Mit dem, was Horst Seehofer diese Woche vorhat, hat er Erfahrungen. "Ich verschwinde und tauche nach ein oder zwei Tagen wieder auf", kündigte er am Wochenende im "Bild am Sonntag"-Interview zu seinem 70. Geburtstag am Donnerstag an. Abtauchen ist eine Spezialität Seehofers. Wenn er für sich sein will, zieht er sich in Ingolstadt in den Modelleisenbahn-Keller zurück - oder in ein Oberpfälzer Kloster.
Bei den Zisterzienserinnen in Waldsassen war er schon zu Exerzitien, ebenso bei den Benediktinern in Plankstetten. Und während seiner ersten Bundespolitiker-Phase schloss er sich - wenn es hart auf hart kam - manchmal für ein paar Tage in seinem Bonner und später Berliner Appartement ein und lebte, wie er gerne berichtete, von Dosen-Ravioli.
Im Kreise der Familie
Der Speiseplan der nächsten Tage dürfte reichhaltiger sein, denn seinen Ehrentag will der Ex-Ministerpräsident, Ex-CSU-Chef und aktuelle Bundesinnenminister mit der Familie begehen, mit Frau Karin und den drei gemeinsamen Kindern. Fertigkost ist da wenig angebracht. Ansonsten sagt Seehofer: Keine öffentliche Feier, keine Empfänge. Ein Feierbiest war der Politiker eh nie, eher Typ Kräutertee und Mineralwasser. Der geflügelte Satz seines CSU-Ehrenvorsitzenden-Kollegen Edmund Stoiber, er werde zur Feier des Tages "ein Gläschen Sekt aufmachen", könnte auch von Seehofer stammen.
Vielleicht findet Seehofer in der selbstgewählten Mini-Auszeit Gelegenheit, sein bewegtes Leben Revue passieren zu lassen. Immer wieder erzählte er von den einfachen Verhältnissen, in denen er im Nachkriegsdeutschland aufgewachsen sei. Der Vater Bauarbeiter, oft arbeitslos, die Mutter Hausfrau - sein Aufstieg sei ihm nicht in die Wiege gelegt worden. 2018, beim 60. Jubiläum seiner Ingolstädter Realschule, plauderte Seehofer ein wenig aus dieser Zeit. Dass er als "Lulatsch" gehänselt wurde und seine "Lausbubeneigenschaften" sehr ausgeprägt gewesen seien.
Politisch ist Seehofer seit 50 Jahren aktiv. Mit 20 trat er der Jungen Union bei. Fahrt nahm die Karriere des gelernten Kommunalverwaltungsbeamten 1980 auf, als er mit 31 Jahren in den Bundestag einzog. Es folgte der Aufstieg zum Bundesminister, Ministerpräsidenten und CSU-Vorsitzenden - ein Aufstieg mit einigen Brüchen. Legendär das Zerwürfnis 2004 mit CDU-Chefin Angela Merkel wegen der "Kopfpauschale" in der Krankenversicherung samt Rücktritt als Unions-Fraktionsvize und 2007 der gescheiterte Griff nach dem CSU-Vorsitz, nachdem die Bild-Zeitung eine außereheliche Affäre samt Tochter publik gemacht hatte. Seine existenziellste Krise durchlebte Seehofer aber 2002, als ihn eine verschleppte Herzmuskelentzündung tagelang mit dem Tod ringen ließ.
Ein "Comebacker"
Seine Qualitäten als Stehaufmännchen und "Comebacker" perfektionierte Seehofer aber erst in seiner Spätphase. Das Landtagswahldebakel der CSU von 2008 spülte ihn dann doch noch in die Chefsessel von bayerischer Staatskanzlei und CSU-Parteizentrale. Zehn zunächst erfolgreiche, dann mehr und mehr durchwachsene Jahre blieb er dort, bis er endgültig mit seiner späten Lebensmission gescheitert war: Markus Söder als Nachfolger zu verhindern - eine quälend lange Phase des Abschieds inklusive.
Mit 68 aber wollte Seehofer noch nicht in den Ruhestand und ging als Innenminister in die Neuauflage der Groko in Berlin. Anfangs noch etwas irrlichternd scheint er dort inzwischen seinen Weg gefunden zu haben. 2021 soll endgültig Schluss sein mit der Politik.
Im eingangs erwähnten Interview skizzierte er seine Pläne für danach. "Ich will Keyboard spielen und mich weiter um die Digitalisierung meiner Modelleisenbahn kümmern." Und er wolle "mal wieder beim Discounter einkaufen gehen, in einer Buchhandlung stöbern, viel in der Natur sein, Freunde treffen und endlich genug Zeit für die Familie haben". Klingt wie die Sehnsucht nach einem normalen Leben.













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