20.08.2018 - 15:49 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

"Hör mal, unser Haus singt!"

Weideflächen in Steillagen kennt man von der Almwirtschaft in den Alpen und in Mittelgebirgen. Aber eine Weide in der Senkrechten? Doch, auch das gibt es!

Tausende von Bienen tun sich seit Wochen gütlich an den winzigen Nektarquellen des Wilden Weins.
von Autor RLÖProfil

Zum Beispiel im SRZ-Mustergarten am Meierfeld im Stadtteil Rosenberg. Zugegeben allerdings: Es handelt sich dabei um eine Bienenweide; jedoch eine der besonderen Art, die im "bienenfreundlichen Rosenberg" ihren eigenen Rang hat.

Abertausende von Bienen, Hummeln, Schwebfliegen und andere Fluginsekten holen sich dort seit nun schon drei Wochen köstlichen Nektar. Und das in einer Zeit, in der Trockenheit und Hitze viele Nahrungsquellen für die so wichtigen Bestäuber versiegen ließen. Die Weidefläche in der Senkrechten - das ist nichts anderes als die Fassadenbegrünung des Wohnhauses im SRZ-Garten.

Fast unsichtbar verborgen unter dem dichten Blättervorhang des Wilden Weins, der die Süd- und Westwand des Gebäudes nahezu lückenlos bedeckt, kamen Anfang Juli zu vielen Hunderten die Fruchtstände der Kletterpflanze zur Blühreife. Kleine grüne längliche Kügelchen, die an Dolden wachsen und an ihren Spitzen noch winzigere weiße Blütchen öffnen. Und genau das sind die Punkte der Begehrlichkeit, die nun schon seit Wochen die Fluginsekten in Armee-Stärke anlocken.

Am intensivsten war der Flugverkehr in den Tagen der Annaberg-Festwoche. Da rückten Bienen und Co. tagtäglich in wahren Massen an, da entwickelte sich an der grünen Hausfassade ein ganz eigener Sound aus dem Summen der vielen tausend Insekten, ein "basso continuo" sozusagen der Nektarjäger. Und über das optische Schauspiel dieser Massen-Nektareinfuhr hinaus ein zusätzliches akustisches Erlebnis für die menschlichen Beobachter. "Hör mal, unser ganzes Haus singt!".

Schier noch unglaublicher: Obwohl ganze Wolken von Insekten vom frühen Vormittag bis Sonnenuntergang den Wilden Wein umschwärmten, verirrte sich nicht einer der kleinen fleißigen Erntearbeiter durch geöffnete Fenster oder auf Spaltbreite geöffnete Rollos ins Hausinnere. Keinerlei Aggressivität auch, wenn man sich dem Flugspektakel auf Handbreit näherte.

Tag für Tag ebbt nun der Anflug der Nektarjäger ab, langsam endet die Wildweinblüte. Umso mehr kann sich jetzt der Naturfreund wieder dem Spektakel zuwenden, das sich täglich an der Nordwestecke des Hauses abspielt. Dort, wo der grüne Vorhang des Wilden Weins nahtlos übergeht in ein mindestens ebenso dichtes Wandpolster aus Efeu. Dort, im immergrünen Reich der uralten Symbolpflanze für ewiges Leben, hat sich seit Jahren eine Kolonie von geschätzt Hundert Sperlingen eingenistet. Die gefiederten Dauermieter sind mit ihren Flugmanövern und ihrem tschilpenden Geschwätz allmorgendlich und abends zu ihrer "Abschlussbesprechung" die köstlichsten Unterhalter. Rund eine halbe Stunde dauert sie jeweils, unsere Spatzenkonferenz, dann ebbt das vielstimmige Zwitschern immer schlagartig ab. Gerade so, als hätte der Sitzungspräsident das Spatzenmikro abgeschaltet ... und wenn in Kürze der Efeu "honigt", dann rücken die Flugtruppen erneut an.

Abschließend noch einmal zum Pflanzengrün an den Hauswänden. Mit einem unglaublichen Farbenfeuerwerk setzt der Wilde Wein im Herbst vor dem Blätterfall einen letzten tollen Paukensschlag. Dann kann der Winter kommen. Aber momentan verschwenden wir daran keinen Gedanken. Wandern doch derzeit die zuckersüßen Kletterbrombeeren an der Osthauswand noch regelmäßig ins Naschkörbchen. Und außerdem setzten die Kletterrosen "Aloha" und "Laguna" direkt neben der Brombeere gerade zum zweiten Blütenrausch an. Noch ist der Sommer im Land.

