Bis heute bewältigt sie ihren Haushalt allein, und bis heute spielt Ziehkind Johannes eine zentrale Rolle im Leben der Jubilarin. Alles andere muss auch zurückstehen, wenn der FC Bayern München spielt. Neben Gesundheit hat sie nur noch zwei Wünsche: noch einmal nach Schlowitz bei Pilsen zurückkehren und die noch lebenden Freundinnen in Oberbayern besuchen.
Die Jubilarin kam als fünftes von sechs Kindern der Eisenbahnerfamilie Georg und Barbara Giestl am 9. Mai 1928 im Schlowitz bei Pilsen (Landkreis Mies) zur Welt. Mit der Versetzung ihres Vaters siedelte sie 1938 über nach Staab. Hier ging sie weiter zur Schule. Der Traum von einer Ausbildung als Schneiderin oder Friseurin blieb ihr verwehrt, wurde sie doch mit vielen anderen bis 1945 in die Munitionsfabrik, wo auch schon die Schwester Anna arbeitete, schickt. Bis auf Georg waren die anderen drei Brüder Franz, Josef und Karl im Krieg. Was sie alles an Deportationszügen in die KZs und Arbeitslager durch den Bahnhof rollen sah, darüber möchte sie heute nicht mehr viel sprechen. Einer ist ihr in besonderer Erinnerung geblieben: ein Zug mit KZ-Häftlingen, der drei Tage verschlossen auf dem Abstellgleis stand und in dem sie als Kinder durch ein Loch Wasser in den Viehwaggon hineinreichten.
1946 hieß es für die Familie Giestl Koffer packen: Vater Georg hatte die Versetzung zum Bahnhof Kirchenlaibach erhalten. Doch erst im Mai 1947 bot sich Gelegenheit für die restliche Familie, die als Vertriebene im hessische Borgen und Hundshausen untergebracht war, nach Kirchenlaibach umzusiedeln. Dass zur gleichen Zeit Bruder Franz als Kriegsheimkehrer dort am Flugplatz arbeitete, wusste lange Zeit niemand. Auch nicht, dass es Bruder Josef nach seiner Entlassung nach Mähren ins Bergwerk verschlagen hatte. Bruder Karl befand sich in Kriegsgefangenschaft in Afrika.
Die Jubilarin fand für zwei Jahre in Querenbach bei Waldsassen eine Beschäftigung. Auf eine Anzeige hin, bewarb sie sich 1952 erfolgreich als Haus- und Küchenmädchen in einem Gaststätten- und Kaffeebetrieb bei Gmund am Tegernsee. Dort blieb sie zwei Jahre, bevor sie ins Landschulheim Abwinkl als Hausangestellte wechselte. Danach arbeitete Giestl 27 Jahre lang für den Textilfabrikanten der Eder und Bauer Kleiderfabriken Allwerk München, Heinz Bauer in Holzkirchen. Er sei ein herzensguter Mensch gewesen, sagt die Jubilarin rückblickend. "So einen Chef hat man nur einmal." In dessen Landhaus in Holzkirchen hat sie die Politiker der Franz-Josef-Strauß-Generation ein- und aus gehen sehen. Bauers Schwiegersohn war Friedrich Zimmermann, der spätere Innen- und Verkehrsminister. Mit ihrem Ruhestand 1993 kehrte Giestl nach Speichersdorf zurück, um ihre Schwester Anna zu pflegen.
Die Jubilarin möchte keines der 41 Jahre in Oberbayern missen. Nur eines stimmt sie heute noch traurig. Sie habe über vier Jahrzehnte am Wasser gewohnt, davon 21 Jahre im Haus des Fabrikbesitzers sogar einen Swimmingpool zur Verfügung gehabt, "aber das Schwimmen habe ich nie gelernt".













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