ein Waldgebiet, das schon vor langer Zeit als Industriefläche ausgewiesen worden ist. Ob das heute nochmal so gelungen wäre? Zumindest fraglich. Mit der Bundestagswahl entschieden sich nun auch die Amberger Bürger gegen ein Bauprojekt, auch wenn es dort nicht direkt um eine Industrieansiedelung geht. Das Gelände des ehemaligen Bürgerspitals wird nicht wie lange geplant, und von der Stadt erhofft, mit Gewerbeflächen bebaut.

Die Wirtschaft benötige aber dringend Fläche, sagt Anton Forster dazu. Und die gebe es in der Region faktisch so gut wie nicht mehr. Der Chef der Forster-Unternehmensgruppe weiß, wovon er spricht. Zum einen ist eines der wichtigsten Standbeine seines Stahlbauunternehmens der Hallenbau. Zum anderen war er selbst lange auf der Suche nach mehr Platz für sein florierendes Geschäft und die wachsende Belegschaft. "Ich wollte in Weiden West IV bauen." Inzwischen kann er entspannter auf die Situation blicken. Im Weidener Industriegebiet Am Forst tat sich überraschend eine Gelegenheit auf: ein Industriegelände, das vor vielen Jahren für eine Stahlbaufirma entwickelt worden ist. Nachdem es längere Zeit anders genutzt wurde, konnte nun Forster übernehmen. Zu 100 Prozent passend sei die Fläche nicht. "Heute würde man das alles ganz anders anlegen", sagt Forster beim Gang durch die Werkshallen. Und doch: Von anderen Unternehmern habe er regelrechte Glückwunschschreiben zum neuen Firmensitz erhalten. Und Forster sagt, er sei auch glücklich, habe lange genug nach einer passenden Fläche gesucht. Und er kenne genug andere Unternehmer mit demselben Problem, um sagen zu können: "Erweiterungsflächen sind ein Riesenproblem."

Diese Aussage überrascht, passt aber doch zu den Zahlen, die das statistische Landesamt ausweist. Demnach sind in den fünf Jahren von 2014 bis 2019 in der Oberpfalz knapp 2000 Hektar in Siedlungs- und Verkehrsfläche umgewandelt worden – nur 8,3 Prozent davon für Industrie und Gewerbe. Der größte Teil, fast 50 Prozent, verschwand unter Wohnbebauung, dazu kommen etwa 25 Prozent für den Straßenbau. 12,4 Prozent der zusätzlich besiedelten Fläche machen Handelsimmobilien, also zum Beispiel Supermärkte, aus.

Anton Forster überrascht das nicht. Ja, es werde weiter viel gebaut, aber eben nur ein kleiner Teil davon für die Wirtschaft. Und überraschenderweise spiele beim Bauboom ausgerechnet der Umweltgedanke eine Rolle. "Wirkliche Niedrigenergiehäuser gibt es erst seit ein paar Jahren." Aus Erfahrung wisse er, dass sich Bestandsbauten beim Energieverbrauch unmöglich mit modernen Gebäuden vergleichen lassen. Dies lasse sich auch durch Sanierung nicht nachholen. Wer also ein Gebäude haben will, das bereit ist für die Energiewende, der baut neu und saniert nicht. "Das muss man auch machen, wenn man alle Fördermöglichkeiten ausschöpfen will", sagt Forster. Energieeffizienz und Flächenverbrauch stehen unter umständen also in Konkurrenz.

Solche Zusammenhänge spielen bei Bürgerentscheiden nach dem Motto: "Industriegebiet – Ja oder Nein" keine Rolle. Das stört Anton Forster. "Ich finde es ungerecht, dass so plötzlich Menschen entscheiden, die von der Materie gar keine Ahnung haben." Plötzlich zähle nur mehr, dass für die Industriefläche Wald gefällt werden muss. Dass gerade in der Oberpfalz die Waldfläche seit Jahren stetig zunehme, interessiere niemanden. "Man kann doch die Oberpfalz nicht mit einem Ballungsraum wie München gleichsetzen", findet Forster. Dort sei der Flächenfraß tatsächlich ein Problem. Aber hier in der Provinz?

Auch Bernd Fürbringer sieht die wachsende Zahl solcher Bürgerentscheid kritisch. Dabei sei er nicht gegen die Einbeziehung der Bürger, sagt der Vorsitzende des IHK-Gremiums Nordoberpfalz und Geschäftsführer der Waldsassener Baufirma Kassecker. Tatsächlich gebe es mit dem Planungsrecht VWE schon ein Instrument, das alle Betroffenen einbezieht. Entscheidungen zur Flächennutzung sind komplex, viele Interessen müssen abgewogen werden. Auch aus diesem Grund gebe es ein vergleichsweise umständliches Planungsverfahren, bei dem sich Vertreter aller Interessengruppen einbringen können. Auch Umweltverbände wirken mit und können gegen Planungen vors Verwaltungsgericht ziehen. Immer häufiger wird dieses Verfahren aber durch eine "Ja-oder-Nein-Abstimmung" ersetzt, die der Sache dann nicht gerecht werde.

Denn selbst wenn sich ein Unternehmen um flächensparendes Bauen bemüht, sorgt das noch lange nicht für mehr Akzeptanz. Ein Beispiel ist der Radhersteller Cube. Das Waldershofer (Landkreis Tirschenreuth) Vorzeigeunternehmen ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen, was den Umsatz angeht, aber eben auch bei der bebauten Fläche. Als das Unternehmen vor einigen Monaten ankündigte, ein neues Lager nicht in die Fläche, sondern nach oben zu bauen, gab es kein Lob, sondern laute Kritik von Waldershofern, die nicht im Schatten eines 50 Meter hohen Gebäudes leben wollen.

Inzwischen habe sich die Aufregung gelegt, auch weil sich Cube und der Geschäftsführer Marcus Pürner um Ausgleich bemühen, auf Kritiker zugehe, offen kommuniziere, lobt Florian Rieder. Der Geschäftsführer des IHK-Gremiums sieht in der Cube-Strategie ein Modell für die Zukunft. Die Wirtschaft müsse damit umgehen, dass sich der Zeitgeist verändert hat. Wo einmal der Verweis auf neue Arbeitsplätze gereicht hat, sei heute viel mehr Argumentation nötig. Die IHK bemüht sich auch deshalb um eine Flächenpotenzialanalyse. Diese soll zeigen, wo es in der Nordoberpfalz überhaupt noch Industrie- und Gewerbeflächen gibt und auch, für welche Branche sich diese eignen. Damit soll eine klare Bestandsaufnahme aber auch Argumentationshilfen für die Diskussion mit Kritikern geschaffen werden. Damit könnte die Oberpfälzer Wirtschaft mehr Erfolg haben als mit den Uraltargument: "Wir in der Wirtschaft wissen am besten, was gut für euch ist."

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