06.10.2020 - 13:57 Uhr
SpeinshartOberpfalz

Rosenkranzfest auch musikalisch ein bewegendes Ereignis

Meisterwerke der Kammermusik verleihen dem Speinsharter Rosenkranzfest besonderen Glanz. Die Schönheit der Klangwerke weltberühmter Komponisten vereinigt sich mit der Pracht des Gotteshauses.

Ein trauernder Dmitri Schostakowitsch trifft in Speinshart auf einen humorvollen Ludwig van Beethoven: Das weltweit agierende Ensemble "New Cologne Piano Trio Shanghai" versteht es, ganz unterschiedliche Klangwerke der weltberühmten Komponisten beim Rosenkranzfest in einer mitreißenden Interpretation zu vereinen.
von Robert DotzauerProfil

Bei manchem Werk Ludwig van Beethovens mag man sich kaum entscheiden, welcher seiner Sätze wohl am prägendsten für das Gesamtergebnis ist. So ist es auch beim sogenannten Gassenhauer-Trio.

Ist es jetzt der stolze, energische Kopfsatz oder vielleicht das Adagio mit seiner wunderbar lyrischen Melodie? Oder ist doch eher der Schlusssatz mit seinen launischen Variationen, die einem echten "Rausschmeißer" gleichkommen? Jedenfalls glänzte zum Rosenkranzfest in Speinshart das „New Cologne Piano Trio Shanghai“ mit guter alter Hausmusiktradition, die eine beschwingte, wohlgelaunte Stimmung atmete.

Im Klaviertrio B-Dur op. 11 ließ Beethoven ungezwungener Fröhlichkeit freien Lauf. Ein starkes Stück, in dem zu Beginn nicht das Klavier die Hauptrolle spielte. Es entstand vielmehr ein Miteinander von drei gleichstarken Partnern: Mal Begleiter, mal Solist, wechselten sich Walter Schreiber (Violine), Joanna Sachryn (Violoncello) und Fan Linlin (Flügel) ab, um eigene Impulse zu setzen.

Dem Marienfest entsprechend nutzten die Instrumentalisten die heitere Grundstimmung, um in zarter, kantabler Beschaulichkeit solistisch zu brillieren. Gegen Ende des Werkes vereinten sie sich dann vornehm und temperamentvoll mit einer Melodie, die überall in den Gassen von Wien gesungen und gepfiffen wurde.

Russland in den 1930er Jahren: Stalin hatte soeben den sozialistischen Realismus verkündet – als ästhetische Prämisse für die Dichter und Denker seines Landes. Optimistisch sollten sie schreiben, volksnah und verständlich für jedermann. Dasselbe galt für die Musik. Auch die Werke von Dmitri Schostakowitschs Musik waren deshalb zunächst "anders".

Die vier Sätze der „Charakterstücke“ für Cello und Klavier, die am Sonntag Pianistin Fan Linlin und Cellistin Joanna Sachryn in die Klosterkirche zauberten, erinnerten an fröhliche und launige Zeiten. Auf Befehl der sowjetischen Führung war damals auch musikalisch Aufbruchstimmung zu verkünden.

Das zweite Klaviertrio e-Moll op. 67 von Schostakowitsch führte in eine ganz andere Welt. Es gehört zu seinen tragischen Werken, nachdem der Künstler im Laufe des Zweiten Weltkrieges viele Freunde verlor. Kein Verlust traf ihn so hart wie der Tod des Musikkritikers Iwan Sollertinski 1944. Sein zweites Klaviertrio aus diesem Jahr widmete er dem Andenken des Freundes. Schostakowitsch trauerte zudem angesichts der Tragödie der Juden in der Sowjetunion.

Eindrucksvoll verwandelte das Kölner Klavierduo diese Stimmungslage in Gefühle. Das hohle, flageolettartige Pfeifen des Cellos erinnerte an den Tod. Dazu gesellte sich Walter Schreibers Geige, leise und in einem hohen Register gespielt, während Fan Linlin am Piano gedämpfte Trauermärsche tupfte: ein berührendes Szenario mit emotionaler Angst und Trauer.

Auch das Allegro con brio bot keinen Trost. Es schleuderte vielmehr wild und wütend aggressive Bewegung in das Gotteshaus. Das folgende Largo verstärkte diese Hoffnungslosigkeit, wie sie Schostakowitsch auch seinem Freund mitteilte: „Es fehlen die Worte, um den großen Schmerz auszudrücken, der mein ganzes Wesen quält.“

Erst im Allegretto des letzten Satzes wich der Schwermut positiveren Klängen. Doch selbst diese ließen die Hörerschaft in der für Corona-Verhältnisse vollbesetzten Klosterkirche tief nachdenklich zurück: ein starkes und eindrückliches Erlebnis in einer Zeit der Bedrohung durch Pandemien.

Nach diesem erschütternden Werk eine Zugabe? Das Trio erfüllte den Wunsch. Die Zuhörer sollten versöhnt und voller Zukunftshoffnung verabschiedet werden, erklärte Ensembleleiter Walter Schreiber.

Konzerte in der Internationalen Begegungsstätte Kloster Speinshart

Speinshart
Hintergrund:

Ensemble mit internationalem Format

Das "New Cologne Piano Trio Shanghai" leitet Walter Schreiber. Sein Studium führte ihn unter anderen in das berühmte Moskauer Konservatorium, sein musikalischer Weg zu den Berliner Philharmonikern, zum WDR-Sinfonieorchester Köln und zum Orchester der Bayreuther Festspiele. Prägend für den Geiger war zudem die Zusammenarbeit mit Daniel Barenboim, Sir Georg Solti und James Levine. 1983 gründete Schreiber das Kölner Klaviertrio. Außerdem übernahm er das Deutsche Radio-Kammerorchester. Als gefragter Gast musiziert er in namhaften Orchestern auf der ganzen Welt. Walter Schreiber ist Gastprofessor an der Tongji University Shanghai.

Joanna Sachryn ist eine der markantesten Cellisten ihrer Generation. Bereits im Alter von 17 Jahren wurde sie Solocellistin an der Stettiner Oper. Es folgten Engagements in den bedeutendsten europäischen Orchestern, zum Beispiel bei den Münchner Philharmonikern und dem Philharmonic Orchestra London. Als gefragte Solistin ist sie international unterwegs und ebenfalls Gastprofessorin an der Tongji University Shanghai.

Fan Linlin gilt als eine der derzeit vielseitigsten Pianistinnen. Ihre Kariere begann bereits mit zwölf Jahren als Jungstudentin an der Musikhochschule Xian in China. Nach dem Studium an der Hochschule für Musik in Nürnberg gewann sie zahlreiche internationale Preise und konzertierte mit renommierten Künstlern bei vielen Festivals. Außerdem gibt sie regelmäßig Konzerte, Meisterkurse und Vorträge in China. Fan Linlin unterrichtet auch an der Hochschule für Musik in Nürnberg und an der Hochschule für Musik und Theater in München.

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