23.08.2020 - 09:31 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Heimlich Alkohol für den nervösen Domkapellmeister Georg Ratzinger

Die Regensburger Domspatzen kamen 1980 für ein Kirchenkonzert nach Sulzbach-Rosenberg. Doch Chorleiter Georg Ratzinger war vor dem Auftritt nervös. Pfarrgemeinderat Klaus Kreil besorgte dem späteren Papst-Bruder heimlich Alkohol.

Das Foto zeigt Georg Ratzinger 1978 in Schirmitz, als er die Regensburger Domspatzen bei einem Adventskonzert vor über 600 Besuchern dirigierte. Nur zwei Jahre später trat der jüngst verstorbene Domkapellmeister mit dem Knabenchor auch in der Stadtpfarrkirche St. Marien in Sulzbach-Rosenberg auf – und hatte mit seiner Nervosität zu kämpfen.
von Tobias Gräf Kontakt Profil

Stadtpfarrer Georg Dobmeier wusste über die persönliche Geschichte von Klaus Kreil genau Bescheid: Der damalige Pfarrgemeinderat von St. Marien war von 1954 bis 1958 stolzes Mitglied bei den Regensburger Domspatzen. Diese Beziehungen machte sich Pfarrer Dobmeier im Jahr 1980 zunutze. "Er hat mich gebeten, ob ich nicht mal die Domspatzen für ein Kirchenkonzert nach Sulzbach-Rosenberg holen könnte", berichtet der 79-Jährige.

Dem heute vor allem als "ältesten Handballtrainer" der Stadt bekannte Kreil gelang es tatsächlich, den weltberühmten Knabenchor für einen Auftritt in die Stadtpfarrkirche St. Marien zu holen. Mit einem Bus reisten rund 30 Knaben und 10 erwachsene Chorsänger unter der Leitung von Domkapellmeister Georg Ratzinger in die Herzogstadt. "Die Leute haben Eintritt bezahlt, die ganze Kirche war ausverkauft. Um 20 Uhr sollte es losgehen", erinnert sich der pensionierte Rektor der Krötenseeschule an das Ereignis von vor genau 40 Jahren.

Bier beruhigt Ratzinger

Nach der Ankunft der Domspatzen versammelten sich die Chormitglieder im Altarraum zum Einsingen. Danach war "Silencio", erinnert sich Kreil. "30 Minuten vor jedem Auftritt war Ruhe, um sich zu sammeln." Was dann passierte, treibt Kreil bis heute ein breites Grinsen ins Gesicht: "Einer der älteren Domspatzen ist zu mir gekommen und sagte, dass der Ratzinger normalerweise vor jedem Auftritt eine Halbe trinkt. Das würde ihn beruhigen." Doch der Domspatz befürchtete: "Aber Bier trinken hier in der Kirche, das geht ja nicht." Daraufhin kam Klaus Kreil ins Überlegen und entgegnete dem verdutzten Chormitglied kurzerhand: "Doch, bei uns schon."

Eine Halbe in der Sakristei

Kreil ruft einen anderen Pfarrgemeinderat zu sich und schickt ihn zur Brauerei Fuchsbeck, die gleich ums Eck liegt. "Der ist zu Fuß runter gerannt und hat ein Seidl Bier geholt. Mit Krug und Untersetzer, so, wie sich das gehört." Weil man Ratzinger die Halbe tatsächlich nicht im Kirchenraum einschenken kann, will der kleine Kreis an Eingeweihten den Domkapellmeister in der Sakristei überraschen. "Ich hab' den Mesner Otto Scherupp eingeweiht und gefragt, wie wir das möglichst unauffällig machen können", sagt Kreil. Scherupp ist sofort dabei. Der Mesner geht zum Schrank mit den Messgewändern und öffnet laut Kreil die beiden Türen so, dass ein toter Winkel entsteht. Dann stellt er Kreil mit dem Bier in der Hand zwischen die Schranktüren und ruft Ratzinger herbei.

