30.09.2020 - 15:56 Uhr
SpeinshartOberpfalz

Letzte-Hilfe-Kurs: Den Tod gesellschaftsfähig machen

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Über das Sterben wird nicht gerne gesprochen. Der Gedanke an die eigene Vergänglichkeit oder die eines lieben Menschen schnürt die Kehle zu. Und doch gehört auch der Tod zum Leben. Wie sich damit umgehen lässt, zeigt der Letzte-Hilfe-Kurs.

Die Hand eines geliebten Menschen am Sterbebett halten: Vielen spendet schon eine kleine Geste Trost.
von Anne Wiesnet Kontakt Profil

Es ist die Hilflosigkeit, die sich oft breit macht, wenn geliebten Menschen nicht mehr viel Zeit auf der Erde bleibt. Die Angehörigen haben dann das Gefühl, nichts für den Sterbenden tun zu können und das Leid hilflos mit ansehen zu müssen. Doch es gibt Linderung für beide Seiten, sagt Elke Lauterbach, Leitende Koordinatorin beim Ambulanten Hospizdienst Weiden-Neustadt Malteser Hilfsdienst e.V. Sie leitet die Letzte-Hilfe-Kurse in Speinshart, Weiden und Vohenstrauß und erzählt im Interview, was die Teilnehmer erwartet.

ONETZ: Frau Lauterbach, Erste-Hilfe-Kurse kennt man, Letzte-Hilfe-Kurse dagegen eher weniger. Was darf man sich darunter vorstellen?

Elke Lauterbach: Es geht darum, die Zeit, die einem sterbenden Menschen noch bleibt, angenehmer und bewusster zu gestalten. In dem Kurs wollen wir Angehörige - eigentlich alle - dazu ermutigen, den Menschen beizustehen. Wir wollen ihnen Material an die Hand geben, wie man helfen und unterstützen kann. Oft sind Angehörige hilflos. Sie kommen in den Kurs und wollen hören, was sie tun können. Bei der Ersten Hilfe geht es vor allem um Lebensverlängerung, bei der Letzten Hilfe darum, die Lebensqualität so gut es geht noch zu erhöhen.

ONETZ: Womit haben Angehörige denn am meisten zu kämpfen?

Elke Lauterbach: Sie wollen nicht tatenlos da sitzen. Das ist für viele schwer. Das müssen sie aber auch nicht. Es gibt viele Möglichkeiten, das Thema anzugehen. Sie können zum Beispiel den Mund des Sterbenden befeuchten, einfach nur da sein, oder ein Fenster öffnen, damit frische Luft rein kommt. Oft haben sie auch Angst vor der Einsamkeit.

ONETZ: Wovor haben Sterbende am meisten Angst?

Elke Lauterbach: Das größte Thema ist die Angst vor Schmerzen. Da hilft es - neben Medikamenten -, wenn da jemand mit am Bett sitzt, der es ein Stück weit mit dem Menschen aushält. Das ist etwas ganz Kostbares. Manches kann auch mit Düften, mit Musik, Licht oder Wärme gelindert werden. Manche mögen vielleicht lieber Kälte. Hilfreich ist auch, dem Sterbenden einfach zuzuhören, erzählen zu lassen, was ihn noch bedrückt, was er nicht regeln konnte. Angehörige können sehr viel tun.

Trauerbegleitung auch in Corona-Zeiten

Schwandorf

ONETZ: Sollte man denn Mitleid zeigen, oder lieber versuchen, normal mit dem Sterbenden umzugehen?

Elke Lauterbach: Sterbende nehmen bewusster wahr, ob das gesprochene Wort authentisch ist. Wichtig ist, dass man echt miteinander umgeht. Manchmal sitzt man vielleicht dann am Bett und weint gemeinsam. Man sollte keine Angst davor habe, seine Gefühle zu zeigen.

ONETZ: Warum wird über den Tod so wenig gesprochen? Ist es immer noch ein Tabu-Thema?

