27.10.2019 - 07:41 Uhr
SpeinshartOberpfalz

Von der Armuts- zur Chancenregion

Haben die ländlichen Regionen noch eine Chance oder droht der Niedergang? Der renommirte OTH-Wissenschaftler Dr. Wolfgang Weber setzt sich mit dieser Frage im "Innovativen LernOrt" Kloster Speinshart auseinander.

Zukunftsperspektiven für den ländlichen Raum beleuchtet Wolfgang Weber (rechts) von der Ostbayerischen Technischen Hochschule Amberg-Weiden im "Innovativen LernOrt" Kloster Speinshart. Die Ausführungen stehen im Zusammenhang mit der Vortragsreise "25 Jahre - 25 Orte" anlässlich des 25-jährigen Bestehens der OTH Amberg-Weiden.
von Robert DotzauerProfil

25 Jahre Ostbayerische Technische Hochschule (OTH) in Amberg-Weiden. Das muss gefeiert werden. Weniger mit Pauken und Trompeten. Im Blickfeld der Hochschule stehen vielmehr fundierte Analysen und künftige Herausforderungen. Der „LernOrt“ Speinshart ist einer der 25 Orte, in denen die OTH als einer der großen Innovationsmotoren der Region die Vorstellungen erläutert, wie eine Oberpfalz mit Zukunft aussehen soll. Ausgehend von der Grundthese „Ostbayern entwickelte sich von einer Armuts- zu einer Chancen-Region“ zeichnete der Diplom-Wirtschaftsgeograph auf Einladung der Internationalen Begegnungsstätte und des Fördervereins Kloster Speinshart ein chancenreiches Bild über die Zukunftsperspektive des ländlichen Raumes.

Dieser Einschätzung ging zunächst die Analyse über einen Wirtschaftsraum entlang einer kaum mehr vorhandenen Grenze zu Tschechien voraus, dessen Regionalbewusstsein und deren ökonomische, soziale, gesellschaftliche und ökologische Positionierung sich gut entwickelt habe, wie der Referent feststellte. Wolfgang Weber sprach von einem nachhaltigen Aufschwung Ostbayerns und beförderte das Land zu einer hervorgehobenen Aufstiegsregion.

Der Wissenschaftler belegte diese Aussagen mit beeindruckenden Zahlen zur Vollbeschäftigung und zu Unternehmensstrukturen, zu Wachstumsbranchen und zu öffentlichen Investitionen, zum Beispiel in Gestalt des Ausbaus der Universitäten und Hochschulen im ostbayerischen Raum. Eine Lanze brach der Wirtschaftsexperte für die Bedeutung des ostbayerischen Handwerks. Weber sprach von 54.000 Betrieben, 289.000 Beschäftigten und 21.000 Azubis. Mit dem Hinweis auf knapp 3.000 Existenzgründungen allein im Jahr 2017 untermauerte Weber das beeindruckende Zahlenwerk. Die nicht immer gesicherte Betriebsnachfolge gefährde allerdings die künftige Erfolgsbilanz.Als zentralen Erfolgsfaktor nannte Weber auch die prägenden kleinen und mittleren Unternehmen in Industrie und im Dienstleistungsbereich.

Diesen positiven Sichtweisen mit erfreulichen Strukturdaten folgte für die Besucher ein gewaltiger Dämpfer. Der Wirtschaftsgeograph warnte vor dem demografischen Wandel. Auch wenn Ostbayern nicht mehr zu den Abwanderungsregionen gehöre, zeichne sich ein deutlicher Rückgang der jungen Bevölkerung ab. Der Redner schätzte den Schrumpfungsprozess bis zum Jahr 2035 auf Werte bis zu einem Minus von 25 Prozent. Diese Risiken seien eng mit dem zunehmenden Überhang an Ausbildungsplätzen verbunden. „Das Szenario verstärkt den heute schon vorhandenen Fachkräftemangel“, urteilte Weber.

Diese Herausforderungen ergänzte der Wissenschaftler mit den sich abzeichnenden Szenarien des Strukturwandels in Wirtschaft und Daseinsvorsorge. Als Zwischenfazit zu einem erfolgreichen regionalen Management nannte er die Faktoren des gegenseitigen Vertrauens der regionalen Akteure, die Bereitschaft, sich gemeinsam für die Heimatregion einzusetzen und das Regionalbewusstsein zu forcieren, den Schulterschluss in Modellen von Private-Public-Partnerships, die Umsetzung von Verbundstrategien, Modelle zur Nachbarschaftshilfe und die Honorierung des Ehrenamtes im Rahmen regionaler und kommunaler Entwicklungen. Weber wusste: „Landleben und Landlust prägen den ländlichen Raum“. Mit dieser Feststellung kritisierte er die widersprüchlichen Rankings über die Zukunft Ostbayerns. „Dieses Gebiet ist eine von Technologie und Machbarkeitsdenken durchdrungene Region“, bemerkte Weber mit Blick auf den Erfolgskurs einer Aufsteigerregion. Als Beispiele nannte er die Indikatoren Logistik, Medizintechnik und die High-Tech-Branche.

Was wird die Marke Ostbayern und damit die Oberpfalz künftig prägen? Diese Frage beantwortete der Wissenschaftler im Rahmen des zweistündigen Statements mit zehn Thesen zum regionalen Management. Im Grunde sei schon lange alles gesagt, erklärte der Wissenschaftler. Es müsse nur noch umgesetzt werden. Zu diesen Umsetzungskriterien zählte Wolfgang Weber Verbünde zwischen Ostbayern und Böhmen. „Gemeinsam gewinnen ist besser als getrennt verlieren.“ Notwendig seien zudem Mindeststandards für die kommunale Daseinsvorsorge, um eine Gleichwertigkeit der Lebensbedingungen zu gewährleisten und wirtschaftlich erfolgreiche Regionen, um den demographischen Wandel zu bewältigen.

Ein besonderes Augenmerk empfahl Weber zum Megatrend der Digitalisierung. Sie bedeute Regionalpolitik 4.0 für Dienstleistung, Arbeit, Lernen und Lebensqualität. Als wesentliche Zielgruppe für Regionalmarketing entdeckte Weber die Jugend, um dem bereits bestehenden Fachkräftemangel zu begegnen. Auch das Einbeziehen von Lebensqualität am Ort gehöre zu den Zukunftsindikatoren. Ferner gehöre die gesellschaftliche Bindung zu den Bleibefaktoren. Weber empfahl zudem interkommunale Ansätze von der öffentlichen Infrastruktur bis zur Wirtschaftsförderung, verwies auf die Chancen der Künstlichen Intelligenz in Zusammenhang mit der Digitalisierung und brach eine Lanze für ein ideenreiches Regionalbewusstsein.

"Heimat heißt auch Vertrauen", erklärt. Wolfgang Weber besonders mit Blick auf die Jugend, um sie in der Region zu halten.
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