27.12.2019 - 14:22 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Frauen haben hier mehr Rechte: Bruders Hemd und der Heiratswunsch

Emotionale Rollenspiele bringen unterschiedliche kulturelle Denkweisen auf den Punkt: Geschlechterverständnis oder Zugang zur Religion. Das Quartett des Mansour-Projekts (Berlin) überzeugt mit Workshop und Dialog auf Augenhöhe.

Die jugendlichen Teilnehmer an diesem Workshop am BSZ stellten der „Re Think-Gruppe“ mit Yilmaz Atmaca ( zweiter von links ), Naila Chikhi und Henna Tahir zahlreiche Fragen.
von Wolfgang LorenzProfil

bba) Die Aufgaben in einer Familie sind strukturiert - hat die Tochter die Hemden des älteren Bruders zu bügeln oder ist er dafür selbstverantwortlich? Eine andere muslimische Tochter will heiraten, sie hat aber einen deutschen Freund: Wie gehen Eltern oder auch Verwandte mit dieser Situation um? Zwei emotionale szenische Anspiele durch den 49-jährigen Theaterpädagogen Yilmaz Atmaca sowie die beiden Psychologinnen Naila Chikhi und Henna Tahir lieferten die Basis für einen außergewöhnlichen Projekttag im Beruflichen Schulzentrum (BSZ).

Das Trio wurde noch von Gürcan Kökgiran bereichert, der als Beobachter tätig war und künftig dieses ganz besondere Projekt koordinieren soll. Unter dem Motto "Re think" wurden den jungen Leuten - in der Regel unbegleitete junge Flüchtlinge - Denkanstöße gegeben, ihre Werte, Einstellungen und Meinungen zu Themen wie Islamverständnis, Gleichberechtigung oder Männlichkeit kritisch zu hinterfragen. Im ersten Anspiel bringt die Mutter die Hemden des älteren Bruders, die jüngere Schwester möge sie bügeln.

Fragen wie "Warum macht der Bruder das nicht selbst? Wie viel körperliche Arbeit hat die Frau zu machen? Warum können diese Aufgaben nicht innerhalb der Familie aufgeteilt werden?" wurden von den Moderatoren gestellt. "Für Frauen werde viel getan, dennoch leben wir in einer Gesellschaft, in der Männer mehr Rechte oder auch mehr Geld haben!" diagnostizierte Yilmaz Atmaca. "Vorher durften nur die Frauen zu Hause bleiben, jetzt gibt es auch eine Elternzeit für Männer", so der Theaterpädagoge.

"Frauen können ihr Leben auch immer mehr selbst gestalten, aber je nach Kultur und Religion sorgen gerade junge starke Frauen für Irritationen." Naila Chikhi ergänzte, dass während des Krieges irakische Frauen ausgebildet worden seien, da die Männer im Kriegseinsatz gewesen seien. "Und diese Frauen haben einen wertvollen Beitrag geleistet, das Land aufrecht zu erhalten", so die Psychologin.

Die Protagonisten beleuchteten weitere wichtige Faktoren und lebenskulturelle Erfahrungen, aber auch Problemfelder wie eine ins Auge gefasste Trennung, die wegen finanzieller Abhängigkeit gar nicht möglich sei. Eine Frau könnte dann nicht arbeiten gehen und somit auch keine Miete bezahlen.

"Ich fühle mich wohl, wenn eine Frau stark ist", erklärte Yilmaz Armaca. "Natürlich sind wir Männer, aber keine Götter. Jede Beziehung und jede Begegnung gebe dem Anderen etwas mit, eine sehr gute Beziehung fußt auf einem sehr guten Zusammenspiel."

Beim nächsten szenischen Spiel überraschte die Tochter ihre Mutter mit Heiratsplänen. Die Mutter scheint konsterniert und bittet ihr Kind, diese Gedanken selbst dem Vater zu offenbaren. Der spielt entsetzt, weil der geplante Schwiegersohn ein Deutscher und kein Muslime sei. Die Argumente der Tochter, des gegenseitiges voneinander Lernens prallen beim Vater ab, der sauer auf die Ehre der Familie hinweist und dem Wunsch nicht zustimmt.

Bei der sehr regen Diskussion wurden vor allem das Familien- und das Glaubensverständnis hinterfragt. Dabei wurde auch bedauert, dass in manchen Ländern die Frage der Religion zu einer Privatsache verkümmert ist. Die Projektleiter, Bettina Bauer und Wolfi Lorenz, freuten sich über einen gelungenen und integrativen Tag. Ihr Dank galt neben den Akteuren dem "Sponsor" Sozialministerium und der Hauswirtschaftsklasse 10 für den kulinarischen Rahmen.

 

 

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