Elke Lauterbach: Das ist der Grundgedanke des Kurses, deshalb auch der provokante Titel. Die Menschen sollen sich vergegenwärtigen, dass der Tod zum Leben gehört. Ich sage immer provokant: Den Tod gesellschaftsfähig machen. Sterbende sollen nicht isoliert, sondern von der Gesellschaft getragen werden. Durch Corona ist sehr deutlich geworden, wie sehr man durch eine kleine Geste wie einen Besuch oder der Teilnahme an der Trauerfeier auch Angehörige stärken kann. Es ist eine wertvolle Geste, die durch Corona oft nicht mehr möglich war.

ONETZ: Worauf müssen sich die Kursteilnehmer nun einstellen? Wird es emotional werden?

Elke Lauterbach: Ja, es kommt aber immer darauf an, mit welcher Lebenssituation ich da rein gehe. Da ist wieder die Parallele zum Erste-Hilfe-Kurs: Es sind beides Kurse, die die Angst nehmen sollen vor schwierigen Situationen.

ONETZ: Ist es für Sie manchmal schwierig, die Schicksale mitzuerleben?

Elke Lauterbach: Ja, es ist manchmal schwer, besonders, wenn Kinder mit im Boot sind.

ONETZ: Was hat Sie der ständige Umgang mit dem Tod für Ihr eigenes Leben gelehrt?

Elke Lauterbach: Seit ich in dieser Arbeit tätig bin (3 Jahre), bin ich gelassener geworden. Beziehungen haben für mich eine ganz andere Qualität bekommen, Dinge sind kostbarer geworden. Der einzige Unterschied zwischen im Sterben liegenden Menschen und Ihnen und mir ist, dass sie wissen, dass sie dem Tod nahe sind. Es geht darum, dass jeder Tag besonders ist, das könnten wir alle jetzt schon so leben.

ONETZ: Was ist in so einer schweren Zeit für Sterbende und Angehörige noch wichtig?

Elke Lauterbach: Vorsorge. Eine Patientenverfügung zum Beispiel. In einer Zeit, wenn ich meine eigenen Wünsche nicht mehr äußern kann, ist es gut, dass jemand weiß, was mir wichtig ist. Wenn man schriftlich festlegt, wie jemand bestattet werden will, ist das auch eine Erleichterung für die Angehörigen, weil sie wissen, dass sie im Sinne des Sterbenden handeln. Eine Patientenverfügung wäre für jeden gut, denn es können auch junge Menschen schnell betroffen sein.

ONETZ: Haben Sie noch einen Tipp, wie Angehörige nach dem Tod weitermachen können und sollen?

Elke Lauterbach: Trauer ist wirklich Schwerstarbeit. Diese Endgültigkeit des Abschiedes muss erstmal begriffen und der Weg der Trauer gegangen werden. Dafür darf man sich auch die Zeit nehmen, die man braucht. Das ist immer individuell.

Elke Lauterbach.
Service:

Letzte-Hilfe-Kurse in der Region

  • Speinshart: Am Samstag, 17. Oktober, findet ab 13 Uhr ein Letzte-Hilfe-Kurs im Speinsharter Kloster statt. Die Zahl der Teilnehmer ist auf 20 begrenzt. Anmeldung unter: 0961/634964-2 oder www.keb-neustadt-weiden.de.
  • Weiden: Am Freitag, 16. Oktober, findet in Weiden ebenfalls ein Letzte-Hilfe-Kurs statt; ab 18 Uhr in der Lerchenfeldstraße 7. Anmeldung ebenfalls unter 0961/634964-2 oder www.keb-neustadt-weiden.de. Der Kurs am 2. Oktober in Vohenstrauß ist bereits ausgebucht. Alle drei Kurse sind kostenlos.
  • Weitere Kurse: Vereine und Firmen können Letzte-Hilfe-Kurse ebenfalls kostenlos buchen unter Telefon: 0961/3898740.

Serie: So ist das Leben im Hospiz Sankt Felix in Neustadt/WN

Neustadt an der Waldnaab

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