Der Domkapellmeister reagiert überrascht: "Woher wissen Sie das?", fragt er Kreil und lacht. Von da an ist das Eis zwischen beiden schnell gebrochen. Der vor Kurzem verstorbene Papst-Bruder bietet Kreil das Du an und genehmigt sich seine Fuchsbeck-Halbe. "Die hat er allein getrunken. Angestoßen mit anderen Leuten hat er nicht", erinnert sich Kreil. Auch Pfarrer Dobmeier bekommt von der geheimen Aktion in der Sakristei nichts mit.

Viel Prominenz war bei der Trauervesper für Papst-Bruder Georg Ratzinger

Regensburg

Doch warum war der bekannte Kirchenmusiker bei seinem vergleichsweise kleinen Auftritt in Sulzbach-Rosenberg nervös? Schließlich war der Domkapellmeister ein Profi mit Erfahrung auf internationalem Parkett. Kreil dazu: "Ratzinger ist als Dirigent auf die Leistung seines Chors angewiesen. Wird etwas falsch gesungen, bist du der Depp. Das war einfach eine natürliche Anspannung, die auch Experten noch haben." Wie nicht anders zu erwarten, verläuft der anschließende Auftritt wie am Schnürchen - Dank Kreils unkonventioneller Hilfe und dem Fuchsbeck-Bier im Blut dirigierte Georg Ratzinger den Knabenchor souverän wie eh und je.

Im Anschluss an das Konzert gab es einen festlichen Empfang mit Abendessen im Josefshaus. Pfarrer Dobmeier und Bürgermeister Hans Göth hielten Ansprachen. "Ich durfte nicht mit am Tisch der Prominenz sitzen. Aber nach dem Essen hat Ratzinger mich zu sich gerufen. Wir haben uns den ganzen Abend unterhalten und Freundschaft geschlossen", berichtet Kreil.

Während der Bus mit den Chorknaben abreist, bleibt Ratzinger mit seinem Fahrer noch länger bei Kreil. Der Domkapellmeister interessierte sich für die früheren Erziehungsmethoden bei den Domspatzen. Kreil, selbst vier Jahre Mitglied des Chors, kann aus eigener Hand über die harte Zeit unter Ratzingers Vorgänger Theobald Schrems berichten. Um die heute bekannten Vorwürfe zu sexuellem Missbrauch, die es unter Schrems und auch noch in der Zeit von Ratzinger als Domkapellmeister gegeben hat, geht es in dem Gespräch nicht. Ratzinger wollte eher wissen, wie es Schrems gelungen ist, die Jungen musikalisch zur Höchstform zu treiben.

"Natürliche Anspannung"

Kreil berichtet: "Wir haben bei den Domspatzen oft ,Fotzen' bekommen. Es gab Druck, Druck, Druck. Schrems habe die Jungen oft auch angebrüllt oder mit der eisernen Stimmgabel nach ihnen geworfen. "Wenn dich das Ding getroffen hat, dann hattest du eine Bletzen am Kopf." Kreil hat sich später in seiner eigenen Zeit als Pädagoge an der Krötenseeschule von diesen Methoden distanziert: "Das hätte ich selbst so nie angewendet."

Er hat sich mir gegenüber als leutseliger, einfacher Mensch dargestellt, der sehr freundschaftlich war und meistens einen oberpfälzisch-niederbayerischen-Mischdialekt gesprochen hat. Nur seine Erziehung war altmodisch, da
ist er nicht mit der Zeit gegangen.

Klaus Kreil über Georg Ratzinger

Klaus Kreil über Georg Ratzinger

Dennoch hat Kreil Ratzinger positiv in Erinnerung. "Er hat sich mir gegenüber als leutseliger, einfacher Mensch dargestellt, der sehr freundschaftlich war und meistens einen oberpfälzisch-niederbayerischen-Mischdialekt gesprochen hat. Nur seine Erziehung war altmodisch, da ist er nicht mit der Zeit gegangen."

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