Speinshart
13.01.2019 - 10:46 Uhr

Wiedergefunden als Seelsorger

Zuhören, Begleiten, Helfen: Nach einem Jahr als Polizeiseelsorger zieht der Prämonstratenser-Pater Dr. Benedikt Röder eine Zwischenbilanz. Ein bemerkenswerter Rückblick mit vielen überraschenden Erkenntnissen.

In Berlin und Bayreuth zu Hause und im Kloster Speinshart daheim. Pater Dr. Benedikt Röder hat die Balance zwischen der Seelsorgetätigkeit bei der Bundespolizei und dem Wirken als Chorherr der Prämonstratenser-Abtei Speinshart gefunden. Bild: do
In Berlin und Bayreuth zu Hause und im Kloster Speinshart daheim. Pater Dr. Benedikt Röder hat die Balance zwischen der Seelsorgetätigkeit bei der Bundespolizei und dem Wirken als Chorherr der Prämonstratenser-Abtei Speinshart gefunden.

Pater Benedikt Röder hat immer ein offenes Ohr. Schon von Berufs wegen: der 43-jährige Chorherr der Prämonstratenser-Abtei Speinshart ist einer von 11 katholischen Seelsorgern bei der Bundespolizei. Der Pater, der zuletzt fast 6 Jahre die Pfarrei Kirchenthumbach betreute, ist nun seit einem Jahr Seelsorger bei der Bundespolizei. Eine Arbeit, die ihm Freude macht, wie er sagt. Trotz der Last, die der Job eines Bundespolizeiseelsorgers mit sich bringt, wenn er mit Schreckensmeldungen und Konfliktsituationen konfrontiert wird.

An seinem offiziellen Einsatzort Bayreuth ist er erst seit 7. Januar 2019 tätig. Im Jahr 2018 stand Berlin im Focus. In die Bundeshauptstadt war er und ist er zum Teil immer noch abgeordnet, um die unbesetzte Seelsorgestelle der Berliner Bundespolizei zu betreuen. Zum Gebiet der Direktion Berlin gehören unter anderen das Bundeskriminalamt und die Inspektionen im Bereich des Bundeskanzleramtes und des Bundespräsidialamtes. Eine vielschichtige Aufgabe, die spektakuläre, aber auch harte Kost bietet.

Ein Polizeiseelsorger aus Speinshart mitten im Regierungsviertel erzählt von traurigen und lustigen Einsätzen, vom Gemeinschaftsgefühl der Beamten, von Stärke, aber auch von Situationen der Schwäche und dem großem Druck, unter denen die Einsatzkräfte stehen. Zunehmende Gewalt gegenüber Beamten, überbordende Belastungen der Einsatzkräfte, die zu Traumatisierungen und physischen und psychischen Krankheitszuständen führen, Wertekonflikte, die zwischen privaten Haltungen und dienstlicher Pflicht zum Beispiel bei Demonstrationen entstehen, Anfeindungen, Beschimpfungen und Übergriffen oder einfach private Sorgen und Lebenskrisen: mit all diesen Konfliktsituationen sieht sich auch Pfarrer Benedikt Röder konfrontiert. Der Seelsorger bekleidet eine Stelle, die sich wie eine Manageraufgabe liest und anhört. Deshalb versteht der Pater seinen Dienst als Unterstützer und Begleiter der Polizisten. „Wir wollen ins Gespräch kommen, gemeinsame Werte und Haltungen bedenken und nach Orientierung und Halt suchen“, erläutert Pater Benedikt einen Teil seines Einsatzgebietes.

„Wo Polizisten ihr Herz ausschütten können, da ist die Seelsorge“, beschreibt der Priester in Uniform seine Aufgabe. Seinen weißen Habit Als Chorherr der Prämonstratenser wechselt er während der Arbeit in dezente Dienstkleidung. Als sogenannter Quereinsteiger taucht Röder in die herausfordernde Welt der Bundespolizei ein. Gewöhnungsbedürftig war der Einstieg schon, gibt er zu. Die Organisationsstruktur kennen zu lernen, zahlreiche Antrittsbesuche in den einzelnen Berliner Inspektionen, Revieren und Dienststellen, die Kontaktaufnahme zum Seelsorgekreis des Bundeskriminalamtes und der freundschaftliche Informationsaustausch mit den evangelischen Kollegen: die „Anlaufzeit“ in der Bundeshauptstadt sei hoch interessant gewesen, so Röder.

Doch die Hauptbeschäftigung gehört den Kontakten zu den Beamten. Frust, Selbstzweifel, Lebenskrisen – solche Probleme plagen auch Polizisten, erfuhr der Seelsorger schon in den ersten Monaten seiner Arbeit. Vor allem sei es allerdings manch schwere Situation im Berufsalltag, der die Beamten belaste und vermeintlich hartgesottene Gesetzeshüter an ihre Grenzen stoßen lasse, zum Beispiel bei schweren Verkehrsunfällen und oder gar beim Einsatz mit Schusswaffen. Nicht einfach, das alles zu verkraften. Deshalb sucht Pater Benedikt das Gespräch.

„Ich bin da, um zuzuhören“, sagt er und verweist auf ein wichtiges Gesprächskriterium: „Die Beamten können ohne Hemmungen erzählen, was sie bewegt, weil sie genau wissen, dass der Polizeipfarrer zur Verschwiegenheit verpflichtet ist“. Die seelsorgerische Verschwiegenheit stehe über der Berichtspflicht gegenüber der Direktion. Zufrieden zeigt sich Pater Benedikt, dass auch durch die sogenannte aufsuchende Präsenz Vertrauen aufgebaut werde. Manchmal seien auch schon Gespräche zwischen „Tür und Angel“ vielversprechend. Insgesamt schätzt Pater Benedikt die Anzahl der persönlichen Gesprächstermine auf zirka 5 Seelsorgetermine wöchentlich.

