02.08.2019 - 17:06 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Granaten fliegen zum Feuerhof

Der Neubau der Stadtgärtnerei gehört zur gedeihlichen Entwicklung der Kommune. So jedenfalls war aus dem Rathaus zu vernehmen. Das Projekt schreitet zügig voran, aber vor dem Start musste bei der US-Luftwaffe nachgefragt werden.

Im hinterlegten aktuellen Luftbild aus dem von der Stadt angeforderten Gutachten werden die von amerikanischer Artillerie bei der Einnahme Sulzbach-Rosenbergs am 21. April 1945 beschossenen Bereiche sowie die gesprengte Eisenbahnbrücke in der Nürnberger Straße schematisch dargestellt. Das Auswertungsgebiet, in dem die Stadtgärtnerei liegt, ist blau umrandet.
von Andreas Royer Kontakt Profil

Seit Februar laufen die Baumaschinen am Erlheimer Weg für das 2,8-Millionen-Euro-Projekt. Mittlerweile sind das Dach gedeckt, Fenster und Türen gesetzt, nun folgen die Haustechnikgewerke mit Elektro, Sanitär, Heizung und Lüftung.

Beim Rundgang mit Bürgermeister Michael Göth und Oberbauleiter Markus Hofmann verwies Architekt Martin Kunert vor allem auf die Holzrahmenbauweise mit Zellulosedämmung. "Fahrzeughallen, Büro- und Sozialräume sowie der Sanitärtrakt werden nach neuesten Erkenntnissen gebaut und gestaltet. Dadurch soll möglichst effizientes Arbeiten der Stadtgärtner ermöglicht werden. Die vorbildliche Umsetzung des Projekts kann für andere Kommunen als Musterbeispiel dienen", sagt Kunert.

Wie Markus Hofmann erläuterte, liefen auf dem Areal - wie bei solchen Projekten mit Gründung im Boden von den Baufirmen verlangt - Untersuchungen nach Bomben oder Granaten aus dem Zweiten Weltkrieg (Historische Kampfmittel-Voruntersuchung). "Die Analyse einer Fachstelle führte nach Auswertung von Unterlagen und Luftbildern der Alliierten zu dem Ergebnis, das Sulzbach-Rosenberg im Zweiten Weltkrieg kein Ziel strategischer Luftangriffe, aber gegen Kriegsende von insgesamt sechs taktischen Luftschlägen und Artilleriebeschuss betroffen war." Deshalb könne eine Kampfmittelbelastung möglich sein.

Bomben und Bordwaffen

Laut Datenanalyse beschossen Jagdbomber am 31. März 1945 einen Munitionszug etwa zwei Kilometer südöstlich des Auswertungsgebiets, woraus keine Gefährdung für das Baugebiet abzuleiten sei. Zwischen 1. und 11. April 1945 sei es zu weitern Tieffliegerangriffen mit Bordwaffenbeschuss und Bombenabwürfen auf Züge und Fahrzeuge in der Umgebung gekommen. Von den eingesetzten Flugzeugen Republic P-47 Thunderbolt leitet die Analyse keine Gefährdung für den Erlheimer Weg ab.

Die beiden letzten Luftschläge datieren auf den 14. und 15. April 1945. Hierbei wurden insgesamt 32 Brand-, Spreng- und Splitterbomben über dem Stadtgebiet abgeworfen. Das Auswertungsgebiet selbst sei aber nicht von den Abwürfen betroffen gewesen. Wie Markus Hofmann ergänzte, stützt sich das Gutachten auf 20 Luftaufnahmen vom 16. Februar 1945 bis 22. Juli 1945, zwei aus dem Jahr 1947 sowie schriftliche Quellen.

Den Unterlagen des Gutachtens der Luftbilddatenbank Dr. Carls GmbH aus Estenfeld sei weiter zu entnehmen, dass am 21. April 1945 die Eisenbahnbrücke über der Nürnberger Straße (400 Meter südwestlich des Untersuchungsgebietes) durch deutsche Einheiten gesprengt wurde. Am selben Tag rückten amerikanische Einheiten aus nördlicher, westlicher und südlicher Richtung auf Sulzbach-Rosenberg vor. Im Zuge dessen wurde zunächst ein deutsche Geschützstellung in Feuerhof (1 Kilometer nördlich) mit Artillerie beschossen. Im weiteren Verlauf des Vormarsches kam es am 22. April 1945 zu Beschuss einer Stellung am Annaberg (1,3 Kilometer östlich) sowie der Innenstadt (südlich angrenzend), wodurch etwa 20 Gebäude beschädigt oder zerstört wurden.

