Wasserstoff-Projekt bei Liebenstein: Anwohner kritisieren Dimension

Stein bei Plößberg
10.06.2022 - 15:01 Uhr
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Bei Liebenstein sind mehrere Solarparks zur Wasserstoff-Herstellung geplant. Die Dorfgemeinschaft steht dem Projekt skeptisch gegenüber. Die Investoren informieren über den Planungsstand und die nächsten Schritte.

Matthias Ziegler, Geschäftsführer des Erdenwerks Zieger in Stein, und Josef Ziegler, Chef des benachbarten Sägewerks Ziegler, planen, Energie aus Freiflächenphotovoltaikanlagen und Windkrafträdern für die Erzeugung von grünem Wasserstoff zu nutzen. Im April vergangenen Jahres stellten die Investoren ihr Vorhaben erstmals in einer Sitzung des Marktrats vor, mittlerweile sind die Pläne weiter fortgeschritten.

Bei einer Infoveranstaltung gaben sie Auskunft über ihr Projekt. Bürgermeister Lothar Müller erklärte die Hintergründe: Die Kommune erlaubt eigentlich keine Freiflächenphotovoltaikanlagen. Aber es gibt eine Ausnahme, wenn das Vorhaben einen „innovativen Charakter“ hat, wenn etwa die Energie in einen Langzeitspeicher überführt wird. Insgesamt gestattet die Gemeinde, 40 Hektar Fläche für eine solche Bebauung zu verplanen.

Versteckte Flächen ausgesucht

„Das sind 0,54 Prozent des ganzen Gemeindegebiets“, verdeutlichte Marktrat Adalbert Zölch (CSU), der sich für das Wasserstoff-Projekt der beiden Zieglers einsetzte. Der Vorteil von Photovoltaik sei, günstige CO2-neutrale Energie zu generieren. Die Wertschöpfung bleibe in der Region. „Wir müssen unsere Flächen effizient nutzen, für die Lebensmittelherstellung und die Energiegewinnung“, sagte Zölch, der selbst Landwirt ist. Er merkte an, dass ein Kompromiss gefragt sei: „Natürlich wird das nicht jedem gefallen, aber wir sollten unseren Teil zur Energiewende beitragen.“

Der Marktratsbeschluss, 40 Hektar für PV-Anlagen mit innovativem Charakter zur Verfügung zu stellen, „war für uns das Signal, weiterzuplanen“, sagte Matthias Ziegler. Von den 40 Hektar, die die Gemeinde für Freiflächenphotovoltaikanlagen erlaubt, wollen die beiden Investoren bisher rund 25 bis 30 Hektar für ihr Wasserstoff-Projekt beanspruchen. „Es ist noch nichts in Stein gemeißelt“, erklärte Matthias Ziegler. Ihm sei bewusst, dass den Solarpark niemand vor der Haustüre haben wolle. Die Flächen seien aber so ausgesucht, dass sie versteckt liegen und an keine Wohnbebauung grenzen.

„Anlage vorm Wohnzimmer“

Derzeit favorisieren die Investoren, die das Wasserstoff-Projekt gemeinsam mit der Projektgesellschaft Südwerk realisieren wollen, Felder südlich des Bahnhofs Liebenstein im Bereich zwischen Burgruine und Vizinalbahnradweg (rund 10 Hektar) sowie am Radweg entlang Richtung Lohmeyerhof bei Schwarzenbach (10 Hektar). Die Areale würden die Zieglers bzw. Südwerk anpachten. Eventuell kommen Flächen bei Schönthan und bei Lengenfeld hinzu, informierte Matthias Ziegler. Der Trafo zur Wasserstoff-Herstellung würde auf dem Gelände des Erdenwerks stehen. Dieses Modul könnte man später noch erweitern und auch zu einer Wasserstoff-Tankstelle ausbauen.

Die Liebensteiner sehen das Projekt skeptisch. „Aber wir haben die Anlage dann mehr oder weniger vorm Wohnzimmer“, sagte eine Liebensteinerin. Ihr Feld grenze direkt an die geplante Fläche für die Bebauung an. „Die Verteilung passt nicht“, kritisierte ein anderer Anwohner. Zwei bis drei Hektar an einen Platz, wo es niemanden stört, seien kein Problem, „aber diese Dimension ist zu groß“.

