08.06.2020 - 16:13 Uhr
SpeichersdorfOberpfalz

"Nichts mehr, wie es einmal war"

Auch ohne Corona herrschen in Pflegeeinrichtungen strenge Hygienevorschriften. Wegen des Virus sind diese noch gestiegen. Mitarbeiterinnen der Tagespflege Senta in Speichersdorf erzählen aus ihrem Corona-Alltag.

Ein Lichtblick in der Corona-Zeit: Cordia Birner, Elli Pocker, Anja Kasper, Karina Volkmann, Gabi Winter, Maria Reiß und Melanie Herrmann freuen sich über ihre frisch erworbene Terassengarintur mit zwölf Stühle und Tisch aus ihrer Kuchenaktion zum tag der offenen Tür.
von Autor HAIProfil

Seit kurzem ist wieder Leben in den Räumlichkeiten der Diakonieeinrichtung - wenngleich im Corona-Modus. Selbst bei der Dienstbesprechung am Donnerstagabend war bei den 13 Mitarbeitern der Tagespflege Sicherheit angesagt. Hier wurden Bilanz zu den vergangenen Wochen gezogen und die Vorbereitungen für die weiteren Tage getroffen. "Am 9. März wurden zwar bereits alle Schulen geschlossen. Doch für uns ging es noch 14 Tage weiter", erinnert sich Pflegedienstleiterin Maria Reiß. Am 23. März war auch für die Diakonieeinrichtung für die nächsten acht Wochen Schluss. Für 18. Mai gab es dann grünes Licht für die Wiederöffnung - aber nur in kleinem Stil im Zweischichtsystem vormittags und nachmittags und unter Sicherheitsauflagen.

Die vier Fach- und drei Betreuungskräfte, die drei Hauswirtschafterinnen und drei Fahrer haben neben Kurzurlaub die Zeit für Qualitätssicherung, Fortbildung sowie für die Erstellung eines eigenen Hygienekonzepts genutzt, erzählt Maria Reiß. Die Richtlinien des Diakonischen Werks wurden übertragen und angepasst.

Markise gesucht

"Nichts ist mehr, wie es einmal war", sagt die Pflegedienstleiterin. Das beginne schon damit, dass unter Berücksichtigung der zulässigen Regelungen die Räumlichkeiten samt Schlafraum, Ruheraum und Außenbereich nur noch eine Höchstzahl von elf Tagespflegegästen zulassen. Im Abstand von 1,5 Metern stehen die Tische und dürfen nur mit einer Person besetzt werden. Das Personal muss immer Mundschutz tragen. Die Tagespflegegäste dürfen den Mundschutz abnehmen, wenn der Abstand gewahrt ist, oder es Risikopatienten aufgrund gesundheitlicher Einschränkungen nicht zumutbar ist.

Als besonders schlimm empfindet es Elli Pocker, dass es schwieriger ist, sich gegenseitig zu verstehen. Man sehe nur die Augen, kaum Mimik. "Man merkt einfach, dass auf beiden Seiten die Fröhlichkeit erheblich darunter leidet", sagt die Betreuungskraft. Ganz zu schweigen davon, dass kontaktlos und Betreuung von Tagespflegebesuchern ein Widerspruch in sich ist.

Ungeheuer viel Zeit müssen die Pflegekräfte in die Gewährleistung der Hygiene investieren. Aufwand erfordert allein das Desinfizieren: Das gilt zum einen für alles, was von zu Hause mitgebracht wird. Von der Tablettenschachtel über den Rollator bis zum Kommunikationsheft. Selbst die Garderobe wird auseinander gehängt, Kleiderbügel desinfiziert. Das gilt auch für jedes Liederbuch, Bastelmaterialien, Beschäftigungsunterlagen. Jeder Gast hat dafür am Tisch ein Desinfektionsmittel stehen, erklärt Melanie Herrmann. Auch sämtliches Geschirr müsse nach jeder Nutzung hygienisch heiß gereinigt werden.

