15.07.2020 - 10:13 Uhr
SpeinshartOberpfalz

"Nostalgia" gibt Konzert im Kloster Speinshart

Nach den Großveranstaltungen vergangener Tage sind es coronabedingt kleine Kostbarkeiten, die das kulturelle Leben in Speinshart zu neuem Glanz verhelfen. Mit einem Sonderkonzert gelingt der Begegnungsstätte ein Volltreffer.

Unter dem Motto "Nostalgia - Das Meer der Erinnerungen" bereisen Sängerin Nihan Devecioglu (links) Friederike Heumann (Gambe) und Thomas Boysen (Theorbe) in der Klosterkirche Speinshart musikalisch die Mittelmeerregion.
von Robert DotzauerProfil

Der Gedanke von Begegnungsstättenleiter Thomas Englberger war, nach Monaten des kulturellen Stillstandes dem treuen Speinsharter Publikum wieder zu Glücksgefühlen zu verhelfen. Es gelang ein abgerundetes Musikereignis, das Melodien aus der Barockzeit des 17. Jahrhunderts rund um den Mittelmeerraum abbildete. Es war nicht unbedingt Barockmusik im engeren Sinne, die das dreiköpfige Ensemble mit der ausdrucksstarken betörenden Stimme der türkischen Sängerin Nihan Devecioglu, Friederike Heumann (Viola da gamba) und dem norwegischen Theorbe-Künstler Thomas C. Boysen bewegte, die musikalische Vielfalt und den regen Kulturaustausch im Mediterraneum in verführerischen Klängen, Melodien und Rhythmen auszudrücken – so sinnenfroh und berauschend wie Gewürze und Düfte des Orients.

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Von Italien bis nach Armenien

Das Programm überschrieben die drei Musiker mit "Nostalgia – das Meer der Erinnerungen". Als Ausgangspunkt der musikalischen Reise wählten das Ensemble das mittelalterliche Venedig. Hier sang und spielte es Musik aus der damals bekannten Welt. Hier trafen Klänge aufeinander, die nicht nur den Bewohnern der Serenissima viel Freude und Inspiration bereiteten. Über dem Schmelztiegel des „Canale Grande“ und des Markusplatzes gelangte die traditionelle Musik der Sepharden, Gesänge aus Italien, Griechenland, Armenien und der portugiesische Fado gleichsam durch den Wind auf Schiffen in die Häfen der damaligen Metropolen.

Am Sonntagabend strandete ein Trio beladen mit der traditionellen Musik der Mittelmeerrregion in Speinshart. In der für Corona-Verhältnisse vollbesetzten Klosterkirche verführten Nihan Devecioglu & Co das Publikum in bezaubernde Klangwelten. Melancholische, sehnsüchtige Klagelieder erzählten vom Verlust der Heimat, von Liebesschmerz und von den Plagen des Alltags. Keinesfalls ging es dabei orchestral-majestätisch zu. Das Konzert erschien wie eine Sammlung von Liebesbekundungen. Geschichtsträchtig war schon der Beginn. Das griechische Klagelied „jati poulimou den kelaidis“ (Warum, mein Vogel, zwitscherst Du nicht?), ein Lamento über den Fall Konstantinopels 1453, bewegte die Besucher.

Wiegenlied und Trauergesang

In der Auswahl der Stücke hatte das Ensemble aber auch westmediterrane Kompositionen im Gepäck, wie zum Beispiel einen virtuosen Passamezzo moderno des spanischen Komponisten Diego Ortiz und die Melodie des portugiesischen Fados „Amor de mel, amor de fel“. Die bezaubernden Klänge sollten sich fortsetzen. "Nani, Nani", ein Wiegenlied sephardischer Juden aus Smyrna, die im heutigen Izmir Zuflucht vor der Inquisition fanden, griechische Lieder, spanische Tänze, Yasalió de la mar, ein sephardisches Hochzeitslied aus Theassaloniki, die Sinfonia d'Apollo aus der Oper „L'Orfeo“ oder „Ah, nicebiruyursun“, einem türkischen Lied aus der Sufi-Tradition: die Musik von der Küste des osmanischen Reiches bis zur iberischen Halbinsel verzückte das Publikum.

Mit weiteren Glanzpunkten, etwa der Improvisation „Prelude“, dem libanesisch-christlichen Passionslied „WaHabibi“ in arabischer Sprache und dem „Trauergesang“ Homo fugit velut umbra endete das vielfältige Programm. Mit feinsten Empfindungen, emotional und hochsensibel, gelang es dem Ensemble, dem Titel des Programms folgend musikalisch ein "Nostalgia – ein Meer der Erinnerungen" zu zeichnen. Stürmischer Beifall begleitete den Abgang.

Info:

Das Ensemble

Niahn Devecioglu stammt aus Istanbul und ging 2003 nach Salzburg, um am Mozarteum klassischen Gesang zu studieren. Das breite Spektrum ihrer künstlerischen Arbeit in den Ausdrucksformen von Oper und Avangarde, Alte und türkische Musik und traditionelle Volksmusik prädestinierte sie für prestigeprächtige Projekte in Zusammenarbeit mit vielen Festspielhäusern unter anderem in New York, Salzburg, Bremen und Dortmund. Friederike Heumann studierte Viola da gamba an der Schola Cantorum Basiliensis und schloss die Ausbildung mit einem Solistendiplom für Alte Musik ab. Anschließend war sie Stipendiatin an der Cité Internationale des Arts in Paris und lebte dort einige Jahre als freischaffende Musikerin. Als Solistin war sie Gast in vielen Ensembles, zum Beispiel beim Lucerne Festival Orchestra, im Montreal Symphony Orchestra im Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, in der Bayerischen Staatsoper und bei den Berliner Barocksolisten. Mit ihrem Ensemble Stylus Phatasticus spielt sie bei vielen internationalen Festivals. Zum Sommersemester 2020 wurde Heumann als Professorin für Historische Streicherkammermusik an die Hochschule für Musik in Würzburg berufen. Thomas C. Boysen stammt aus Norwegen und wuchs dort in einer Musikerfamilie auf. Nach dem Lautenstudium an der Hochschule für Musik in Oslo absolvierte er ein künstlerisches Aufbaustudium für Alte Musik in Trossingen. Seit seinem Abschluss konzertiert Boaysen mit bekannten Musikern und Ensembles der europäischen Szene Alter Musik in den meisten europäischen Ländern sowie in USA, Mexiko und in Asien. Neben dieser Tätigkeit als Musiker unterrichtet er Laute und Generalbass an der Musikhochschule in Würzburg und an der Hochschule für Musik und Theater in München. (do)

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