11.04.2019 - 12:36 Uhr
SpeinshartOberpfalz

Wo Heimat daheim ist

Er spricht aus wissenschaftlicher Perspektive über kulturelle Diversität: Über die Vielfältigkeit des Heimat-Begriffes referiert Historiker Adrian Roßner in Speinshart. Sein Vortrag ist alles andere als trocken.

Adrian Roßner referiert in Speinshart bei der KEB zum Thema „Wie Leben gelingt 2.0“ über die vielen Gesichter der Heimat.
von Redaktion ONETZProfil

„Glauben erschließen, Gerechtigkeit fördern und Beziehung gestalten“: So lautet das übergreifende Motto der Katholischen Erwachsenenbildung Kreis Neustadt/WN und Stadt Weiden (KEB). Als Jahresthema hat der Verband heuer „Wie Leben gelingt 2.0“ gewählt. Auf der Suche nach der speziellen Identität der Region sollen die vielen Gesichter einer Heimat ins Visier genommen werden. Dazu hielt der Doktorand in Fränkischer Heimatgeschichte, Adrian Roßner, in der Internationalen Begegnungsstätte Kloster Speinshart einen Vortrag.

Zunächst sei Heimat ein etymologisches Konstrukt, das mit Leben gefüllt werden müsse, erklärte er. Deshalb blätterte der Referent im "Face-Buch" moderner Heimatforschung und klopfte den Kern des Begriffes ab, um ihn mit Inhalt zu füllen. Roßner durchstreifte kurz und kompakt aus historischer Sicht die Entwicklung der Vielfalt, die regionale Kultur prägt.

Eine erste Antwort war somit: "Heimat ist der Ort der frühesten Sozialisationserlebnisse." Weniger wissenschaftlich formuliert heiße das, dass es für Heimat keine rein geografische Bestimmung gebe, denn im Sprachgebrauch tauche das Wort erst ab dem 18. Jahrhundert auf. Dies liege an der steten Lebensveränderung der heidnischen slawischen Nomaden, die sich an den klimatischen Gegebenheiten zu orientieren hatten, merkte der Historiker an.

Mit dem christlichen Auftrag der Mönche und dem Sesshaftwerden entstanden Siedlungen, im weiteren Verlauf Burgen und überhaupt ein Ordnungssystem. "Da erst wurde der Ort, das Dorf zur Grenze für den Zusammenhalt einer angesiedelten Gemeinschaft", sagte Roßner. Dann folgten die wirtschaftliche Annäherung über die Industrialisierung bis zum Produktionswachstum und zur Emanzipation bürgerlicher Gegenparteien. Auch der Tourismus entstand. Wer Heimat im Rückblick als Idylle der Geborgenheit verstehe, der vergesse diese ausgesprochen bewegte Wellenbewegung in der Entwicklungsgeschichte, stellte der Referent klar.

"Heute wird häufig aus Fremde Heimat – mit der euphorischen Erwartung, zu seinem Herkunftsort zurückkehren zu können", führte er aus. Dann komme die Enttäuschung, weil auch der „Tank, aus dem man seinen eigenen Kraftspeicher wieder füllen kann“, sich verändert habe. Es gebe keine identitätsstiftende Naturlandschaft, sondern nur eine Kulturlandschaft, "in der die Vielfältigkeit der Unterschiedlichkeiten bei gutem Willen sehr wohl nebeneinander existieren könnten".

Roßner entstaubte die trockene Heimatforschung durch ansteckende Begeisterung mit „Hirn und Herzblut“ und kam zu dem Resultat, dass Heimat nicht zu schützen sei in einem Reservat, sondern bewahrt und vor dem Ausverkauf geschützt werden müsse. Zudem streute er authentisch aus seinem eigenen Leben in Zell am Waldstein in Oberfranken - „als Ein-Zeller und ein Zeller“, wie er witzelte - Aktuelles, Anekdoten und Geschichten ein.

So wurde sein Vortrag sehr erfrischend und lebhaft, er lebte sozusagen durch und mit dem Referenten, der sich wie ein junger Star unter den Heimathistorikern in sowohl wissenschaftlicher wie auch büttenrednerischer Darbietungshinsicht profilierte. Mit der emotionalen Aussage, dass es am schlimmsten sei, Heimat verlassen zu müssen, ohne je wieder zu ihr zurückkehren zu können, sprach er auch die aktuellen Integrationsprobleme der heutigen Zeit und Gesellschaften an.

In der Schlussdiskussion wurde noch einmal das Fehlen einer idealtypischen Definition des Heimatbegriffes deutlich. Der Vorschlag der stellvertretenden Vorsitzenden der KEB, Brunhilde Spannl, brachte vielleicht die möglichst verständnisnahe Formulierung : „Heimat ist daheim“, war ihre Zusammenfassung.

Adrian Roßner referiert in Speinshart bei der KEB zum Thema „Wie Leben gelingt 2.0“ über die vielen Gesichter der Heimat.

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