16.07.2018 - 17:09 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Grillkohle und Elektroschrott

Im Hof des Fraunhofer-Instituts Umsicht in Sulzbach-Rosenberg steht ein Container, der das Recycling von Elektronikschrott revolutionieren soll.

Dieser Salat wächst auf Bierkohle statt Blumenerde.

(gac) 130 hochkarätige Gäste aus dem In- und Ausland hieß Professor Andreas Hornung, Leiter des Fraunhofer-Instituts Umsicht, zum Sommersymposium willkommen. Im Zentrum standen Pyrolyseverfahren zur Aufarbeitung von Abfällen und Reststoffen.

Professor Matthias Franke, stellvertretender Leiter des Instituts, stellte das Recycling von Leiterplatten vor. Das Problem, erläuterte er, liegt darin, wie man die Kunststoffe und die Vielzahl von Metallen voneinander trennen kann. Derzeit gelingt das nur sehr ungenügend, und deshalb ist die Recyclingquote gerade bei den höchst wertvollen "seltenen Erden" geringer als ein Prozent. Um sicherzustellen, dass keine giftigen Stoffe in die Umwelt gelangen, werden die zerkleinerten Leiterplatten in speziellen Anlagen verbrannt. Kostenpunkt: 110 Euro pro Tonne, die der Verbraucher beim Kauf von Mobiltelefonen, Computern und anderen elektronischen Geräten bezahlen muss. Dabei enthält dieser Müll noch bis zu 20 Prozent Metalle, darunter allein in Deutschland Gold im Wert von acht Millionen Euro pro Jahr.

Und hier greift das Pyrolyse-Verfahren von Umsicht an: Durch schnelle Erhitzung unter Luftabschluss zersetzt sich der Kunststoff ohne Bildung giftiger Zwischenprodukte in gasförmige, flüssige und feste Bestandteile. Das Gas wird für den Betrieb der Anlage verwendet, die so keine zusätzliche Energie benötigt. Und aus dem Öl können die Fraunhofer-Leute einen Kraftstoff herstellen, der die gleiche Qualität hat wie der aus der Tankstelle.

Der Clou ist aber der feste Anteil: Er besteht zum größten Teil aus einer Art Kohle, enthält aber alle metallischen Anteile der ursprünglichen Leiterplatte. Dieser Pyrolyse-Koks wird für über 1000 Euro pro Tonne von Metallhütten aufgekauft. Dort werden die darin enthaltenen Metalle mit den üblichen Verfahren getrennt und aufbereitet. Anstelle der kostenpflichtigen Verbrennung kann ein Entsorger so über 200 Euro pro Tonne verdienen, nach Abzug der Betriebskosten des Systems.

Die Besucher konnten eine mobile Versuchsanlage besichtigen, die 70 Kilogramm Elektronikschrott pro Stunde verarbeiten kann. Das wäre für einen mittelständischen Entsorgungsbetrieb schon ausreichend. Die Anlage erfüllt alle Sicherheits- und Umweltauflagen für einen kommerziellen Betrieb. Mit dem gleichen Verfahren können auch ausgediente Solarzellen, Flugzeugrümpfe oder Flügel von Windkraftanlagen verarbeitet und die darin enthaltenen Wertstoffe wieder zurückgewonnen werden.

Wenn man Abfälle der Lebensmittelherstellung wie Biertreber in der Pyrolyse verarbeitet, entsteht daraus eine Aktivkohle, die als Filtermaterial oder Blumenerde genutzt werden kann. Sogar als Grillkohle sei sie verwendbar, erläuterten die Experten. Vielleicht werden also schon in naher Zukunft Brauereien nicht mehr nur Bier, sondern auch Bierkohle verkaufen, auf der man dann die Würstchen zum Bier grillen kann.

In dieser Anlage wird Elektroschrott zu Wertstoff: Aus Müll entsteht ein Rohstoff für die Metallhütte.

Prof. Dr. Andreas Hornung eröffnete das Symposium mit Gästen von nah und fern.

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