15.02.2019 - 16:30 Uhr
SpeinshartOberpfalz

Gefangen im eigenen Körper

Die Geschichte von Joe Armstrong, einem jungen Mann aus Zettlitz, ist unglaublich berührend und eindrucksvoll - sie beginnt im Körper einer Frau.

Stark, selbstbewusst, glücklich, ein Mann: Joe Armstrong darf endlich sein, wer er schon immer war.
von Anne Wiesnet Kontakt Profil

"Ich hätte als Frau nicht weiterleben wollen." Diesen Satz meint Joe Armstrong bitterernst, als er in seiner Küche sitzt, die Katze schmiegt sich in seinen Schoß. Seine Finger fahren durch das flauschige Fell. "Pommes" räkelt sich, drückt sich fester an sein Herrchen. Joe strahlt Zufriedenheit aus. Seine Schultern sind straff und gerade, der Blick ist entschlossen, als er zu erzählen beginnt - von einer Zeit, die er nie wieder zurückhaben will, von einer Zeit, als er noch Ramona Ackermann hieß.Joe fühlt sich seit seiner Kindheit gefangen im eigenen, weiblichen Körper, ruhelos, nicht angekommen - egal, wie gut es ihm geht. Es sei, als ob ein Teil von ihm fehlt. Lange kann Joe es nicht erklären. "Als Kind kannst du dem keine Worte geben, was mit dir los ist." Aber "Mo", so nennt sich Ramona Ackermann am liebsten, weil es so schön neutral klingt, will schon immer lieber ein Junge sein, lieber Hosen anziehen, ist neidisch auf Jungs, weil sie im Stehen pinkeln können - und Joe nicht. "Ich habe Kleider gehasst", erzählt der 31-Jährige.

Unterstützung wichtig

Erst im Teenageralter, mit 14, 15 Jahren, hört Ramona im TV das erste Mal, dass es so etwas wie Transsexualität gibt. "Da hab' ich gedacht, jetzt weiß ich, was nicht stimmt", erzählt Joe. Aus Angst sagt Ramona zu niemandem etwas. Mit der Zeit merkt der Teenager, dass er sich immer mehr zu Frauen hingezogen fühlt. "Ich hab' nie gesagt, ich bin lesbisch, ich hab' immer gesagt: ,Ich steh' auf Frauen'. Ich konnte ,lesbisch' nicht mit mir vereinbaren." Denn Ramona ist schon immer ein Junge, der auf Frauen steht. Und dieser Junge will so nicht mehr weiterleben. Für ihn gibt es nur zwei Möglichkeiten: "Aufhängen oder durchziehen." Mit 22 Jahren trifft Joe für sich eine Entscheidung. Aus Ramona Ackermann soll Joe Ackermann werden. Joe, der bislang nur in Ramonas Körper existiert, soll auch äußerlich ein Mann sein. "Ich hab' es schnell Mama gesagt. Sie hat gestrickt, hat mich zwei Stunden um den heißen Brei herumreden lassen und dann gesagt ,Weiß ich doch eh schon'. Dann hat sie weitergestrickt", erzählt der 31-Jährige. Er ist unglaublich dankbar, wie sehr seine Eltern ihn unterstützen - von Anfang an. Seine Familie und viele Freunde stehen hinter ihm. "Leider haben nicht viele das Glück, deshalb verkriechen sich viele und bringen sich um", weiß Joe. Dabei sei es so wichtig, Rückhalt zu haben. Dieser hat Joe stark, selbstbewusst und mutig werden lassen. Mit seiner Geschichte will er den Menschen, die voll Ablehnung sind, nun die Augen öffnen. "Es ist die gleiche Person, nur in einer anderen Hülle. Liebe Eltern, überlegt mal, was ihr euren Kindern antut, wenn ihr sie nicht so leben lasst, wie sie es wollen. Ihr müsst dieses Leben nicht leben." Viele Betroffene würden diesen Druck nicht aushalten, die Suizidrate bei Transsexuellen sei hoch.

"Ich bin ganz normal"

Joe weiß, wovon er spricht. Denn er hat nicht nur Gutes erlebt. Ein anonymer Drohbrief unter dem Scheibenwischer seines Autos ist das einprägenste Erlebnis für ihn. Wie im Film reihen sich auf dem Papier Zeitungsschnipsel aneinander, die die Worte ergeben: "Auch mit gebasteltem Schwanz bist du kein Mann." Ein schlimmer Satz, den Joe bis heute nicht vergessen kann. Die Anfeindungen kommen auch von manchen Freunden, die sich von Joe zurückziehen. Sie akzeptieren seinen Entschluss nicht. Ein anderes Mal wechseln eine Mutter und ihr Kind die Straßenseite - aus Angst, Joe könnte ansteckend sein, erzählt er. Dabei will er einfach nur er selbst sein. "Ich bin nicht kriminell, hab' einen Job, eine Wohnung, bin verheiratet, hab' niemandem wehgetan. Ich bin ganz normal." Es sei nicht der Kopf der Fehler gewesen, sondern der Körper. "Die Natur hat den Fehler gemacht, und wir begradigen das."

