19.06.2020 - 14:20 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Brieftauben wieder auf der Heimreise

Diesen Artikel lesen Sie mit
Was ist OnetzPlus?

Brieftauben haben in Deutschland zu Boomzeiten mehr als Hunderttausend Züchter begeistert. Die Schar der Anhänger ist zwar kleiner geworden, aber es gibt sie noch, auch im Amberg-Sulzbacher Land.

So sieht es aus, wenn die Boxen des Kabi geöffnet werden und Tausende Brieftauben zum Heimflug starten.
von Helga KammProfil

"Alles ist anders diesmal", sagt Ludwig Maul, "auch wir Brieftaubenzüchter müssen uns wegen Covid-19 streng an Regeln halten". Zusammen mit Mitgliedern seiner Reisevereinigung Sulzbach-Rosenberg überwacht er als Vorsitzender den Einsatz von rund 600 gefiederten Sportlern im Vereinsgelände am Annabergweg 2. Es ist der dritte Flug in diesem Jahr, nachdem die Saison erst zwei Wochen später als sonst beginnen durfte. "Der Verband hat Anfang März bundesweit ein Trainings- und Flugverbot ausgesprochen", erklärt Co-Vorsitzender Alfred Heinz die Verspätung, "wir können aber die Distanzflüge um eine Woche verlängern".

Es ist 19 Uhr. Ein vielstimmiges Gurren kommt aus den Transportkörben, in denen nach und nach die Züchter ihre Tauben bringen. Vögel, wie die männlichen Tiere genannt werden, und Weibchen verschiedener Rassen trippeln und nicken darin: Fahle, Schimmel, Gehämmerte und vor allem Blaue. Die Züchter haben strenge Hygienevorgaben zu beachten, müssen Hände desinfizieren, Handschuhe anziehen, sich in Listen eintragen, untereinander den Mindestabstand von eineinhalb Metern einhalten, natürlich Schutzmasken tragen. Diese Vorschriften gelten ganz besonders für die Männer, die für das Einsetzten der Tauben zuständig sind.

Viel Elektronik dabei

Um 19.30 Uhr bringt wieder ein Züchter Boxen mit seinen Tieren. Vereinsmitglied Thomas Otremba steht bereit. Einen Vogel nach dem anderen nimmt er mit geübter Hand aus dem Korb, führt vorsichtig ein beringtes Füßchen an die Antenne, an die das Terminal des Züchters angeschlossen ist. Der Ring der Taube wird gelesen, im Terminal abgespeichert und als "eingesetzt" markiert. Gleichzeitig wirft der Zufallsgenerator am Ring eine Pin-Nummer aus, die ebenfalls im Terminal abgespeichert wird. "Ganz schön viel Elektronik", erklärt Thomas Otremba das aufwändige Verfahren, "aber so kann jeder Betrug ausgeschlossen werden. Immerhin geht es oft um viel Geld". Ein per Computer verfasstes Zuordnungsprotokoll bestätigt dem Züchter den ordnungsgemäßen Einsatz seine gefiederten Sportler.

Gegen 20 Uhr sind die meisten Brieftauben registriert. Konstantin Luncaso, der zweite Mann beim Arbeitseinsatz, hat jede einzelne aus der Hand seines Kollegen Otremba übernommen und vorsichtig in eine der Transportboxen gesetzt. Darin geht es lebhaft zu. 23 Vögel und Weibchen sind in jeder Box, insgesamt 900 Tiere, von 24 Züchtern aus Sulzbach-Rosenberg und Amberg. Die wenigen Vereinsmitglieder, die noch vor Ort sind, warten auf den Transportwagen, der ihre gefiederten Sportler nach Kaiserslautern bringen wird. Dieser Kabinenexpress, kurz Kabi genannt, ist nach den Bedürfnissen der Tauben ausgerichtet und hat einen Spezialaufbau mit ausziehbaren Wechselboxen. "Wir haben ihn als Transportgemeinschaft KV 117 angeschafft, das sind Sulzbach, Amberg, Hirschau und Nabburg", erklärt Ludwig Maul die teure Investition.

Wasser ist die Hauptsache

Der Kabi kommt nach 21 Uhr. Er muss drei Einsatzstellen anfahren, nach Schlicht und Lintach ist Sulzbach-Rosenberg das Schlusslicht. Schnell sind die Boxen verladen, in denen die Reisetauben vorher noch getränkt wurden. "Die beiden sind Profis", beschreibt Ludwig Maul die Fahrer des Kabi, Walter Bertelshofer und Michael Pirzer. "Sie fahren seit Jahrzehnten, haben ein Gefühl für die Tauben und ihr Benehmen". Noch einmal werden die Vögel getränkt, die Wassertanks des Kabi gefüllt, dann geht es auf die Reise zum Auflassort.

Nicht vor sieben Uhr

Es wird bereits weit nach Mitternacht sein, wenn der Kabi mit seinen Passagieren in Kaiserslautern ankommt. Wieder bekommen die Tauben zu trinken, auf Futter müssen sie verzichten. Aufgelassen kann nur werden, wenn die Bedingungen allen Anforderungen entsprechen. Um dies zu gewährleisten, werden ausgebildete Flugleiter sowie professionelle Wetterdienste eingesetzt. Dabei geht es um Sonnenauf- und Untergang, Inversion, Weitsicht, Bewölkung, Strecken- und Wetterverlauf. Sind alle Werte in Ordnung, entscheidet der Flugleiter, wann gestartet wird.

"Auf jeden Fall nicht früher als sieben Uhr", weiß Ludwig Maul. "Dann kommt der große Moment: Die Boxen öffnen sich, und 3657 Tauben starten, fliegen hinauf in den Morgenhimmel". Für ihn und seine Züchter-Freunde ist dies Spannung pur. Sie fiebern mit zu Hause, schauen aufs Wetter, auf die Uhr. Mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 80 km/h brauchen die Brieftauben etwa dreieinhalb Stunden für ihren Heimflug. Die Ankunftszeiten im heimatlichen Taubenschlag werden mit einem elektronischen Konstatiersystem registriert, die Daten zur Erstellung der Ergebnisliste an ein Rechenzentrum übergeben.

"Natürlich ist es wichtig, wann sie kommen", sagt Züchter Maul, "aber vor allen, dass alle kommen". Und darauf hoffen sie, die Männer, die ihre gefiederten Freunde an diesem Abend auf die Reise geschickt haben.

Sulzbach-Rosenberg
Info:

Hintergrund

Ein besonderer Reiz am Hobby „Brieftauben“ sind die Distanzflüge, die zwischen April und September stattfinden. Brieftauben besitzen von Natur aus eine erstklassige Orientierungsfähigkeit und ein gutes Heimfindevermögen. Durch tierschutzrechtlich einwandfreie Trainings werden diese Fähigkeiten weiter ausgebaut. Sie können Distanzen von mehreren hundert Kilometern in einer Geschwindigkeit von bis zu 120 km/h zurücklegen.

Für Sie empfohlen

 

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.