Spätestens zur Mittagsruhe und bei Bedarf heißt es, alle Tisch-, Stuhl- und Ablageflächen zu desinfizieren, Boxen auszuwischen. Auch die neuen Terrassenstühle müssen desinfiziert werden. "Aktuell sind wir noch auf der Suche nach Spenden für zwei dringend nötige Markisen", sagt Maria Reiß. "Dann wäre der Aufenthalt unserer Gäste auch im Außenbereich uneingeschränkt möglich." Ganz oben auf der Wunschliste steht ein Kombigerät zum Gefrieren und Kühlen. Ein weiteres Anliegen wären mehr Ruhesessel und Tische, ein abschließbares Gartenhaus oder ein Geräteschuppen und ein Hochbeet.

Da aktuell kein Essen geliefert wird, sind die Mitarbeiter auch gezwungen, täglich selbst zu kochen und dafür auch einzukaufen. Die Logistik sei da schon eine kleine Herausforderung, meint Melanie Herrmann. Hauswirtschaftskräfte erstellen Wochenpläne, welche Gerichte auf der Speisekarte stehen, nach denen sich wieder die Einkaufslisten richten.

Auch hat das Wegwerfprodukt in Corona-Zeiten das Mehrwegprodukt ziemlich verdrängt, weiß Maria Reiß: Von Stoffservietten ist man auf Einmalservietten umgestiegen. Bei Toilettengängen etwa muss jede Pflegekraft einen eigenen Einmal-Schutzkittel anziehen. Täglich kommen so 22 Kittel zusammen, die nach jeder Schicht weggeworfen werden müssen, berichtet Karina Volkmann. Trotzdem hat der Berg an Wäsche eine neue Dimension angenommen.

Auch in der geselligen Betreuung der Gäste hat sich der Handlungsspielraum drastisch reduziert. Der Stuhlkreis kann nicht gemacht werden, bedauert Cordia Birner. Dafür gibt es mehr individuelle Beschäftigung am Platz oder auf dem Außengelände. Sitzgymnastik, Bewegungslieder, Gedächtnistraining mit Rätsel, Geschichten, Sprichwörter und Redewendungen haben Hochkonjunktur. Kommen Materialien zum Einsatz, dann nur solche, die auch desinfizierbar sind.

Wenn der Tag ausklingt und die Gäste wieder zu Hause sind, ist für das Personal noch lange nicht Schluss. Dann heißt es Türklinken desinfizieren, Betten und Kissen neu beziehen. Der Fußboden muss täglich gewischt werden.

Messungen an der Haustür

Höchste Sicherheitsstufe gilt auch beim Transport. Die Tagespflegegäste können nicht zusammen abgeholt werden, erklärt Maria Reiß. Da erweist es sich jetzt als Glücksfall, dass der Diakonieverein ein zweites rollstuhlgerechtes Fahrzeug für den Transport aus einer Firmenauflösung erworben hat. Ein Gast, ein Fahrer und eine Begleitperson, je mit Mundschutz, und das pro Auto und Fahrt ist die Vorgabe. Nur bei Rollstuhlfahrern darf ein weiterer Gast mitfahren. Temperaturmessungen und Symptomkontrolle erfolgen jeden Tag vor Dienstbeginn nicht nur bei den Mitarbeitern, sondern auch bei den Tagespflegebesuchern zu Hause an der Haustür. "Wer Anzeichen zeigt, bleibt zu Hause", erzählt Gabi Winter.

Zwischen den Fahrten sowie am Ende muss der ganze Bus desinfiziert werden. "Da kommt es uns schon sehr entgegen, wenn unsere Gäste von den Angehörigen gebracht werden", sagt Karina Volkmann. Auch wenn Angehörige vor der Tür bleiben müssen, ebenso Seelsorger und Therapeuten.

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