11.07.2019 - 12:41 Uhr
SpeinshartOberpfalz

Kapitalismus und Kirche: "Verteufelt die Wirtschaft nicht"

Jubiläen von Förderverein Kloster Speinshart und Rainer-Markgraf-Stiftung: Da liegt es nahe, dass ein renommierter Wirtschaftsführer die Beziehungen zwischen Religion und Kirche einerseits sowie Staat und Wirtschaft andererseits beleuchtet.

Aus Anlass des 40-jährigen Bestehens des Vereins der Freunde und Förderer des Klosters Speinshart und des 5. Jubiläums der Rainer-Markgraf-Stiftung setzt sich Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der Bayerischen Wirtschaft, mit dem Verhältnis von Kirche und Wirtschaft auseinander.
von Robert DotzauerProfil
Grüße aus der Oberpfalz: Fördervereinsvorsitzender Georg Girisch überreicht dem Wirtschaftsboss das neue Klosterbuch.

Im modernen Management gibt es einen Trend zu mehr Werten: Mitarbeiter sollen stärker in Entscheidungen eingebunden werden, Produktionsmethoden sollen transparent sein. Eigentlich begrüßenswert. Doch die Kirche tut sich trotzdem nicht so ganz leicht mit dem Kapitalismus. Gleichzeitig meiden die Topmanager der Republik kirchliche Veranstaltungen zum Thema, weil sie sich häufig nicht verstanden fühlen. Und doch führt Wirtschaft und Kirche eines zusammen: die soziale Marktwirtschaft.

Im Einklang mit den Kirchenoberen stellte Bertram Brossardt fest: „Wir müssen auch die Schwachen in der Gesellschaft fördern.“ Der Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft hielt auf Einladung der Rainer-Markgraf-Stiftung die Festrede anlässlich der Jubiläen von Stifung und Kloster-Förderverein.

Die Wieskapelle als Veranstaltungsort war gut gewählt. Sie dokumentiert die wechselvolle Geschichte des Klosters und der nicht immer einfachen Verhältnisse zwischen Kirche und Staat. „Die heutige Kirche legt Finger in Wunden, gibt Orientierung und veranlasst zum steten Hinterfragen“, anerkannte Bertram Brossardt, einst Büroleiter des bayerischen Wirtschaftsministers Otto Wiesheu, in Anwesenheit zahlreicher Gäste. Unter ihnen waren Abt Hermann Josef Kugler, Landtagsabgeordneter Tobias Reiß, Bürgermeister Albert Nickl, Fördervereinsvorsitzender Georg Girisch und Florian Prosch, geschäftsführender Vorstand der Rainer-Markgraf-Stiftung.

Doch Reizworte gebe es viele, merkte der Redner am Beispiel einer Aussage von Papst Franziskus zum herrschenden Wirtschaftssystem an: „Diese Wirtschaft tötet.“ Müsse deshalb das bisherige Denken, Leben und Kommunizieren radikal hinterfragt werden? Mitnichten, stellte der Wirtschaftsmanager fest. Er verwies auf die zentralen Werte in der Wirtschaft und in der Kirche, besonders in Bayern, und warnte: "Verteufelt die Wirtschaft nicht."

Mit einem Blick zurück ortete Brossardt den Apostel Paulus als Bündnispartner und zitierte aus dessen zweitem Brief an die Thessalonicher: „Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen.“ Das Sendungsbewusstsein des heiligen Augustinus wertete er, auf das Heute übertragen, ebenfalls als eine Forderung nach Wohlstand für alle in sozialer Marktwirtschaft. Wenn die christliche Kirche dann von der Kanzel gegen das Gewinnstreben wettere, dann laufe einiges aus dem Ruder, bedauerte der Redner.

Brossardt kritisierte zudem Einmischungsversuche von offizieller kirchlicher Seite in existenzielle wirtschaftliche Zwänge: Das Wettern gegen eine dritte Startbahn am Flughafen München sei zum Beispiel keine Aufgabe der Kirche. Er appellierte deshalb an deren Konsensfähigkeit, eine werteorientierte Unternehmerschaft als wichtigen Akteur anzuerkennen und die Überzeugung zu teilen, dass wirtschaftlicher Erfolg und soziale Verantwortung keine Gegensätze seien, sondern einander bedingten. Als Kernpunkte wirtschaftlichen Handelns und sozialer Verantwortung von Kapital, Wirtschaft, Staat und Kirche nannte der Redner auch die Solidarität: „Kapital und Arbeit sind Geschwisterpaare.“

Wichtige Ansprechpartner der Wirtschaft seien allerdings nicht nur Vater Staat und Mutter Kirche im Sinne der Amts- und Würdenträger. Brossardt wünschte sich auch einen konstruktiven Dialog zu den vielen politisch und kirchlich aktiven Laien als engagierten Meinungsträgern und Multiplikatoren. Ein Einbeziehen dieses Personenkreises sei in den Zukunftsdebatten besonders wegen der sich rasch verändernden Arbeitswelt unverzichtbar.

Als Beispiel nannte der Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft die digitale Transformation. Das Thema löse bei vielen Arbeitnehmern Verlustängste aus. Deshalb gelte es, diese Verunsicherungen abzulegen, den technologischen Fortschritt anzunehmen und die neue Arbeitswelt zum Nutzen aller zu gestalten. Dabei gab er zu bedenken: „Es werden Tätigkeiten wegfallen, aber an anderer Stelle werden durch technische Neuerungen viele neue Berufe und Jobs entstehen.“ Deshalb sehe er in Bayern, auch künftig gute Jobchancen in einer zunehmend digitalisierten Arbeitswelt, erklärte Brossardt. Unumgänglich dafür sei eine Anpassung der Rahmenbedingungen besonders im Bildungssystem, und hier in der beruflichen und schulischen Grundausbildung.

Das Schlusskapitel seines Vortrags widmete der Redner der Bewahrung der Schöpfung. Jeder müsse dazu beitragen, Ökonomie und Ökologie miteinander zu versöhnen. Ökologie sei aus Sicht der Wirtschaft aber nicht gleichbedeutend mit Ideologie. Eine urchristliche Idee aufgreifend, „predigte“ Brossardt nicht den schnellen Gewinn, sondern ein nachhaltiges Wirtschaften mit dem Ziel, Wirtschaft, das soziale christliche Menschenbild und die Ökologie in einem guten Dreiklang zu vereinigen. Gefragt waren nach dem Festvortrag Begegnung, Frühschoppen-Gespräch und Diskussion vor der Kapelle.

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