22.03.2019 - 14:16 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Anzeige wegen Ohrfeige: Was ist bei der Erziehung erlaubt?

Eine Mutter kassiert in Sulzbach-Rosenberg eine Anzeige, weil sie ihrer Tochter eine Ohrfeige verpasst hat . Denn es gilt: Erziehung ohne Gewalt. Was erlaubt ist und was nicht, erläutern Polizei und Jugendamt.

Eine Ohrfeige ist eine Straftat.
von Elisabeth Saller Kontakt Profil

Eine Mutter gibt ihrer sturzbetrunkenen 15-jährigen Tochter eine Ohrfeige. Polizisten sind Zeugen der Szene, die Mutter erhält eine Anzeige. Experten erläutern, warum es dazu kam und wo die Grenze zwischen Erziehung und Gewalt liegt.

"Manche Eltern haben in einer dramatischen Situation nicht sofort den Überblick", sagt Peter Gold vom Jugendamt Tirschenreuth. Denn sonst hätte die Frau auf die Ohrfeige verzichtet. Gewalt in der Erziehung von Kindern ist in Deutschland verboten. "Es gibt kein elterliches Züchtigungsrecht mehr", erläutert Peter Krämer, stellvertretender Leiter der Polizeiinspektion Sulzbach-Rosenberg. 2000 wurde das Gesetz reformiert. Seitdem heißt es im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB, Paragraf 1631, Absatz 2): "Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig."

Zur Vorgeschichte

Sulzbach-Rosenberg

Keine Ausnahme

Gibt ein Elternteil trotzdem eine Ohrfeige, sei das eine Körperverletzung, so Krämer. Er verweist auf das Strafgesetzbuch (Paragraf 223, Absatz 1): "Wer eine andere Person körperlich misshandelt oder an der Gesundheit schädigt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft." Egal, ob die Watschn ein Kind oder einen Erwachsenen trifft - erfährt die Polizei davon, wird ermittelt. "Dabei gibt es keine Ausnahme", sagt der Polizist. Deswegen erhielt die Mutter in Sulzbach-Rosenberg eine Anzeige.

Nun muss die Staatsanwaltschaft entscheiden, wie sie damit umgeht, ob sie zum Beispiel einen Strafbefehl erlässt, die Mutter eine Geldbuße zahlen muss. Gold vermutet, dass "bei der Anzeige nicht viel rauskommen wird" und die Staatsanwaltschaft die Sache fallen lassen wird. Denn trotz der Schmerzen auf der Backe des Kindes: "Eine Watschn ist nicht zu vergleichen mit tatsächlicher Gewalt gegen Kinder", relativiert Gold, der stellvertretender Leiter des Jugendamts Tirschenreuth ist.

Viele Fragen

Erfährt das Jugendamt von einem solchen Fall, besuchen Mitarbeiter die Eltern und das Kind. Die Berater hören sich beide Seiten an und stellen viele Fragen: "Kommt es öfter vor? War es ein Faustschlag oder eine Watschn mit der flachen Hand? Wohin wurde geschlagen?", zählt Gold auf. Ist es ein einmaliger Ausrutscher, werde den Eltern das Kind nicht weggenommen.

Die Berater geben auch Tipps für Erziehung ohne Gewalt: "Eine Woche Handyverbot. Das ist viel schlimmer für Jugendliche als eine Watschn", berichtet der stellvertretende Leiter des Jugendamts. Hausarrest oder Fernsehverbot wirken heutzutage nicht mehr so sehr. "Hausarrest ist grundsätzlich eine Freiheitsberaubung", gibt der Polizist zu bedenken. Kinder, die damit bestraft werden, könnten ihre Eltern anzeigen. "Aber normalerweise erfährt das die Polizei nicht", sagt der Polizeibeamte. Der Fall in Sulzbach-Rosenberg sei die "absolute Ausnahme". Weitere Tipps der Polizei für legale Strafen: Taschengeld streichen, Spielekonsole einkassieren, W-Lan abschalten. "Es gibt schon fiese Strafen, aber alles mit Bedacht anwenden", rät Krämer. Auch ein Gespräch könne helfen.

Gold hat noch einen Tipp: Die Mitarbeiter der Jugendämter bieten ambulante Hilfe an, wenn Eltern feststellen: "Ich komm einfach nicht mehr mit meinem Kind zurecht. Das macht, was es will."

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Kommentare

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T. Ruth

Na, da kann ich ja im Nachhinein noch so richtig froh sein, dass ich in einem derart gewaltfreien Umfeld aufwachsen durfte!
Mir wurde lediglich bei etwas patzigen Antworten, zu "schlagfertigen" Bemerkungen oder schlechten Noten (ab "3") Heim- oder Internatsunterbringung in Aussicht gestellt und dann wurde ich bis zu zwei Wochen mit eiskaltem Schweigen, Nicht- bzw. Verachtung bestraft, da meine Mutter einfach die Zeit brauchte, um sich von den von mir zugefügten Leiden erholen zu können.
Ich war damals allen neidisch, die eine Watschn bekamen und danach wars auch wieder gut.

23.03.2019