Info:

Tipps zu Fassadengrün, Wand und Kleinklima

Ein intensives Naturerleben vor der eigenen Haustürbekommt nur, wer sich dazu entschließt, Wände oder auch ganze Gebäude zu begrünen. Und sich hinweg setzt über die vielen Bedenken und Warnungen, die gegen Hausbegrünung ins Feld geführt werden.

Am häufigsten wird argumentiert, Dauerbewuchs schädige das Mauerwerk, Hausmauern würden feucht, es drohe Schimmelbefall ... und dann erst der "viele Dreck" und die zusätzliche Arbeit, wenn der Wilde Wein im Herbst seine Blätter abwirft. Dies alles stimmt zum Teil entweder gar nicht oder kann nur passieren, wenn man fundamentale Fehler gemacht hat.

Natürlich sollte eine Fassade, bevor man sie mit Kletterern bepflanzt, frei von Rissen und Löchern sein und einen fest haftenden Verputz (bzw. Farbanstrich) aufweisen. Dann hat Wilder Wein und sogar Efeu keine Chance, ins Mauerwerk einzudringen und Schaden anzurichten. Der Wein zählt ohnehin nicht zu den aggressiven Kletterern und hält sich mit seinen kleinen Haftscheiben selbst an Wänden fest. Nur bestimmte Zierweinarten benötigen helfende Klettergerüste.

Es schadet jedoch grundsätzlich nicht (vor allem wenn man eine Komplettbegrünung der Fassade plant), vor der Pflanzung ein Spaliergerüst zu montieren. Das kann zum Beispiel verzinktes Baustahlgewebe sein, oder - wie im Fall des Wohnhauses im SRZ-Garten - eine Rankhilfe aus schmalen Lärchenholz-Latten.

Und auch das ist wichtig: Eine Fassadenbegrünung ist kein Kurzzeit-Gag zur Gartengestaltung. Das sollte man langfristig betrachten. Das "grüne Haus" ist am besten eine Entscheidung fürs ganze Leben, denn reißt man den Bewuchs nach einigen Jahren wieder herunter, dann hat man in der Tat wenig Freude an tausenden von schwarzbraunen runden Haftscheiben mit Rankresten, die dann hartnäckig an der Fassade kleben und nur schwer zu entfernen sind.

Zum Stichwort Wandklima: Seit Jahrzehnten zieren nun schon Wilder Wein und Efeu das Haus am Meierfeld, und nirgendwo ist bisher auch nur eine Spur von unerwünschter Feuchte aufgetreten. Im Gegenteil: Die Kletterpflanzen mit ihrem stattlichen Durst haben das Fundament des Altbaues aus den 1930er-Jahren, das keine umlaufende Drainage aufweist, innerhalb einiger Jahre regelrecht trockengelegt und sorgen zuverlässig dafür, dass die Kellerwände auch trocken bleiben.

Außerdem schützt der dichte Vorhang der dachziegelartig überlappenden Weinblätter die Fassade vor Starkregen und Hagelschlag. Das grüne Polster wirkt zusätzlich wie eine Klimaanlage, die das Haus in heißen Sommern kühl hält. Unschätzbar gerade in den letzten Wochen mit ihrem Wüstenklima!

Hat man dann noch - wie im vorliegenden Fall - daran gedacht, an die Nord- oder Wetterseite immergrünen Efeu zu setzen, dann hat man dort in den Wintermonaten einen effektiven Kälteschild für die Hauswand. Freilich verlangt der Efeu Wachsamkeit und Rückschnitt, wenn er einmal die Dachtraufkante erreicht hat.

Farbfeuerwerk im Herbst - der letzte Paukenschlag des Fassadenbewuchses im SRZ-Garten am Meierfeld.
Tausende von Bienen tun sich seit Wochen gütlich an den winzigen Nektarquellen des Wilden Weins.
An der Nordostecke des Hauses geht der Blättervorhang des Wilden Weins in ein dickes Efeupolster über. Hier hat eine Spatzenkolonie in Kompaniestärke ihr Zuhause.
Farbfeuerwerk im Herbst - der letzte Paukenschlag des Fassadenbewuchses im SRZ-Garten am Meierfeld.
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