20.05.2020 - 11:02 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Elterntalk offenbart: Familien sind im Freizeitstress

Diesen Artikel lesen Sie mit
Was ist OnetzPlus?

Familie, Berufsleben, meine eigenen Interessen - gar nicht leicht zu vereinbaren. Anita Kinscher vom Projekt "Elterntalk" hat Eltern aus vier Familien über ihr Familienkonzept interviewt.

Angela und Stefan Thar erzählen im Gespräch mit Anita Kinscher von ihren familiären Strategien und Erfahrungen.
von Joachim Gebhardt Kontakt Profil

Den Auftakt macht Familie Thar. Sie hat vier Kinder zwischen 4 und 13, drei Jungs und ein Mädchen. Stefan Thar geht arbeiten, seine Frau Angela arbeitet halbtags. Anita Kinscher befragte beide.

ONETZ: Was ist eurer Meinung nach die größte Herausforderung für Eltern von heute? Was ist für euch die größte Herausforderung?

Angela Thar: Die größte Herausforderung ist dieses "Werte-Vakuum", man hat keine klare Ausrichtung mehr. Früher war das irgendwie klar - gut, böse, so geht das, so geht das nicht. Und heute, das ist ja eine sehr gute Entwicklung, dass wir die Freiheit haben, das alles selber zu gestalten. Aber dann ist man natürlich genau mit diesen Werten konfrontiert: Eine Frau muss möglichst Vollzeit arbeiten, die perfekte Mutter sein, das Förderprogramm der Kinder nebenbei am Laufen halten. Und da muss man unbedingt selber seine Position finden und sagen: Okay, das ist mein Wert, das finde ich schwierig, weil du dich immer wieder neu positionieren musst.

ONETZ: Wie ist es bei dir?

Stefan Thar: Drei Jungs und drei verschiedene Fußballvereine, wobei das hauptsächlich meine Frau organisiert. Die Logistik vom normalen Berufsalltag und dann noch jedes Kind überall hinfahren, und eigentlich willst du es ja auch keinem verwehren. Am Ende bist du nur das Fuhrunternehmen, alle hinzufahren und einzusammeln. Das ist schon 'ne krasse Logistik. Also wir streiten eigentlich meist nur wegen dem Auto. (lacht)

ONETZ: Die Möglichkeiten, Kinder zu fördern, waren nie vielfältiger. Wie viel Förderung ist gesund – fürs Kind und den Familienfrieden?

Angela Thar:: Ich glaube, generell ist weniger mehr. Aber unsere Kinder haben den totalen Freizeitstress und ich dadurch auch. Gerade gestern hatten wir das im Gespräch. Auch wenn du dich selbst frei machen willst von dieser leistungsorientierten Gesellschaft, dann sehen die Kinder in der Schule, dass es andere hinbekommen. Sie fahren ihre Kinder nach Amberg und dann kommen die Kinder und vergleichen. "Dem seine Mama fährt aber nach Amberg." Es ist schwierig. Ich sehe halt, man hat tatsächlich keine Zeit mehr. Wir sind alle erschöpft. Wenn Ferien kommen, sind wir alle total froh, dass dieses Freizeitprogramm mal ausfällt. Das kann ja auch nicht Sinn der Sache sein.

Mehr zum Thema Familie in Krisenzeiten

Deutschland & Welt

ONETZ: Was hat Dich als (berufstätige) Mutter all die Jahre davor bewahrt, selbst auf der Strecke zu bleiben?

Angela Thar:: Ich gestehe mir jetzt langsam zu, darüber nachzudenken etwas zu tun, was keinen "Sinn" hat, sondern einfach nur mir gut tut. Ich war bisher total von dieser leistungsorientierten Gesellschaft geprägt und habe mir in den letzten 13 Jahren nicht zugestanden, etwas für mich zu tun. Klar, ich habe mich weitergebildet und Seminare besucht, und das war auch toll, aber jetzt mache ich etwas für mich. Ich denke darüber nach, einen Tanzkurs zu machen oder einfach mal eine Woche weg zu fahren.

ONETZ: Und beim Vater?

Stefan Thar:: Da ich selbstständig bin, kann ich mir die Zeiten relativ gut einteilen. Das ist ein wenig leichter, und eigentlich macht meine Frau den schwierigeren Job. Wenn ich auf einer Baustelle bin, kann ich mich entwickeln und habe mein tolles Personal, das meine Ideen umsetzt. Und meine Frau hat die ganze Kinderbande zu Hause und muss die in der Spur halten. Ich gebe zu, wenn ich die Kids zwei Tage alleine habe, bin ich kaputter, als wenn ich auf der Baustelle bin.

ONETZ: Welches Motto passt am besten zu Dir und Deiner Erziehung?

Angela Thar:: Wir fragen uns zwischendurch immer wieder, ob wir den Kindern das Gefühl geben, dass wir sie um ihrer selbst willen lieben. Macht er das nur, weil ich es toll finde, oder weil er es wirklich mag? Kinder wollen ja geliebt und anerkannt werden. Wenn sie lernen, uns gefallen zu müssen, das ist das ja fürs ganze Leben verankert. Man muss also immer wieder innehalten und reflektieren. Uns unserer Position bewusst sein.

ONETZ: Was sagt der Papa?

Stefan Thar: : Mir ist vor allem die Selbstverantwortung der Kinder sehr wichtig. Ich möchte sie nicht zu sehr "bemuttern", ich versuche dann nämlich - und sei es auch nur ein- oder zweimal im Jahr - sie aus ihrer Komfortzone zu holen, und ab in die Wildnis, das ist mein Anspruch. Ich bin dann total stolz, der 12-Jährige kommt nach Hause, das Essen schmeckt ihm nicht, na dann macht er sich halt selber ein paar Nudeln. Das finde ich klasse!

ONETZ: Was bringt dich auf die Palme? Welche Situation war bisher der Höhepunkt?

Angela Thar:: Oh, die Geschichte im Europa-Park. Mein Mann, so voll selbstverantwortlich, schiebt die Kinder in die Schwebebahn rein. Bis wir uns sortiert hatten, gehen die Türen zu, zwei Kinder schon in der Bahn, wir noch draußen und die Bahn fährt los. Ich sehe den Gesichtsausdruck meines Kindes heute noch. Es ist aber natürlich gut ausgegangen, wir haben oben angerufen und die Kinder wurden sofort vom Personal oben in Empfang genommen. (lacht) Aber jeder weiß: Schlimmer geht immer.

ONETZ: Da hat Stefan sicher auch etwas erlebt?

Stefan Thar:: Da fällt mir auch noch was ein. Unser Sohn hat sich auch mal einen Generalschlüssel meiner Arbeit gemopst, und weg war er. Wir hatten alles versucht, aber gefunden hatte ihn keiner. Nach etlichen Wochen ist er dann in den Winterschuhen wieder aufgetaucht. Das war was ... Anita Kinschers Fazit: Es ist egal, wie unterschiedlich das Familienmodell ist, egal wie viele Kinder man hat oder wie und wo man lebt. In den meisten Familien sind die Probleme sehr ähnlich, und mit Kindern erlebt man oft auch außergewöhnliche Situationen. Mit Humor und Spaß kann es einem besser gelingen, damit umzugehen, doch das funktioniert natürlich nicht immer. Im Gespräch kann vieles gut verarbeitet werden, man bekommt gute Tipps und ist dankbar über die Sichtweise der anderen.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.