Kampflose Einnahme

Am selben Tag wurde Sulzbach-Rosenberg ohne weitere dokumentierte Kampfhandlungen durch das 5th Infantry Regiment der 71st US Infantry Division eingenommen. Das Auswertungsgebiet sei vom beschriebenen Beschuss betroffen gewesen. Die Gutachter kommen zur Erkenntnis, dass es über dem Gebiet der heutigen Stadtgärtnerei keine Bombenabwürfe gab. Auch die Sprengung der Brücke ergab keine Gefährdung. Zu Artillerieeinschlägen könne es aber bei den Bodenkämpfen gekommen sein. Im gesamten Areal müsse daher mit blindgegangenen Artilleriegranaten gerechnet werden.

"Die Gutachter empfahlen uns daher eine weitere Erkundung durch einen Fachplaner. Von der Kampfmittelbeseitigung Tauber wurde nach verschiedenen negativen Sondenuntersuchungen in verschiedenen Tiefen die Freigabe des Baugeländes erteilt. Bomben oder Granaten-Blindgänger fanden die Experten nicht", fasst Hofmann zusammen.

Der Neubau der Stadtgärtnerei machte auf dem Gelände auch eine Untersuchung nach Bodendenkmälern notwendig.
Info:

Frühe Siedlungen am Erlbach

Zu den umfangreichen Voruntersuchungen im Vorfeld des Neubaues der Stadtgärtnerei gehörte auch eine historische Bewertung des Geländes durch Archäologen Dr. Mathias Hensch. Da das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege auf mögliche Bodendenkmäler in diesem Areal hinwies, beauftragte die Stadt den Experten mit der Überprüfung des Geländes.

Wie vom Bauamt zu erfahren war, wurden im Jahr 2004 in der Baugrube für das benachbarte Seniorenheim Siedlungsspuren des 8./9. Jahrhunderts festgestellt. Die jüngsten Untersuchungen sollten weitere Erkenntnisse bringen. So fanden sich bei "Bagger-Sondierungen" Holzkohleteile aus der frühen Mittelsteinzeit (8779 bis 8631 v. Chr.). Die Gesamtsituation aller Gegebenheiten und Funde, spreche laut Hensch dafür, dass der Bereich zu einer Wegeverbindung gehört, die im Spätmittelalter Teil der "Goldenen Straße" war.

Der Archäologe stieß auf mächtige Lehmablagerungen des Erlbachs, im südlichen Bereich fanden sich am Erlheimer Weg Anhaltspunkte für extreme Hochwasser im Spätmittelalter und der früheren Neuzeit. Zudem kamen weitere Siedlungsanzeiger wie Holzkohle, verziegelter Lehm, Keramik und vereinzelt Tierknochen zutage. Die Datierung der Holzkohle ergab ein Alter zwischen 1280 bis 1326 n. Chr. und 1343 bis 1394 n. Chr.

"Die mächtigen Lehmablagerungen am Erlbach, die wir nun mit guten Gründen in das 14. bis 17. Jahrhundert datieren können, geben deutliche Anhaltspunkte für einen Zusammenhang zwischen Klimaverschlechterung und Hochwasserereignissen in diesem Zeitraum. Ein solcher historischer Kontext ist also aktueller denn je", so der Archäologe.

Architekt Martin Kunert (rechts) und Oberbauleiter Markus Hofmann vom Stadtbauamt stellen Bürgermeister Michael Göth die funktionale Bauweise der Garagen für die Fahrzeuge der Stadtgärtnerei vor.
Dieser Bereich des Gärtnerei-Daches wird mit Pflanzen begrünt.
Info:

Neubau der Stadtgärtnerei - Daten und Fakten

Baubeginn: 4. Februar 2019

Aktueller Stand: Dach gedeckt, Fenster, Türen gesetzt, Rohinstallation der Haustechnik läuft

Fahrzeughalle: Nutzbar für Winterdienst-Fahrzeuge ab November (geplant)

Fertigstellung: Etwa Mai 2020

Baukosten: 2,8 Millionen Euro

Nettogrundfläche (alle Räume): 1057 m2

Fahrzeughallen und Technik: 750 m2

Büro-, Verwaltungs- und Sozialräume: 332 m2

Baukonstruktion: Holzrahmenbauweise mit Zellulosedämmung; Flachdach mit Holzbalkendecke und Dachbegrünung; Hallen: Sichtbeton, Sektionaltore, tausalzbeständiger Bodenbelag, Entwässerungsrinnen.

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