Spannend lesen und hören sich die vielen weiteren Einsätze an, die der Polizeiseelsorger schon im Laufe des ersten Berufsjahres erlebt. Das Begleiten von Früh- und Spätschichten von Polizeistreifen im Gebiet des Hauptbahnhofes, das Mitbetreuen bei einer Rückführung nach Madrid, Trauerreden, die Begleitung bei einem Einsatz der Schnellen Eingreiftruppe (MKÜ), das Kennenlernen polizeilicher Aufgaben beim Streife gehen, Vorträge bei Seminarveranstaltungen oder einfach besinnliche Worte aus Anlass des Adventskonzertes in der Gedächtniskirche und bei Besuchen von Adventsfeiern und gesellschaftlichen Ereignissen in den Inspektionen.

Der Oberpfarrer, so der offizielle Titel von Pater Benedikt bei der Bundespolizeidirektion Berlin, verkennt jedoch nicht die missliche Lage der Gesamtseelsorge. Statistisch gesehen leben in der Bundeshauptstadt nur 25 Prozent Christen, im Bundesland Brandenburg sind es nur 20 Prozent, die sich zu einer der beiden Konfessionen bekennen. „Für die seelsorgerische Tätigkeit eine große Herausforderung, denn auch die Anzahl der Beamten dürfte sich in diesem Rahmen bewegen“, sagt der Kirchenmann. Im seelsorgerischen Alltag habe man daher mit mehrheitlich konfessionslosen Polizistinnen und Polizisten zu tun. Aber gerade diese Kontakte findet Pater Benedikt spannend. In zahlreichen Gesprächen mit diesem Personenkreis zeige sich, dass das Angebot der Seelsorge auch von Konfessionslosen geschätzt werde. Jeder Gesprächspartner wisse, dass der Seelsorger an das gesetzlich geschützte Beichtgeheimnis gebunden sei. Dies schaffe eine einzigartige Möglichkeit angstfreier Gespräche.

Den Pfarrer in Diensten der Polizei überrascht dennoch, dass der christliche Glaube für eine große Mehrheit keine sichtbare Rolle mehr spiele. „Taufen, Trauungen oder die angebotene Hilfe bei Sterbefällen werden so gut wie gar nicht abgefragt“, verrät Röder. Aus diesen Gründen finden nur wenige Gottesdienste statt. Dennoch hält der Pater die seelsorgerischen Angebote für sinnvoll. Besonders der berufsethische Unterricht ähnlich dem des lebenskundlichen Unterrichts bei der Bundeswehr sei unverzichtbar. Zusammenfassend stellt Dr. Benedikt Röder fest: „Ich kann mich als interessierten Wegbegleiter nur anbieten“.

Den Unterschied zu einem Ortspfarrer einer Pfarrgemeinde erklärt der Prämonstratenser-Pater vielsagend: „Einen normalen Pfarrer belasten viele Nebenaufgaben“. Deshalb erlebe er es als Befreiung und Bereicherung, so Röder, im neuen Amt für die reine Seelsorge da zu sein. Begeistert kommentiert er seine neue Tätigkeit mit den Worten: „Ich erlebe derzeit die besten Lebensjahre, weil ich mich als Seelsorger gebraucht fühle und ich wieder weiß, warum ich Priester geworden bin“. Auf die Dienste des Polizeipfarrers kann sich auch der Prior der Abtei Speinshart nach der dauerhaften Stationierung bei der Bundespolizei in Bayreuth verlassen: „Meine priesterliche Heimat ist das Kloster Speinshart. Gerne unterstütze ich deshalb während meiner Freizeit Pater Adrian Kugler in der Pfarreien-Seelsorge“.

Die vielfältigen Erfahrungen bei der Bundespolizei in Berlin helfen dem „Oberpfarrer Benedikt Röder“, so die offizielle Dienstbezeichnung, sich ab 1. Januar 2019 rasch als Seelsorger bei der Bundespolizei Bayreuth mit dem Zuständigkeitsbereich Nordbayern einzugewöhnen. Gleichzeitig wird der Pfarrer vertretungsweise noch für ein halbes Jahr in Berlin gebraucht. Während der Arbeit beim Bund tauscht der Pater seinen Prämonstratenser-Habit in unspektakuläre Dienstkleidung. Bild: do
Die vielfältigen Erfahrungen bei der Bundespolizei in Berlin helfen dem „Oberpfarrer Benedikt Röder“, so die offizielle Dienstbezeichnung, sich ab 1. Januar 2019 rasch als Seelsorger bei der Bundespolizei Bayreuth mit dem Zuständigkeitsbereich Nordbayern einzugewöhnen. Gleichzeitig wird der Pfarrer vertretungsweise noch für ein halbes Jahr in Berlin gebraucht. Während der Arbeit beim Bund tauscht der Pater seinen Prämonstratenser-Habit in unspektakuläre Dienstkleidung.
Schutzengel der Gesellschaft:

Nicht immer schätzt die Gesellschaft Respekt und Anerkennung für die Polizei. Zu beobachten ist die zunehmende Gewalt gegenüber Polizistinnen und Polizisten, aber auch gegenüber den Rettungskräften und der Feuerwehr. Umso wichtiger ist es, daran zu erinnern, dass die Polizei kein Selbstzweck ist, sondern die Sicherheit und die freiheitlichen Werte schützt, sagt Bundespolizei-Seelsorger Dr. Benedikt Röder. Er nennt die Beamten die Schutzengel der Gesellschaft. (do)

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