Speichersdorf
26.10.2018 - 15:35 Uhr

Solo für Zwischenmenschliches

Seit 20 Jahren gibt es das Luise-Elsäßer-Haus. Statt einer Feier gibt es in Speichersdorf ein Theaterstück. Dabei möchte auch das Thema nicht so recht zu einem Jubiläum passen.

Die 60-jährige Schauspielerin Gisela Nohl brilliert in dem Ein-Personen-Theaterstück „Du bist meine Mutter“ sowohl in der Rolle der dementen Mutter als auch in die der Tochter Hannah. Bild: Brendel, Hubert (BR)
Die 60-jährige Schauspielerin Gisela Nohl brilliert in dem Ein-Personen-Theaterstück „Du bist meine Mutter“ sowohl in der Rolle der dementen Mutter als auch in die der Tochter Hannah.

"Bühne frei" hieß es bei der außergewöhnlichen Geburtstagsfeier des Seniorenwohn- und Pflegeheims im evangelischen Gemeindehaus. Das Seniorenwohnheim feierte mit einem Theaterstück zum Thema Demenz 20-jähriges Bestehen. In dem Stück "Du bist meine Mutter" von Joop Admiraal brillierte Gisela Nohl als famose Schauspielerin in der Doppelrolle als Mutter und Tochter.

Knapp 70 Besucher waren von diesem preisgekrönten Theaterstück begeistert, bewegt, fasziniert und unisono der Auffassung, einen grandiosen 90-minütigen Theaterabend erlebt zu haben. Es ist ein leise Geschichte, die von einer Krankheit erzählt, die in unserer veraltenden Gesellschaft immer häufiger auftritt; Demenz. Das bedeutet soziale Entfremdung und stellt für Angehörige eine permanente Geduldsprobe dar, die selbst mit Liebe schwer zu ertragen ist.

Packend inszeniert und authentisch schlüpft Nohl im Dialog abwechselnd in die Rolle der selbstständigen, lebensfrohen 59-jährigen Hannah und deren 89-jährigen, vom geistigen Verfall geprägten Mutter. Die Tochter fährt jeden Sonntag mit der U-Bahn zu ihr ins Pflegeheim. Schon der Beginn, die Fahrt, die Gedanken, die die Tochter bewegen, stimmen auf die späteren Handlung ein. Im Pflegeheim werden Gegenwart und Vergangenheit immer Eins. Berührend und unglaublich einfühlsam spricht die Tochter mit der Mutter, die oftmals Dinge und Sätze wiederholt und damit eindrucksvoll den fortschreitenden Verfall skizzieren.

Dieses Doppelporträt auf die Bühne zu bringen, der Wechsel zwischen den Rollen in Gestik, Mimik und Ton sind famos. Man sieht eine Person auf der Bühne und glaubt trotzdem, zwei Personen live zu erleben. Es sind die leisen Töne und die kleinen Gesten, die Mutter und Tochter unverwechselbar charakterisieren. Das Publikum wird hin- und hergeworfen zwischen Komik und Melancholie; vom Sterben ist genauso leichthin die Rede wie von Schokopudding, der Verwandtschaft und Alltagssorgen. Es sind die kleinen, zum Schmunzeln anregenden Dialoge über das gelebte Leben der Mutter und das Leben der Tochter, in das die Mutter mit ihren Forderungen und Meinung einwirkt. Es waren vor allem die bewegenden Momente, in denen die 60-jährige Schauspielerin die Mutter spielt, ihre Gebrechlichkeit fast spürbar erlebbar machte, unterstützt mit der behutsam eingesetzten Lichttechnik von Klaus Roth.

Für den Autor Joop Admiraal ist "Du bist meine Mutter" ein Stück, das von der Darstellerin alles abverlangt, denn sie spielt alles; Tochter und Mutter, die Räume, vorbeigehende Spaziergänger, den Gartenzaun, Sonne, Schatten, Wärme und Kälte. Gisela Nohl, die seit 35 Jahren auf der Bühne steht, gelang es, die Zuschauer in ihren Bann zu ziehen. Gleichzeitig ließ sie eineinhalb Stunden lang das sichtlich berührte Publikum am Alltag zweier Menschen teilhaben. 90 Minuten kein einziger Laut im Saal, 90 Minuten gebannte Stille und aufmerksame Zuschauer, die nach einer langen Zeit, an der das Licht zum Ende erlischt, langanhaltenden Beifall spenden.

Ohne zu beschönigen, beschäftigte diese Aufführung sich mit einer Angst, die wohl jeder ältere Mensch kennt. Mit der Sorge, sich selbst irgendwann zu vergessen. Und mit der Hoffnung, dass es dann jemanden geben wird, der am Bett sitzt, die Hand hält und bleibt, auch wenn es schwer fällt. Jemanden, der sich für einen selbst erinnert. "Du bist meine Mutter".

Als Dank für den beeindruckenden Theaterabend überreichte der Leiter des Seniorenwohn- und Pflegeheims, Gerhard Wolf, an die Schauspielerin einen Blumenstrauß. Gleichzeitig nutzte er die Gelegenheit über die positiven Veränderungen sowie dem vielfältigen Angebot insbesondere auf dem Gebiet der Kurzzeitpflege in der Pflegeeinrichtung zu informieren.

Die 60-jährige Schauspielerin Gisela Nohl brilliert in dem Ein-Personen-Theaterstück „Du bist meine Mutter“ sowohl in der Rolle der dementen Mutter als auch in die der Tochter Hannah. Bild: Brendel, Hubert (BR)
Die 60-jährige Schauspielerin Gisela Nohl brilliert in dem Ein-Personen-Theaterstück „Du bist meine Mutter“ sowohl in der Rolle der dementen Mutter als auch in die der Tochter Hannah.
Die 60-jährige Schauspielerin Gisela Nohl brilliert in dem Ein-Personen-Theaterstück „Du bist meine Mutter“ sowohl in der Rolle der dementen Mutter als auch in die der Tochter Hannah. Bild: Brendel, Hubert (BR)
Die 60-jährige Schauspielerin Gisela Nohl brilliert in dem Ein-Personen-Theaterstück „Du bist meine Mutter“ sowohl in der Rolle der dementen Mutter als auch in die der Tochter Hannah.
Heimleiter Gerhard Wolf überreicht an Schauspielerin Gisela Nohl für ihren beeindruckenden Theaterauftritt einen Blumenstrauß. Bild: Brendel, Hubert (BR)
Heimleiter Gerhard Wolf überreicht an Schauspielerin Gisela Nohl für ihren beeindruckenden Theaterauftritt einen Blumenstrauß.
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