29.06.2021 - 16:23 Uhr
Steinberg am SeeOberpfalz

Wie Steffi Günther ein Kind vor dem Ertrinken rettete

Steffi Günther hat ein Leben gerettet. Am Sonntag hat die Oberbayerin einen Achtjährigen aus dem Steinberger See gezogen und so vor dem Ertrinken bewahrt - der Anlass für ein Gespräch über Zivilcourage und was es heißt, eine Heldin zu sein.

Steffi Günther (links im Bild, neben ihrem sechsjährigen Sohn) fühlt sich nicht wie eine Heldin.
von Julian Seiferth Kontakt Profil

Es ist ein heißer Sonntagnachmittag am Steinberger See. Die 38-jährige Steffi Günther aus der Nähe von Schongau in Oberbayern verbringt ihr Wochenende im Oberpfälzer Seenland. Plötzlich hört sie Geräusche aus dem Wasser. Dann wird Steffi Günther Zeugin einer lebensbedrohlichen Situation: Ein Achtjähriger verliert im Wasser den Boden unter den Füßen, kann sich kaum mehr halten. "Sein Kopf verschwand immer wieder unter Wasser", erinnert sich Günther. Was der Bericht der Polizei Schwandorf später einen Badeunfall nennen wird, bedeutet im Klartext: Ohne Hilfe wäre der Junge am vergangenen Sonntagnachmittag wohl im Steinberger See ertrunken. Dass er am Leben ist, verdankt er der Urlauberin aus Oberbayern.

Die hat auch Tage später noch Probleme, das Erlebte einzuordnen. "Lebensretterin" habe ein Polizist sie im Nachgang genannt, doch Günther tut sich schwer mit der Bezeichnung. Eigentlich, sagt die 38-Jährige, war das doch selbstverständlich.

"Ich schlafe seitdem wenig"

Doch das war es am Sonntagabend scheinbar nicht: Keiner der anderen Außenstehenden habe reagiert, als sie das um Luft ringende Kind im Wasser entdeckt und gerufen habe. "Er ist immer wieder komisch abgetaucht, das sah nicht natürlich aus." Als sie sieht, dass die Brille des nur noch sporadisch auftauchenden Jungen verrutscht im Gesicht hängt, weiß Steffi Günther, dass etwas nicht stimmt.

Die 38-Jährige verliert keine Zeit: Mit Jeans und festen Schuhen am Körper springt sie ins Wasser und schwimmt auf die Kinder zu. Zu diesem Zeitpunkt ist der Achtjährige wieder unter Wasser. Günther zieht ihn nach oben, sieht dem Jungen kurz in die Augen, dann wird er scheinbar ohnmächtig. Günther, aus der die Erzählung fast herausbricht, stockt an dieser Stelle, sagt dann leise: "Ich schlafe seitdem wenig. Seinen Blick werde ich nicht mehr vergessen."

Die 38-Jährige trägt den Jungen aus dem Wasser, legt ihn am Strand ab. Ein Bekannter kehrt in diesen Sekunden vom Kiosk zurück, lässt die soeben gekauften Getränke fallen und rennt zur Wasserkante. "Wir haben dem Kleinen auf den Rücken geklopft, er hat viel Wasser gespuckt." Schließlich bringen die beiden das Kind in stabile Seitenlage. "Als er da lag und unregelmäßig nach Luft geschnappt hat, ist mir klar geworden: Er könnte jetzt in meinen Armen sterben." Auch sonst wirkt der Zustand des Jungen bedrohlich, er ist sichtlich verwirrt, kann weder beantworten, wo er her ist noch wer er ist.

"Du atmest mir nach"

Erst jetzt werden auch andere Badegäste aktiv, viele gaffen, eine Frau wählt den Notruf. Steffi Günther hält den Achtjährigen fest, redet ihm gut zu: "Ich werde sehr laut atmen und du atmest mir nach. Wir schaffen das zusammen." Irgendwann stabilisiert sich die Atmung. Die Schwester des Jungen hat inzwischen die Eltern geholt, die Mutter ist aufgelöst. Die Rettungskräfte bringen den Achtjährigen mit dem Hubschrauber nach Regensburg, wo sich sein Zustand stabilisiert. Steffi Günther und die Eltern vereinbaren, telefonisch in Kontakt zu bleiben, am Sonntagabend fährt sie mit ihrem Sohn zurück nach Oberbayern.

Am Montagnachmittag wird der Achtjährige aus dem Krankenhaus entlassen. Die Familie ruft sofort bei Günther an, das Kind meldet sich: "Hallo Steffi. Danke, dass du mich gerettet hast." "Wir haben das zusammen geschafft", entgegnet die 38-Jährige. Dann spricht noch Günthers sechsjähriger Sohn mit dem Jungen, der will ihn bei nächster Gelegenheit fest drücken. "Ich bin so stolz auf meinen Kleinen", sagt Steffi Günther über ihren Sohn, der all das aus nächster Nähe erlebt hat. "Wir haben darüber gesprochen und er kommt damit gut zurecht." Ein persönliches Treffen der Familien ist geplant - eventuell schon für das kommende Wochenende.

Die Polizeiinspektion Schwandorf will Steffi Günther nun beim Regierungsbezirk Oberpfalz für die Bayerische Rettungsmedaille vorschlagen, doch die sieht sich nicht als Heldin. "Für mich war das selbstverständlich." Sollte eine Auszeichnung kommen, werde sie die Medaille gerne annehmen, vor allem wegen der Erinnerung. "Ich werde immer wissen, dass der Kleine überlebt hat." Was Steffi Günther selber nicht sagt: Der Achtjährige verdankt ihr sein Leben.

Es gibt sie noch, die vielen Menschen mit Zivilcourage

Nabburg
Hintergrund:

Bayerische Rettungsmedaille

  • Die Bayerische Rettungsmedaille ist eine staatliche Auszeichnung für Personen, die unter Einsatz des eigenen Lebens Menschen aus Lebensgefahr gerettet haben.
  • Sie existiert seit dem 1. November 1952 und wurde vom damaligen Ministerpräsidenten Hans Ehard und dem Bayerischen Landtag gestiftet.
  • Die Medaille besteht aus Silber. Auf der Rückseite steht der fünfzeilige Schriftzug "Für opferbereiten Einsatz des eigenen Lebens".
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Kommentare

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Tanja Härtl

Für mich ist Frau Günther eine Heldin. Ohne sie wäre der Achtjährige jetzt tot. Für viele Menschen scheint es offenbar eben nicht selbstverständlich zu sein, in solch einer Situation einzugreifen. Allerdings würde mich interessieren, wo die Eltern waren.

30.06.2021