19.05.2019 - 17:29 Uhr
SpeinshartOberpfalz

Europa neu entdecken

Am Sonntag geht es nicht um die Krümmung der Gurke, sondern um die Wurst. Der Vergleich von Bernd Posselt ist einfach und präzise. Bei einer Buchvorstellung beschwört er die Bedeutung der Europawahl und wünscht sich eine Heimat Europa

Das Buch "Bernd Posselt erzählt Europa" ist ein glühendes Plädoyer für ein Europa, das Heimat gibt. Auf Einladung der Internationalen Begegnungsstätte stellte der langjährige Europaabgeordnete und Bundesvorsitzende der Sudetendeutschen Landsmannschaft sein neues Buch in Speinshart vor
von Robert DotzauerProfil

Der Aufbau der europäischen Einigung treibt den „Europäer“ und Bundes-Vorsitzenden der Sudetendeutschen Landsmannschaft um. „Ich bin ein glühender Europäer“, stellt er auf Einladung der Internationalen Begegnungsstätte Kloster Speinshart hinter dicken Klostermauern fest. Für Bernd Posselt ist es kein Rückzug zum Sinnieren und meditieren. Dazu ist Posselt viel zu explosiv. Der stämmige Europäer strotzt vor Dynamik. Am 25. Mai 2014 war schon alles vorbei. Die CSU stürzte bei der Europawahl ab und mit ihr Bernd Posselt. Doch der „geborene“ Europapolitiker macht weiter. Auch ohne Mandat ist er süchtig nach Europa und im Europa-Parlament als omnipräsenter Ex-Abgeordneter präsenter als mancher Parlamentarier. Das „Zeit-Magazin“ beschrieb ihn unlängst als „das Gedächtnis des Europaparlaments“.

Diesen Lorbeeren und vor allem der reiche Wissensschatz waren für Bernd Posselt die Triebfeder, die spektakulären Erfahrungen und Erkenntnisse, aber auch die Geschichten und seine Visionen für Europa in Buchform festzuhalten. „Bernd Posselt erzählt Europa“ nennt der Ex-Abgeordnete sein Werk, das er nun auch im Kloster Speinshart vorstellte. Auch wenn dies der Titel nahelegen könnte: Bei dieser „Erzählung“ handelt es sich um mehr als Memoiren eines verdienten Politikers. Vielmehr geht es Posselt um ein sinnstiftendes Europa, historisch, kulturell, religiös, kulinarisch und politisch. Dass er die Geschichten mit eigenem Erlebtem verflechten kann, verleiht dem Buch Farbe und ansteckende Lesebereitschaft.

Das Buch leistet zweierlei: Es liefert eine historische Analyse zur Einheit Europas und ist ein Plädoyer für die gemeinsame Zukunft der europäischen Nationen ohne Grenzen. „Denn wer wieder Grenzen zieht, streitet danach um den Grenzverlauf und gefährdet den Frieden“, verweist Posselt auf negative Erfahrungen. Der Autor sieht sich durch seine Herkunft längst als Europäer. Als Sohn eines Sudetendeutschen und einer Grazerin sei er gewissermaßen schon von Geburt an die Verkörperung der europäischen Idee gewesen. Dieses „schützende Dach der europäischen Vielfalt vor dem sauren Regen des Nationalismus und der Globalisierung zu bewahren“ erläutert Posselt in vier Großkapiteln. Einer der Schwerpunkte heißt Solidarität. „Wir Europäer können uns künftig nur behaupten, wenn wir gegenüber Leuten wie Putin, , Erdogan, Xi Jinping oder sunnitischen und schiitischen Extremisten geschlossen auftreten“.

Als eigentliche Basis für Lebensstil, Kultur und Werte plädiert Posselt zudem für ein regionales Bewusstsein. Prägend ist für ihn, den Europäer, ein neuer Leitgedanke. „Europa als Heimat der Heimaten“. Kleine Einheiten also, in denen man sich wohlfühlt. „Denn einzelne Staaten sind zu klein, um die Herausforderungen einer globalisierten Welt bestehen zu können, aber zu groß, um Geborgenheit zu geben“. Posselt beschreibt die Wurzeln Europas auch als doppelten Dreiklang. Christentum, griechische Philosophie und römisches Recht auf der einen und die Volksstämme der Germanen, Slawen und Romanen auf der anderen Seite.

Weitere Kapitel widmet er einigen „Riesen“ des europäischen Einigungsprozesses. Posselt portraitiert Persönlichkeiten und Akteure, wie Robert Schumann, De Gasperi und Konrad Adenauer, Helmut Kohl und Franz Josef Strauß, Otto von Habsburg, Charles De Gaulle und Vaclav Havel, die im Laufe des 20. Jahrhunderts die Einigung Europas und die europäische Integration mitgestalteten. In einem weiteren Schritt zeichnet er Traditionen und Konzepte nach, um zum Ergebnis zu gelangen: „Das Christentum ist der Sauerteig Europas“. Im letzten Abschnitt des Buches widmet sich Posselt einem „Bauplan für Europa“. Der wiederum bei der Europawahl antretende Kandidat nennt die Aussöhnung eine Leistung der Tapferen, warnt vor dem Blindsein gegenüber Minderheiten und fordert ein föderalistisches Europamodell. Das Thema Föderalismus wird zum humorvollen Schlusspunkt der Lesung, als er aus einer Unterhaltung eines Deutschen, eines Franzosen und eines Schweizers über die Herkunft der Babys zitiert. Während der Deutsche den Klapperstorch dahinter vermutet und der Franzose die Liebe der Menschen zueinander als Grund nennt sagt der Schweizer: „Das ist bei uns von Kanton zu Kanton unterschiedlich“.

Info:

Bonmots aus der Buchvorstellung von Bernd Posselt:

„Die krisenhafte Zuspitzung in Europa bewegte mich, in einem Buch Europa zu erzählen“.

„Die Kultur ist eine unverzichtbare Voraussetzung für ein einheitliches Europa“

„Frieden ist das Kostbarste, was Menschen schaffen können“

„Der offene Binnenmarkt dient der Friedensfunktion“

„Schaffen wir Heimat unter einem gemeinsamen Dach“

„Schaut mich an - Europa muss man auch erschmecken können“

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