Josef Ziegler, Chef des Sägewerks, sagte dazu, dass sich so ein Projekt nur rentiere, wenn große Photovoltaikanlagen auf beieinander liegenden Flächen gebaut werden. „Das ist sonst unwirtschaftlich.“ Denn von jeder PV-Anlage müssten Kabel zum Trafo-Modul gelegt werden. Je mehr zerstreute Flächen, desto mehr Kabel müssen verlegt werden, umso weniger wirtschaftlich sei das Vorhaben. Wie Manuel Zeller Bosse, Geschäftsführer der Südwerk Projektgesellschaft mbH, ausführte, würden diese Kabel in der Erde auf öffentlichen Wegen oder im Bankett von Straßen verlegt werden.

Wasserstoff-Bedarf wächst

Ein weiterer Teilnehmer wollte wissen, ob es überhaupt Abnehmer für Wasserstoff gebe. „Der Bedarf wächst“, schilderte Matthias Ziegler und verwies auf die Mobilität: So könnten künftig Lastwagen oder Autos mit Wasserstoff betrieben werden. Hier sei MAN ein Vorreiter in der Forschung. Auch der Erdenwerk-Chef könne sich vorstellen, seine Flotte umzurüsten, wenn das Projekt läuft. Ein weiterer Abnehmer könnte die Industrie sein, die Wasserstoff zur Herstellung ihrer Produkte benötigt – etwa Raffinerien oder Chemie-Unternehmen. Ziel sei, den Ertrag aus dem Solarpark komplett in Wasserstoff umzuwandeln.

Aber auch die beiden Investoren wollen nicht mit einer Riesen-Anlage anfangen, sondern mit dem Bedarf mitwachsen. „Bis 2030 wird der Bedarf so groß sein, dass sich unser Projekt zu 100 Prozent von alleine trägt“, waren die beiden Zieglers überzeugt. Zudem sollen nach Möglichkeit auch deren Betriebe mit dem grünen Strom versorgt werden, so dass möglichst wenig Energie ins Netz eingespeist wird.

Ob die Dorfgemeinschaft mit mehr Lärm- und Lichtbelästigung wegen der Wasserstoff-Produktion zu rechnen hätte, fragte eine Teilnehmerin. „Nein“, sagte Matthias Ziegler. Die Wasserstoff-Produktion passiere in einer kleinen Halle, die ohne Bedienung laufe. Beide Unternehmer hätten sich viele ähnliche Projekte angesehen. Ähnliche Anlagen in der Region gebe es in Wunsiedel, Nürnberg oder Regensburg.

Von der Größe her würden die Photovoltaik-Module etwa 2,6 Meter hoch werden. Dort, wo man den Solarpark nicht sehen soll, würde eine Hecke davor kommen. „Im Endeffekt ist es nicht höher als ein Maisfeld“, erklärte Zeller Bosse. Die PV-Anlage werde nicht direkt am Weg gebaut, sondern etwa zehn Meter davon entfernt.

Nächster Schritt Bauleitplanung

Die Anwohner hatten auch Sorgen, dass die Aussicht von der erst hergerichtete Burgruine Liebenstein, ein beliebtes Ausflugsziel, beeinträchtigt werden könnte. Von dem Aussichtspunkt würde man dann direkt auf die PV-Anlage blicken. „Ihr stellt uns eine hässliche Anlage in die Landschaft. Was haben wir davon?“, fragte eine Liebensteinerin. Der Südwerk-Geschäftsführer erklärte, dass zwei Formen der Bürgerbeteiligung angeboten würden und verwies auf einen Sparbrief oder die Bürgerfinanzierung, bei der Interessierte in ein Crowdfunding-Modell investieren.

Laut Manuel Zeller Bosse wird die Planung für das Vorhaben noch mindestens zwei Jahre dauern. „Die Anlage steht jetzt nicht bis zum Jahresende da.“ Aktuell sei es ein großes Problem, solche Anlagen überhaupt zu bekommen. „Die Hersteller können sich nicht retten vor Aufträgen.“

Der nächste Schritt für die Unternehmer ist, bei der Gemeinde einen Antrag auf Bauleitplanung für die angedachten Flächen zu stellen. Bürgermeister Lothar Müller versprach, die Argumente vom Infotreffen auch im Gemeinderat anzusprechen. „Wir werden das im Gremium genauso diskutieren wie die Beteiligten hier“, sagte er.

Liebenstein bei Plößberg07.04.2021
Hintergrund:

Das Wasserstoff-Projekt

  • Geplante Fläche: bisher mehrere Solarparks auf 25 bis 30 Hektar.
  • Weitere Flächen bei Lengenfeld oder Schönthan möglich.
  • Zum Start nur ein Modul zur
    Wasserstoff-Herstellung auf dem Gelände des Erdenwerks.
  • Ausweitung mit mehr Modulen und Bau von Wasserstoff-Tankstelle je nach Bedarf möglich.
 
 

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