Das "Begradigen" ist aber nicht die einzige radikale Veränderung in Joes Leben: Am 22. September 2018 wird aus Ackermann Armstrong, denn Joe hat seine Traumfrau gefunden und sie geheiratet. Mit seinem komplett neuen Namen hat er sein altes Leben nun abgeschlossen. "Ich bin jetzt angekommen." Mit Frau Barbara, einem Hund und mehreren Katzen lebt er in seinem Heimatort Zettlitz, dort, wo er von der Familie schon immer Liebe und Verständnis erfahren durfte. Nur eines ist nun anders: "Alles ist besser als vorher. Ich bin ich."

Von Ramona Ackermann gibt es nicht mehr viele Fotos. Joe hat sie weggeworfen. Eines hat er doch noch gefunden.
Viele Hürden später: Aus dem Mädchen Ramona Ackermann ist der Mann Joe Armstrong geworden.
Ein glückliches Paar: Barbara und Joe haben sich gefunden. 2018 heirateten sie.
Die Geschlechtsangleichung:

Joe träumt von Bartstoppeln und einer männlichen Brust. Doch er steckt im falschen Körper fest. Der Blick in den Spiegel ist für ihn schließlich so unerträglich, dass er eine Entscheidung trifft.

Bis er endlich in seinem männlichen Körper leben kann, sind viel Geduld, Bürokratie und psychologische Tests notwendig. Denn bevor Joe auf den OP-Tisch darf, muss er 18 Monate Therapie überstehen, die er im Juni 2012 beginnt. 24 Jahre ist er da alt. Sechs Monate lang soll er zunächst in seinem Wunschgeschlecht leben, ohne Hormone einzunehmen. Das bedeutet, sich wie ein Mann anziehen, sich wie ein Mann verhalten, die Hose ausstopfen, die Brust verstecken.

Vor allem alltägliche Hürden wie die „Toilettenfrage“ stellen sich Joe schnell. Nach anfänglichem Zögern tut er es einfach: „Ich bin dann irgendwann aufs Männerklo, hatte Glück, dass ich schon immer eine tiefe Stimme gehabt hab’ und männlich ausgeschaut hab’.“ Er wurde zwar manchmal angesprochen, doch das war ihm egal. Nach dem sechsmonatigen Alltagstest folgen weitere sechs Monate mit einer Hormontherapie. „Die erste Angleichung“, berichtet der Zettlitzer. „Es heißt Geschlechtsangleichung. Ich wandle nichts um, sondern passe meinen Körper dem Geschlecht an, dem ich mich zugehörig fühle.“

Ist diese Hürde geschafft, kann vor Gericht eine Personenstandsänderung beantragt werden: Aus Ramona Ackermann wird im April 2014 offiziell Joe Ackermann. Dafür muss er dem Gericht drei psychologische Gutachten vorlegen, die seinen innerlichsten Wunsch bestätigen. „Wenn alles passt, dann kann man seinen Personalausweis, Reisepass und so weiter ändern lassen.“

Als letzten Schritt der Angleichung folgen die Operationen. Diese beginnt Joe gleich im Dezember 2014. „Normal sind sechs OPs von Frau zu Mann notwendig. Bei mir waren es zwölf. Ich bin an einen Arzt geraten, der sich gut verkaufen konnte.“ Er habe mit veralteten Methoden gearbeitet, Keime in die Wunden gebracht. Joe wechselt schließlich den Arzt. Die großen Narben am linken Unterarm zeugen aber noch von den ersten, schwierigen Operationen: „Der Arzt hat da zu viel Gewebe für den Penoid entnommen“, sagt Joe. Das Gewebe aus Unterarmen eigne sich gut dafür, weil es besonders sensibel sei. „Es soll das Gefühl erhalten“, erklärt er. Doch der Arzt hätte nicht so viel vom Arm wegschneiden dürfen.

Noch vor der Phalloplastik werden zuerst die weibliche Brust, Gebärmutter und Eierstöcke entfernt. Im vierten Schritt wird die Harnröhre angeschlossen. Für Joe ein tolles Gefühl, als sich endlich sein Kindheitstraum erfüllt und er wie die Jungs von damals zum ersten Mal im Stehen pinkeln kann. „Du fühlst dich ganz“, gesteht er. Ist das geschafft, wird noch die Eichel geformt. „Stell dir eine Bockwurst vor, deren Haut im oberen Drittel umgeklappt wird“, beschreibt Joe.

Mit der Erektions- und Hodenprothese ist im Februar 2018 schließlich alles überstanden. Hormone, die sich Joe sein Leben lang alle drei Wochen spritzen muss, machen sein Erscheinungsbild komplett. Dichte braune Bartstoppeln und eine tiefe Stimme sind nicht länger nur ein sehnlicher Wunsch.

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