19.11.2019 - 11:52 Uhr
SpeinshartOberpfalz

"Frieden beginnt zu Hause"

„Es gilt wach und widerständig zu bleiben“: Wenn es um Frieden und Menschenrechte geht, nimmt Pater Adrian Kugler kein Blatt vor den Mund. Dem klaren Wort bleibt er auch im Gottesdienst zum Volkstrauertag treu.

Geste der deutsch-amerikanischen Freundschaft bei der Kranzniederlegung: Major Denny Ziegert (2. Artilleriebataillon 131), Bürgermeister Albert Nickl, Colonel Jason Caldwell (US-Einheit JMSC aus Grafenwöhr) und Max Wagner, der Vorsitzende der Soldatenkameradschaft, treten gemeinsam vor das Gefallenen-Ehrenmal.
von Bernhard PiegsaProfil

In seiner Predigt in der Klosterkirche warnte der Pfarrer der Klosterpfarrei vor dem „Gespenst des neuen Nationalismus“. „Schreihälse übertönen immer mehr die Stimmen der Besonnenheit mit scheinbar einfachen und bequemen Antworten“, beklagte er. Da werde dem „Projekt des vereinten Europas und der Weltgemeinschaft“ die Forderung nach neuerlicher nationalstaatlicher Abgrenzung als vorgebliches Patentrezept gegen behauptete Missstände einer als „kompliziert“ empfundenen Welt entgegengesetzt: „Schottet euch ab, dann wird alles wieder gut und wie früher.“

Auch autoritäre Bewegungen und Systeme und religiös verbrämter Hass seien erneut im Aufwind. Doch „Gewalt und Krieg können nicht mit ‚Gottes Willen‘ legitimiert werden, und Religion darf sich nicht missbrauchen lassen, um Öl in das Feuer ethnischer, religiöser, nationaler oder wirtschaftlicher Konflikte zu gießen“, stellte Kugler nachdrücklich klar.

Leider scheine sich gegenwärtig aufs Neue das resignierte Wort der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann zu bestätigen: „Die Geschichte lehrt dauernd, aber sie findet keine Schüler.“ Umso mehr seien gerade die Christen gefordert, den biblischen Auftrag zur aktiven Wahrung von Frieden, Toleranz und Menschenwürde ernstzunehmen und „mit allen Menschen zusammenzuarbeiten, die sich für die Überwindung von Krieg und Hass einsetzen“.

Dabei gehe es um nicht weniger als das Eintreten „für Zukunftsfähigkeit, die Gottesebenbildlichkeit eines jeden Menschen, für Nächstenliebe und Schöpfungsbewahrung“, sagte der Geistliche. Nicht zu vergessen sei, dass „unsere Wirtschaft durch Rüstungsexporte an jenen Kriegen verdient, vor denen die Menschen flüchten, deren Abweisung gefordert wird“.

Den auf die Messe folgenden Gedenkakt von Gemeinde und Pfarrei am Gefallenenehrenmal vor der Kirche eröffnete der Vorsitzende der Krieger- und Soldatenkameradschaft, Max Wagner. Er erinnerte an den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs vor 80 Jahren, aber auch an die Opfer des Ersten Weltkriegs. Dabei erwähnte er, dass er selbst erst vor wenigen Monaten erfahren habe, dass einer seiner Großväter 1916 während der Sommeschlacht in Nordfrankreich mit 24 Jahren gefallen sei.

Erfreulich sei, dass „die früheren Feinde uns Freunde geworden sind“, unterstrich Wagner auch mit Blick auf die befreundete US-amerikanische Einheit „Joint Multinational Simulation Center“ (JMSC) aus Grafenwöhr. Diese hatte ebenso wie die Bundeswehr-Partnereinheit der Gemeinde, das 2. Artilleriebataillon 131 aus Weiden, zum Volkstrauertag eine Abordnung ins Klosterdorf entsandt: „Trotz mancher Unstimmigkeiten mit der US-Regierung pflegen wir eine gute Kameradschaft, und das ist gut so.“

Nach den von Pater Adrian Kugler vorgetragenen Fürbitten für alle, die „durch Krieg und Terror aus diesem Leben abberufen wurden“, sprach Major Denny Ziegert, Kommandeur der Bundeswehr-Partnereinheit, über die ungebrochene Bedeutung des Volkstrauertags auch in der gegenwart. Dieser habe durch das Gedenken an die in den Auslandseinsätzen der Bundeswehr ums Leben gekommenen Soldaten eine neue Dimension erhalten: „Ihr Tod führt vor Augen, was Krieg bedeutet und dass wir die Kriegsgefahr trotz der entsetzlichen Ereignisse des 20. Jahrhunderts keineswegs überwunden haben.“

„Wir als wehrhafte Demokraten müssen uns einer zunehmenden Nationalisierung und Radikalisierung entgegenstellen", appellierte Bürgermeister Albert Nickl bei der Kranzniederlegung am Gefallenenehrenmal: "Frieden beginnt zu Hause, bei jedem selbst: dort, wo er Verantwortung trägt, im Umgang mit der Familie, dem Nächsten, dem Fremden, den Ausländern.“

Mit dem „Lied vom guten Kameraden“, der Bayern- und der Bundeshymne beschloss die Musikkapelle Creußen, die seit 27 Jahren die Gottesdienste und Gedenkfeiern zum Volkstrauertag in Speinshart begleitet, die Feierstunde. Max Wagner gab noch zur Kenntnis, dass die Kriegsgräbersammlung heuer 1354,50 Euro erbracht habe.

Im Blickpunkt:

Zerbrechliche Errungenschaften

Die Opfer von Kriegen und Gewaltherrschaft seien eine stete Mahnung, mit den „zerbrechlichen“ Errungenschaften der Demokratie und des Friedens „sorgsam umzugehen“, bekräftigte Major Denny Ziegert beim Gedenkakt zum Volkstrauertag. Totengedenken und Rückschau auf die Geschichte dürften nicht zu einer bloßen traditionellen Pflichtübung herabgewürdigt werden: „Wir sollten dies immer tun, weil es zur Bestimmung unseres historischen Standpunktes und zu unserem demokratischen Selbstverständnis gehört. Historisches Bewusstsein ist keine Selbstverständlichkeit: Wir müssen es uns erarbeiten und an nachfolgende Generationen weitergeben.“

Dabei „helfen uns Tage wie der heutige und eine lebendige Kultur der Erinnerung an eine Vergangenheit grenzenlosen Leids und fehlgeleiteter Ideologien, an das Zerbrechen scheinbar unverrückbarer Überzeugungen und Strukturen, aber auch an die zweite Chance der Wiederannäherung, Vertrauensbildung, Vergebung und Versöhnung und schließlich der friedlichen Wiedervereinigung“. Der Volkstrauertag solle laut Ziegert als „persönliche Aufforderung“ verstanden werden, „tagtäglich den beschwerlichen, aber lohnenden Weg hin zu mehr Frieden zu gehen“ und „für unsere freiheitlichen Werte einzustehen". Denn: Wenn wir das nicht tun, wer dann?“

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